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State of the State (of the Art). Eine Bestandsaufnahme

Kategorie: Theater. Entwickeln. Planen.
Veröffentlicht am Dienstag, 11. Dezember 2018 17:34
Geschrieben von Von Thilo Grawe und Anne Küper

Das studentische State of the Art-Diskursfestival des Fachbereichs Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation der Universität Hildesheim feierte zum Auftakt des Wintersemesters 2018/19 sein zehnjähriges Jubiläum. Das Jubiläum gab Anlass dazu die Entstehung und Entwicklung sowie Organisations- und Arbeitsstrukturen der vergangenen Ausgaben zu resümieren. In den universitären Strukturen, in denen sich das State of the Art als Festival bewegt, zeichnen sich paradigmatisch Herausforderungen ab, vor denen auch ein professioneller Kunst- und Kulturbetrieb steht, und der die Verhandlungen darüber, was das eigentlich sein soll, neu führen muss. Das zehnte State of the Art (kurz State) kehrte dafür zurück auf die Domäne Marienburg, die, von dem Hochwasser 2017 getroffen, noch immer eine Baustelle ist. Auch wenn der Lehrbetrieb dank erfolgreichem Krisenmanagement ohne große Einschränkungen stattfinden konnte, lassen beispielsweise die größte Bühne des Fachbereichs im Burgtheater und der studentische Aufenthaltsraum noch auf die Wiedereröffnung warten.

 (Lesedauer 35 Minuten)

Dieser Text wagt den Versuch, die Geschichte des State of the Art fragmentarisch zu skizzieren. Dieser Text ist auch der Versuch, eine neue Öffentlichkeit für Gespräche zu schaffen, indem er die Ansprüche an dieses studentische Festival erstmalig sammelt. Während dieser Text Professionalisierungsbewegungen des studentischen Festivals beschreibt, lässt er sich selbst ebenfalls solchen Tendenzen zuordnen. Dabei vertritt und präsentiert dieser Text nur die Perspektiven einiger Studierender, die an seiner Entstehung beteiligt sind. Eine Geschichte des State ließe sich also immer auch anders erzählen.

Gegründet wurde das State als Festival „von uns für uns“, auf dem Hildesheimer Produktionen zu sehen sein sollte. Aber nicht nur einzelne Aufführungen, sondern stets auch Vermittlungsprogramm und Diskussionen gehörten zur Grundidee, so der Dekan des Fachbereichs Jens Roselt zur Festivaleröffnung der Ausgabe 2018. Das Festival gebe es nun genau so lange in Hildesheim wie ihn – zehn Jahre, und beide, Festival und er, seien mit der Zeit dicker geworden. Das State-Programm sei interdisziplinärer und breiter geworden, beschreibt Roselt. Immer schon wurde es jedoch von Studierenden initiiert und durchgeführt. Nach zehn Jahren könne durchaus von einer Tradition die Rede sein.

Aber aus welchen Bedürfnissen heraus ist das Festival damals entstanden? Und sind diese heute überhaupt noch deckungsgleich mit dem State of the Fachbereich? Wohin hat sich das Festival entwickelt? Welchen Möglichkeitsraum eröffnet ein solches studentische Diskursfestival? Von wem wird es getragen und wie kann verhindert werden, dass bei der kurzen Halbwertzeit der Studierenden im Bachelor- und Mastersystem Ideen, Konzepte, Formate und Engagement mit den Studierenden verloren gehen?

Beim State of the State-Talk, der im Rahmen der zehnten Festivalausgabe stattfand, waren Leitungsteams der vergangenen sechs Jahre vertreten und schauten gemeinsam zurück auf die Geschichte des Festivals.

