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„Die Prüfung“ auf dem Prüfstand

Mit seinem Dokumentarfilm über das Auswahlverfahren der Schauspielstudierenden an der Hannoveraner Hochschule für Musik, Theater und Medien ermöglicht Filmemacher Till Harms einen Blick auf die fragwürdigen Bewertungskriterien und Strukturen der Ausbildungsstätte.

 

Schon „Die Spielwütigen“ (2004) von Andres Veiel hat das Bedürfnis von vielen jungen und theaterbegeisterten Menschen aufgefangen und die Innenansicht einer Schauspielausbildung abgebildet - Der Alltag der Schauspielstudierenden, den so viele als Erfüllung einer Sehnsucht begreifen. Wenn man davon ausgeht, dass sich eine solche Ausbildung im Laufe der Zeit verändert, wird schließlich immer und überall von einer Beziehung von Gegenwart und Theaterbühne gesprochen, ist es vermutlich berechtigt, dass sich nun wieder ein Filmemacher diesem Thema zugewandt hat. Diesmal mit dem Fokus auf das Vorsprechen. In „Die Prüfung“ wird ein Prozess dokumentiert, in dem aus einer Anzahl von 687 Bewerbungen ein Ausbildungsjahrgang von 10 Leuten gemacht wird. Er offenbart Selektionsregeln auf dem Weg in eine „Hochbegabtenausbildung“.

 

Der Film ist ein dramaturgischer Selbstläufer. In Orientierung an den Jahreszeiten und dem modernen Expo Plaza auf dem sich die Räumlichkeiten der Schauspielschule befinden, erkennt man im Zuge des Filmes immer mehr Gesichter wieder. Man erinnert sich an Namen, die schon mal gefallen sind und kann sich letztendlich mit bestimmten Kandidat*innen freuen, wenn sie es im Absolvieren mehrere Bewerbungsrunden immer weiter schaffen. Ähnlich wie bei einer Casting-Show, darf man sich sich als Zuschauer*in von Darbietungen verzaubern oder verstören lassen, darf sich Favorit*innen suchen und mitfiebern. Letztendlich wird man aber auch damit konfrontiert, dass ein Teil der ausgewählten Student*innen den Platz garnicht annimmt, sondern sich für etwas anderes oder eine andere Schule entscheidet. Vielleicht haben sie ja bei den Dreharbeiten mitbekommen, wie über sie gesprochen wird.

 

In der Diskussion der Dozierenden über Bewerber*innen, deren Aussehen nach Maßstäben der Kommission einer deutschen Norm entgegensteht, wird zu bodenlosen Formulierungen gegriffen. Man bedient sich sogar dem Terminus „Asia-Bonus“, was im Kontext einer Betrachtung der deutschen Schauspielensembles lächerlich erscheint, wo Schauspieler*innen mit asiatischem Hintergrund offensichtlich unterrepräsentiert sind. Wer von Bevorteilung spricht, sollte vielleicht darauf hingewiesen werden, dass letztendlich keine einzige Position des Jahrgangs durch eine Person of Color eingenommen wurde.

 

Der Name von Bewerberin Jing Xiang wird kurzerhand zu einem Fantasienamen á la Sching Schang Schong und auch Benito Bause muss, auch wenn er Liebling der Kommission ist, seinen Namen abtreten und sich als „Bonito Benito“ der Diskussion aussetzen. Beide sind mittlerweile in Abschlussjahrgängen anderer Schauspielschulen.

 

Einer anderen Kategorisierung unterliegen alle Bewerber*innen gleichermaßen: Die systematische Reduzierung auf ihr Geschlecht. Die künstlerischen Möglichkeiten werden stets unter Bezugnahme auf ihre Männlichkeit bzw. Weiblichkeit (andere Formen von geschlechtlicher Identität kommen garnicht erst in Frage) eingeschätzt. Die Kategorisierung von Mann und Frau ist logische Grundordnung im Auswahlverfahren. Die Spielaufträge, die den Bewerber*innen in Improvisationen zugeteilt werden, reproduzieren heteronormative und stereotypisierte Narrative. „Hysterische“ beste Freundinnen, die sich gegenseitig nicht ausreden lassen treffen auf  aufmüpfige Adelssöhne, die den aufkeimenden Geist der Revolution in sich spüren und Stühle umschmeißen.

 

Nora Somaini, Professorin für Schauspiel, beschreibt in einem Interview eine besondere Betrachtungsweise auf die Bewerber*innen. Ausgehend vom eigenen Geschlecht und der sexuellen Orientierung wird, so die These, die Möglichkeit zur objektiven Betrachtung von schauspielerischem Talent bestimmt.

 

In Hannover ist es scheinbar nicht die Aufgabe der darstellenden Künste, bestimmte Normen von Körper, Geschlecht oder Subjektmodelle zu hinterfragen. Stattdessen werden genau diese Normen zum Kriterium von Teilhabe und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten sowie zur bestimmenden Rezeptionshaltung erhoben. Inwiefern dieser Hannoveraner Auswahlprozess im Vergleich mit den Verfahren anderer Ausbildungsstätten als exemplarisch zu bezeichnen ist, kann wohl kaum jemand wirklich differenziert bewerten. Aber vermutlich ist er das leider. Unabhängig davon muss unter Rückbezug zum Filmtitel festgestellt werden, dass die Hannoveraner Schauspielschule, mit ihrem sexistischen und rassistischen Verfahren, eindeutig durchgefallen ist.