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Meme this!

Kategorie: nachtkritik
Veröffentlicht am Dienstag, 09. April 2019 11:51
Geschrieben von von Nora Strömer

schlachtkritik.de macht sich über den deutschen Theaterbetrieb lustig
und empowert nebenbei dessen Akteur*innen

schlachtkritik.de ist ein Instagram-Account. Ein halbes Jahr nach ihrer Gründung Mitte 2018 hat die Seite 2.966 Follower*innen für sich gewonnen. Die meisten arbeiten im Theaterbetrieb. Grund dafür: schlachtkritik veröffentlicht Memes, also kurze Punchlines, die virale Bildelemente mit immer neuen Texten überschreiben und so Humor generieren. Und: schlachtkritik.de macht Memes über Theater.

Die Meme-Kultur wurde ursprünglich durch Netzgemeinden wie 9gag, reddit und Imgur geprägt und hat mittlerweile Einzug in die Social-Media-Giganten Facebook und Instagram gehalten. Die Bilder verbreiten sich rasend schnell via Netz und sind dabei auf die Interaktion der Community angewiesen: Ein bestimmtes „Template“, also eine bildliche Vorlage, wird oft mit tausenden Bedeutungen überschrieben, die je nach Ort, Zeit und Kontext variieren. Auf Instagram findet man Meme-Seiten über Design, Astrologie und Clubkultur.

Laura Zielinski und Till Wiebel, Gründer*innen und Verwalter*innen von schlachtkritik.de beziehen sich in ihren Memes vor allen Dingen auf die Strukturen und Arbeitsbedingungen des instituti-onalisierten Theaterbetrieb. Während anfangs noch ein Großteil ihrer Follower*innen aus Hildes-heim, wo Zielinski und Wiebel Kulturwissenschaften, bzw. Szenische Künste studieren, kam, folgen ihnen mittlerweile Leute von Berlin bis Wien - viele von ihnen selbst an Stadt- oder Staatstheatern angestellt. „Wir richten unseren Content auch danach, wer uns folgt und versuchen Inhalte für die Community zu generieren. Wenn wir zum Beispiel merken, dass uns auf einmal viele Personen folgen, die im KBB arbeiten, fällt uns auf: Ah, darüber haben wir noch gar nichts gemacht, viel-leicht sollten wir das mal nachholen“, erklärt Laura Zielinski. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise: Memes, die sich aufs Theatertreffen beziehen, auf Debatten fairer Bezahlung und auf Fragen der Repräsentation. Eben alles, was den Betrieb so bewegt.

Die Inhalte speisen sich dabei oft aus Szene-spezifischem Wissen. Wiebel und Zielinski arbeiten zwar nicht am Stadttheater, die Akteur*innen und Strukturen der Szene kennen sie aber trotzdem gut: „Erstmal haben wir beide schon an Stadttheatern gearbeitet — im Rahmen vom FSJ oder pro-jektweise für Assistenzen und ähnliches. Und dann glaube ich, dass viele der Sachen, die in den Betrieben schief laufen, einfach zum Allgemeinwissen der Theaterszene gehören. Man könnte sagen, dass wir eigentlich nur Klischees verarbeiten, aber leider treffen die Klischees oft auch einfach zu“, so Wiebel.

Um auch Echtzeit-Wissen aus den Betrieben zu repräsentieren, bietet schlachtkritik.de seiner Community die Möglichkeit, selbst Memes einzusenden, die dann von der Seite gepostet werden. Das Angebot wird gerne in Anspruch genommen: Von Schauspielenden, Leuten, die in der Freien Szene arbeiten und Studierende der Theaterwissenschaft. Laura Zielinski sieht hierin ein aktivisti-sches Potenzial: „Wir verstehen schlachtkritik.de auch als Austauschplattform für die Szene. Also zum einen, dass es einen Raum gibt, in dem man eigene Erfahrungen bearbeiten und produktiv ma-chen kann und zum anderen, dass man vielleicht sieht, dass man nicht die einzige Person ist, die diese Erfahrungen macht. Ich glaube, dass schlachtkritik.de insofern auch ein kulturpolitisches Po-tenzial hat: Weil es Probleme sichtbar und ansprechbar macht.“

In letzter Zeit bekommen Laura Zielinski und Till  Wiebel häufiger Beiträge von Personen geschickt, die anonym bleiben wollen: „Mittlerweile folgen uns auch viele Accounts von Stadttheatern. Das sind dann natürlich ‚nur‘ die Leute aus der Öffentlichkeitsarbeit, aber ich glaube, es besteht trotzdem die Sorge, dass ein Beitrag, in dem jemand zum Beispiel dem eigenen Ärger über die aktuellen Proben Luft macht, dann plötzlich zu der regieführenden Person durchsickert. Wir überle-gen uns auch immer, ob wir schlachtkritik.de in unsere Lebensläufe schreiben, wenn wir uns ir-gendwo bewerben. Meistens machen wir unsere Entscheidung dann von der Institution abhängig“, erklärt Wiebel.

Die Arbeit von schlachtkritik.de hat tatstächlich Auswirkungen auf die Leben der Community: Häu-fig nehmen die Follower*innen Kontakt zueinander auf, weil sie ihre Lebensrealität in einem Post wiederfinden und tauschen sich privat über ihre Erfahrungen aus. Auch Laura Zielinski und Till Wiebel haben schon solche Gespräche mit ihren Follower*innen geführt: Ihnen viel Kraft für die Endproben und „Toi Toi Toi“ gewünscht. schlachkritik.de ist längst mehr als nur Memes - es ist eine Plattform für Kommunikation, Identifikation und Empowerment in der deutschen Theaterszene und somit explizit (theater)politisch.