Das erste State of the Art ist aus der Initiative von Carolin Gerlach, damals Diplomstudentin am Fachbereich, und Ulf Otto, Dozent des Instituts für Medien, Theater und Populäre Kultur, entstanden und fand zwei Tage lang im Theaterhaus statt. Die Technik wurde sowohl über den Theaterhaus Hildesheim e. V. als auch extern organisiert und geliehen; alle Nachgespräche wurden von Dozierenden durchgeführt. Das State widmete sich den Fragen, was gerade im Theaterbereich passiere und was eine aktuelle Hildesheimer Ästhetik sei. Versammelt wurden dafür Theaterproduktionen, die im Vorjahr gezeigt worden waren bzw. sich bereits in der Probenphase befanden und dann beim Festival Premiere feierten.

Ab dem dritten State wurden auch Filme gezeigt, womit das Festival sich für andere Disziplinen öffnete und versuchte, durch entsprechende Ausschreibungen vermehrt interdisziplinäre Arbeiten zu ermöglichen: mithilfe des sogenannten CLASH-Format wurden beispielsweise Texte aus dem Literaturinstitut gesucht, die von anderen Studierenden umgesetzt werden sollten. Carolin Gerlach begleitete die ersten drei Jahre des Festivals und war fester Bestandteil der jeweiligen Leitungsteams. Dies ermöglichte einen Wissenstransfer und eine Weiterarbeit an entsprechenden Anliegen, Fragen und Konzepten. Mit dem vierten State wechselte dann das Leitungsteam komplett und wechselte fortan jedes Jahr.

Das fünfte State nutzte die Zahl fünf in seinem Programm, um sie als Anlass für eine Verbindung der fünf Institute des Fachbereichs zu nehmen. Interdisziplinarität wurde zur Leitlinie des Festivals. Die Organisation lag weiterhin jedoch ausschließlich bei Studierenden aus dem Theaterinstitut. Nachgespräche wurden nicht nur von Studierenden durchgeführt, sondern zudem in aufregende Formate und Räumlichkeiten wie den Beichtstuhl oder die mobile Sauna überführt.


Das State of the Art als permanente Arbeit an der eigenen Struktur?

Das Leitungsteam der achten Ausgabe, das aus sieben Studierenden bestand, war das bis dahin personell größte. Diese Gruppengröße führte in besonderem Maße zu entsprechenden Diskussionen darüber, was das Festival sei und wie das eigentlich funktionieren solle mit der Interdisziplinarität. Auch die Frage danach, wie eine Übergabe des Festivals von Leitungsteam zu Leitungsteam organisiert sein müsse, wurde zentral.

Im Zuge dessen wurde von zwei Studierenden aus dem Leitungsteam in Absprache mit dem Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur eine Lehrveranstaltung angeboten, die in Form eines Tutoriums einerseits die Festivalausgaben der letzten Jahre erforschen und andererseits auch, im Nachdenken über Vergangenes, die Zusammenkunft und inhaltliche Profilbildung eines neuen Teams ermöglichen sollte. In dieser Anbindung an universitäre Strukturen, die aufgrund des Engagements einzelner Studierender und Dozierender zustande kam und in dieser Form nur ebenda stattgefunden hat, lassen sich verschiedene Professionalisierungsvorhaben und Konfliktpotentiale ableiten.

Im Angebot des Tutoriums wurde ersichtlich, dass es nur verhaltenes Interesse an der Leitungsposition des State gab. Durch die Fristen von Institutionen, die das Festival finanziell fördern, und entsprechenden Vorlaufzeiten ist es jedoch wichtig, dass sich möglichst schnell ein neues Team bildet. Dennoch blieben mehrere Aufrufe über die Verteiler der Studierendenschaft erfolglos; vielleicht aus Ehrfurcht vor der von Jahr zu Jahr gewachsenen Aufgabe, vielleicht durch das Bewusstsein, dass diese Arbeit ein erhebliches Ehrenamt bedeutet, das sich kaum mit Modulplänen, Studienverläufen und Fragen nach der (Eigen-)Finanzierung des Studiums zusammenbringen lässt. Festhalten lässt sich jedenfalls, dass es sich bei dieser Festivalleitung um eine Position handelt, die man* sich leisten können muss - was einen Teil der Studierenden bereits im Vorfeld systematisch ausschließt.

 Das neue Team bestand schließlich aus vier Studierenden mit dem Hauptfach Theater, die schlichtweg die einzigen Personen waren, die sich eben dafür gemeldet hatten. Sie machten es sich im Rahmen des neunten State zur Aufgabe, das System zur Auswahl der künstlerischen Arbeiten, die während des Festivals gezeigt werden, zu überarbeiten. Auch wenn die Leitung und Organisation des Festivals eine Position geworden war, die hier lange unbesetzt blieb, so war das State selbst unter den Studierenden doch zu einer unausgesprochenen Selbstverständlichkeit geworden. Zudem war die Nachfrage danach, auf dem Festival eigene künstlerische Arbeiten präsentieren zu dürfen, weiter gewachsen: ein Problem, das es bei den ersten Versionen des Festivals noch nicht gegeben hatte. Wie also sollte eine Auswahl getroffen werden, was gezeigt werden darf und was nicht? Das vierköpfige Leitungsteam wollte diese Verantwortung nicht alleine tragen.

Daher wurde zum ersten Mal ein Kurationsteam einberufen, das sich aus allen Bereichen des Fachbereichs zusammensetzen und gemeinsam die Entscheidung über die Auswahl der Produktionen treffen sollte. Dabei sollte ein Fokus auf Wiederaufnahmen liegen. Gemeint waren damit Produktionen, die bereits in einem öffentlichen Rahmen präsentiert wurden und an denen es im nochmaligen Proben und Zeigen ein Interesse am Weiterarbeiten gab.

Trotzdem gab es wie auch schon in früheren Ausgaben weiterhin die Möglichkeit neue Produktionen im Rahmen des State zu entwickeln und aufzuführen, wofür das Festival einen Produktionskostenzuschuss, freie Probenräume und Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stellte. Erstmals gab es auch eine Förderung durch das Institut für Kulturpolitik. Entsprechende Podien und kulturpolitische Veranstaltungen fanden auf dem Festival statt, die sich mit Professionalisierung in den darstellenden Künsten und fairer Bezahlung in der Kulturarbeit beschäftigten.

Durch die Überschwemmung 2017 musste das State auf den Samelsonplatz als weiteren Standort der Universität Hildesheim, die Studiobühnen am Hauptcampus und in das Theaterhaus Hildesheim e.V. ausweichen. Die räumliche Veränderung war hier Chance und Herausforderung zugleich. Einerseits brauchte es deswegen eine Professionalisierung im Bereich der Führung des Publikums, das nun zwischen verschiedenen Orten in der Stadt mobilisiert werden musste. Andererseits gab es durch die sehr kurzfristige und spontane örtliche Veränderung einen Solidarisierungsmoment unter den Studierenden, ein Gefühl des Mithelfens und Anpackens, die Möglichkeit, sich die ungewohnten Räumlichkeiten anzueignen und dort mit der ästhetischen Praxis des Fachbereichs präsent zu werden.

Das Team der zehnten Festivalausgabe 2018 musste sich schließlich ohne entsprechendes Tutorium finden und war weiterhin mit einigen räumlichen Herausforderungen konfrontiert. Für das zehnte State, ein Jubiläumsstate, sollte es zurück zur Domäne gehen. Eine Planungssicherheit gab es dabei nicht, das Ende von Sanierungsarbeiten wurde zugesagt und dann doch verlängert. Dennoch sollten alle wieder auf der Domäne Marienburg zusammen kommen: für ein gemeinsames Festivalgefühl.

Wer soll da eigentlich zu was zusammenkommen? Oder: Wer ist wir?

Das Festivalgefühl stellt sich bei uns nicht ein, nicht so richtig jedenfalls. In verschiedenen Gesprächsformaten wurde darüber gesprochen, dass Besuchende auf dem Festivalgelände fehlen und Personengruppen vermisst würden. „Wo sind die Erstis, die Anderen, alle?“, hieß es da. Die Erwartung, dass dieses Festival der Ort sei, an dem „alle“ zusammenkommen, schien enttäuscht zu sein.

War das schon immer so? Anwesend waren insbesondere die Helfer*innen des Festivals. Sowohl an der Bar als auch beim Auf- und Abbauen übernahmen fast ausschließlich Erstsemesterstudierende die anfallende Arbeit, für die sie Freikarten oder Freigetränke erhielten; ein System, das seit einigen Jahren so beim State durchgeführt wird. Auf dem Gelände sind zudem die Akteur*innen der Produktionen und Programmpunkte anzutreffen. Wenn jedoch nicht gerade eine Party ist, scheint es eher leer zu sein. Oder täuscht unser Eindruck?

Vielleicht verweist die verhältnismäßig größere Anzahl an Besucher*innen bei den Partys auch darauf, dass diejenigen, die den Diskurs um die ästhetische Praxis am Fachbereich führen, eben doch nur ein kleinerer Anteil der Studierendenschaft sind? Ein kleineres „Wir”? Die Studierendenzahlen des Fachbereichs sind dagegen in den letzten Jahren stetig gestiegen, die Seminare zum Vorlesungsbeginn sind überfüllt. 2017 hat es sogar eine Petition an den Landtag gegeben, mit der die studentischen Vertreter*innen für die Qualität der Lehre gekämpft haben: denn bei signifikant mehr Studierenden brauche es auch mehr Räume zum Aufhalten; mehr Stellen, um die Betreuungssituation in den Lehrveranstaltungen, insbesondere bei den Übungen, aber auch bei Abschluss- und Hausarbeiten zu gewährleisten; eine Verbesserung der angespannten Essenssituation an dem unzugänglich gelegenen Kulturcampus.

Welche Öffentlichkeiten gibt es, in denen der Fachbereich 2 sich seiner selbst vergewissert und über gemeinsame Interessen, Bedürfnisse und Erwartungen beispielsweise an ein solches Festival spricht?

Jenseits des Festivals gibt es kaum kollektive Räume der Studierenden. Mit der Sanierung des studentischen Aufenthaltsraums, die weiter anhält, fehlt seit einigen Semestern der zentrale Punkt des Campus, an dem Studierende in ihren Freistunden aufeinander treffen könnten. Die Domäne wurde so immer mehr zu einem Transitraum, an dem nicht mehr verweilt wird.

Eine Studierendenversammlung des gesamten Fachbereichs oder Vollversammlungen der einzelnen Studiengänge haben in den letzten Jahren kaum bis gar nicht stattgefunden, obwohl sie doch hochschulpolitische Möglichkeiten der gemeinsamen Besprechung, Planung, Formulierung von Anliegen wären. Stattdessen hat das jeweilige Organisationsteam des State-Festivals sich an dem selbst auferlegten Prinzip der Interdisziplinarität abgearbeitet und so Verantwortung für die Sichtbarkeit anderer Institute und Fachschaften übernommen, ohne je danach gefragt worden zu sein. Das State „von uns für uns“ folgt nun einer Ideologie des „von allen für allen“, ohne dass diese „Alle“ davon wüssten, sich angesprochen fühlen oder gar beim Festival partizipieren. Hier bilden sich Probleme der landesweiten Kultur- und Theaterlandschaft im Mikrokosmos Universität ab. Es braucht neben dem Festival andere Öffentlichkeiten, an denen der Fachbereich zusammenkommt und über seinen State of the Art im doppelten Sinne spricht. Denn wie kann für ein bestimmtes Publikum gearbeitet und organisiert werden, das seine Bedürfnisse und Erwartungen selbst nicht formuliert? Wie kann dieses Publikum im Sinne einer Teilnahme einbezogen werden in die Organisationsprozesse, wenn es keine Kontaktpunkte mit dem Festival, seiner Organisation und seinen Strukturen gibt?

Jenseits des State of the Art, das sich als studentisches Festival für ein studentisches Publikum versteht - auch wenn immer mal wieder über eine Öffentlichkeit über die Fachbereichs- und Stadtteilgrenzen diskutiert wird - haben sich auch andere studentisch-organisierte Festivals verschiedener Disziplinen professionalisiert. Neben dem tradierten Theaterfestival transeuropa gibt es die Zeitschrift der jungen Literatur, Bella Triste, die das überregional bekannte Prosanova-Festival ausrichtet. Mit dem Klangstärke-Festival gibt es nun auch ein Festival des Musikinstituts. Die Studienbereiche der Kulturpolitik und Philosophie sowie die Populäre Kultur richten Tagungen und Symposien aus, beteiligen Studierende an Programmgestaltung und Organisation.

Wozu braucht es das State of the Art neben diesen großen Veranstaltungen, die über die Domäne Marienburg hinausweisen?

Auf dem State, so scheint es, soll die studentische Praxis der verschiedenen Disziplinen gebündelt präsentiert und diskutiert werden: eine ähnliche Aufgabe also, die auch die Werkschauen des Fachbereichs jeweils zum Ende des Semesters haben und bei denen Arbeitsstände aus Übungen gezeigt werden sollen. Doch auch diese Werkschauen stehen vor ähnlichen Problemen: Wer nimmt daran teil? Welche Beiträge werden dort von wem gezeigt? Welche Öffentlichkeit wird dabei hergestellt? Wie wird über diese Arbeiten gesprochen? Parallel zu den Werkschauen, die meist in die letzte Woche der Vorlesungszeit fallen, finden weiter Seminare statt, mündliche Prüfungen werden abgenommen, Endproben für freie Projekte angesetzt. All das sind Ursachen dafür, dass die Präsentationen schlecht besucht sind. Demnach werden  entweder nur die Präsentationen von befreundeten Kommiliton*innen angeschaut oder die Präsentationen aus den eigenen Instituten. Die Beteiligung und das Interesse der Dozierenden an den studentischen Arbeiten ist ähnlich disparat.

Dabei müssen auch die Übungen selbst in Augenschein genommen werden. Obwohl die Universität es geschafft hat, die praktischen Anteile der Studiengänge trotz der Modularisierung im Zuge der Bologna-Reformen beizubehalten, lässt sich eine andere Arbeitshaltung bei Studierenden und Dozierenden beobachten. Die Übungen sind nicht (mehr) der Ort, an dem freie studentische Arbeiten begonnen werden. Auf eine abschließende Präsentation wird oft nicht nur um ein Arbeiten ohne Ziel zu ermöglichen verzichtet, sondern auch um den Druck herauszunehmen, der durch den Workload der anderen Veranstaltungen und Prüfungen gegen Ende des Semesters ohnehin schon hoch ist. Studentische Projekte entstehen vermehrt außerhalb der Übungen. Und die Studierenden müssen sich das leisten können, denn die vorlesungsfreie Zeit wird dafür genutzt.

Freie Projektarbeiten dürfen mit den studentischen Fördergeldern nicht honoriert werden, Modulabschlüsse bleiben dabei liegen, die Regelstudienzeit wird überschritten und der Anspruch auf öffentliche Förderung ist bald verloren, ohne dass der Abschluss in greifbare Nähe rückt. Mit der Entscheidung neben der Universität an solchen Projekten beteiligt zu sein wird die eigene Prekarisierung entschieden. Die wenigen freien Arbeiten, die produziert werden, werden nicht im Rahmen der Werkschauen gezeigt. So steigt die Nachfrage danach, sie dann im Rahmen des Festivals zu zeigen, um die Aufmerksamkeit der Dozierenden und der anderen Studierenden zu bekommen.

Dabei könnten die Werkschauen selbst zu kleinen Diskursfestivals werden. In dem Wissen darum, dass sie entsprechend organisiert werden und auch entsprechende Beachtung finden, könnte darauf hingearbeitet werden, dass dort Entwürfe und Experimente vorgestellt und diskutiert werden. Das State könnte wieder zu dem Ort werden, an dem diese Projekte eine zweite Plattform bekommen und entsprechend an ihnen weitergearbeitet werden könnte. Doch wer ist für die Werkschau verantwortlich? Wer übernimmt die Organisation? Und wie kann sie vielleicht zu einem gemeinsam Projekt des Fachbereichs werden? Wie können die Zeiten und Räume so aufeinander abgestimmt werden, dass ein wechselseitiges Besuchen und Besprechen wieder möglich wird?

Welches Programm wurde in den vergangenen Ausgaben präsentiert und unter welchen Bedingungen wurde es gezeigt? Wer ist dadurch repräsentiert und welche Tendenzen lassen sich daran ablesen?

Zur Bestandsaufnahme gehört auch eine Analyse des Programms und der künstlerischen Projekte, die beim State vertreten waren. Was wird eigentlich auf dem State gezeigt? Das diesjährige Programm umfasste Ausstellungen, Aufführungen, Konzerte, Partys, Nachgespräche, Gesprächsrunden und Podien. Eine Qualität des Fachbereichs scheint es zu sein, site specific zu arbeiten. Allerdings sind die Räume, in denen gearbeitet wird, oft sehr klein. Das Fehlen des Burgtheaters als größerer Aufführungs- und Versammlungsort macht sich bemerkbar. Auch scheint es ein gesondertes Interesse an kleinen Formaten zu geben, die mit einem spezifischen und sehr reduzierten Publikum arbeiten. Für ein Festival ist das natürlich eine erhebliche Schwierigkeit. Ein kleines Rechenspiel: wenn ein Festival für eine große Anzahl an Studierenden (etwa 800 Studierende im Fachbereich 2) organisiert werden soll, und diese Besucher*innen auch entsprechend etwas zu tun haben sollen, die Produktionen, selbst wenn sie parallel laufen, insgesamt allerdings nur etwa fünfzig Menschen fassen, ist es kein Wunder, dass die auf dem Gelände versammelte Festivalgemeinschaft entsprechend reduziert wirkt.

Die kleineren Formate ermöglichen zwar einerseits ein spezifisches Gemeint-Sein, andererseits verhindern sie aber einen großen Rahmen, bei dem viele Menschen zusammenkommen. Wenn des Weiteren die Filme in Räumen gezeigt werden bzw. aufgrund der räumlichen Engpässe gezeigt werden müssen, in denen maximal dreißig bis vierzig Leute passen, gibt es auf dem Festival keinen Ort, an dem „alle“ zusammenkommen könnten. Gerahmt wird das Programm wiederum durch ein komplexes, analoges Ticketing-System, das für Außenstehende Erklärung bedarf.

Nun kann der Umfang des Festivals eben nicht überspannt werden. Je mehr kleinere Produktionen eingeladen werden, um die aus ökonomischer Perspektive geringe Publikumszahl zu kompensieren, desto größer der organisatorische und logistische Aufwand, alles im Festivalzeitraum unter einen Hut zu bekommen, und desto unübersichtlicher und sperriger werden Programm und Zeitplan. Da aber auf der anderen Seite alle kleineren Produktionen mit einem größer werdenden technischen Aufwand verbunden sind, sind die Ausstattungskapazitäten des Fachbereichs schnell erschöpft. Dazu muss auch erwähnt sein, dass ein Großteil der Technik immer noch allein vom Bereich Theater gestellt wird. Die Frage ist also, auf welchen Schultern das Programm des State lastet und ob dabei nicht Ungleichheiten vorherrschen.

Der Anspruch auf Interdisziplinarität, den es im Bezug auf die Kuration und das Leitungsteam schon gibt, scheint in den dahinter liegenden Strukturen zu fehlen. Die Beteiligten eines Leitungsteam bestimmen immer auch durch ihre eigene künstlerische Praxis, ihr Netzwerk an der Universität und ihren eigenen (inter-)disziplinären Hintergrund den Charakter der Festivals mit. Die Besetzung des Leitungsteams ist aber bewusst keine strategische oder kuratorische Entscheidung. Das Leitungsteam wird nicht zugewiesen, nicht ausgewählt, wird von niemandem besetzt, weil es weder einer Ausschreibung noch Arbeitgeber*innen oder Träger*innen gibt, sondern findet sich schlichtweg selbst. Es entsteht aus Denjenigen, die Lust haben und das Festival ausrichten wollen. Sicherlich auch ein unübersichtlicher Prozess, der von Jahr zu Jahr unterschiedlich reibungslos funktioniert hat. Findet sich ein Team erst durch das Interesse an der Organisation des Festivals zusammen, muss das gemeinsame Konzept für das Festival noch gefunden werden. Das Team muss sich als Leitungsteam erst konstituieren, indem es gemeinsame Erwartungen und Rahmenbedingungen diskutiert. Das braucht Zeit. Herausforderung ist es also das richtige Timing zu finden, sodass die Teamfindung nicht zu lange braucht und erste Förderfristen dadurch verpasst werden. Es stellt sich die Frage danach, in welchem Rahmen und in welcher Öffentlichkeit sich ein solches Team finden kann, und wie viele Studierende von der Möglichkeit erfahren, um dabei sein zu können.

Ein reduzierteres Festivalprogramm für ein wachsendes Publikum?

Während die Produktionen immer mehr für eine kleinere Besucher*innenanzahl gedacht und gespielt werden, wird das State als Festival und sein Rahmen immer größer gestaltet. Es gibt auch hier auf verschiedenen Ebenen Professionalisierungsbewegungen. Professionell meint hier die affirmative Orientierung an überregionalen Festivalstrukturen und Arbeitsweisen. Dabei stellt sich die Frage, ob die permanente Arbeit an der eigenen Struktur im Rahmen der Universität nicht eigentlich die Möglichkeit eröffnet, traditionelle Konzepte zu hinterfragen und zu kritisieren statt sie affirmativ zu reproduzieren. Eine Herausforderung im Falle des State ist, die gegenläufigen Entwicklungen der immer spezifischer entwickelten Formate und der wachsenden Zahl des möglichen Publikums in Einklang zu bringen und dabei den Kontakt zwischen Publikum, Mitgestalter*innen und Festival im Sinne eines gemeinsamen Diskurses nicht zu verlieren. Aber ist das Festival tatsächlich breiter geworden? Das kommt auf die Perspektive an. Die Anzahl der Produktionen hat sich vom ersten State (etwa 30 Produktionen) zum 10. (etwa 11 Produktionen) verkleinert. Der Etat pro Produktion ist dafür deutlich gestiegen - ebenso der technische Aufwand, sowie der gesamte finanzielle Rahmen des Festivals. Dieser ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und lag beim State 8 noch bei 11.000 € - beim State 9 schon bei 14000 €.

Die Arbeitsbereiche des Festivals teilen sich derweil in immer kleinteiligere Departments: vom Küchenteam über die Ausstattung und Dekoration, das Partyteam, die Helfer*innenkoordination usw. All das muss weiterhin vom Leitungsteam, oft als Kernteam bezeichnet, zusammengehalten werden. Die tatsächliche Arbeit, die das Kernteam vollzieht, ist demnach immer weniger künstlerischer Natur, da es mehr koordinatorische Aufgaben übernehmen muss. Es werden unzählige Mails geschrieben, Ticketing-Systeme entworfen und verwaltet, Reservierungen angenommen, eine professionelle Website unterhalten und Festivalbändchen verteilt. Das Festival gibt sich Mühe als professionelles Festival aufzutreten. Unklar ist dabei, woher dieser Anspruch eigentlich kommt, obgleich zu spüren ist, dass es entsprechende Erwartungshaltungen beim Publibreikum gibt. Denn das will bekocht, versorgt und koordiniert werden. Vielleicht braucht es eine Rückkehr zu einer eher anarchischen Grundhaltung, bei der alle ihre Stulle selbst mit zur Domäne bringen, wie es die ehemalige State-Organisatorin Merle Mühlhausen vorschlägt. Oder ein Festival, bei dem erstmal alle da sind und vor Ort entschieden wird, an welchen Veranstaltungen teilgenommen wird, statt den Festivalbesuch bereits von zu Hause aus zu planen, und in Anbetracht einer möglichen Überforderung vielleicht schon entschieden wird gar nicht erst zu kommen. Voraussetzung ist natürlich, dass genug Angebote stattfinden und entsprechend dispositioniert sind. Doch wie kann ein Ort gestaltet werden, an dem es selbstverständlich wird, sich zunächst einfach dort aufzuhalten? Ein Ort, an dem Begegnung wieder möglich wird, an dem verschiedene Leute zusammenkommen, die unter anderen Umständen nicht zusammengekommen wären. Und wie kann das State wieder ein Festival werden, bei dem es ebenso selbstverständlich ist, dass dort keine Dienstleistung eines Teams in Anspruch genommen wird, sondern die Studierenden für dessen Umsetzung und Realisation ebenso verantwortlich sind?

Ein Festival, an dem alle mit anpacken und einen Ort gestalten, ohne gleich Belohnungen dafür zu verlangen und die Arbeit nicht nur an Einzelnen hängt?

Das Dienstleistungs-Missverständnis wird in dem Moment perfide, wenn daran erinnert werden muss, dass die Finanzierung des Festivals keine Honorare oder Aufwandsentschädigungen für das Leitungsteam bereithält, welches während der Vorlesungen und in den Semesterferien das Festival plant. Sollte es beim State und dessen Organisation eher um ein Experimentieren gehen, um Momente des Ausprobierens in einem studentischen Schutzraum, die in erster Linie dem gemeinsamen Austausch dienen, hätte eine Bezahlung für das Leitungsteam natürlich eine andere Währung, mit der von Seiten der Universität aus auch entsprechend argumentiert wir (unbare Mittel wie beispielsweise Credit Points und „Erfahrung”). Gleichzeitig wehrt sich das Festival nun seit mehreren Jahren dagegen, dass es sich bei der Arbeit um ein bloßes Ausprobieren handle, für das keine finanzielle Entschädigung verlangt werden könne. Denn es ist unnötig zu sagen, dass in dem Rahmen, in dem das State of the Art  gerade organisiert wird, kein Ausprobieren in einem studentischen Schutzraum stattfindet, sondern dass dort professionelle Kulturarbeit von Studierenden für den eigenen Fachbereich geleistet wird.

Eine ähnliche Argumentationsstruktur findet sich auch in der Diskussion um Praktikumsstellen im sogenannten professionellen Kulturbetrieb. Bei der Diskussionsveranstaltung „Money Matters” im Rahmen des State 10 wies die Praktikumsbeauftragte des Fachbereichs Julia Speckmann darauf hin, dass es bei solchen studentischen Praktika eigentlich um ein Kennenlernen und einen Einblick in den Arbeitsbereich mit entsprechender Betreuung gehen sollte. Stattdessen werden unter dem Vorwand Freiräume fürs Ausprobieren anzubieten oftmals unbesetzte Stellen als Praktikum ausgeschrieben und und so durch befristete und unbezahlte Studierende kompensiert.

Das Festival als Reizüberflutung für Erstsemester-Studierende?

Der Zeitpunkt, zu dem das State stattfindet, scheint zunächst gut gewählt. Noch bevor die Vorlesungen und Seminare am Fachbereich beginnen, verwandelt sich das Gelände der Universität zu einem Festival. Es ist Homecoming für die Studierenden der höheren Semester, die aus der vorlesungsfreien Zeit zurückkehren, und Begrüßungsritual für die Erstsemester, die das Gelände erst erkunden müssen. Das State of the Art wird durch die zeitliche Platzierung im Oktober somit zu einem Raum, in dem sich das sogenannte Hildesheimer Modell und seine studentische Praxis selbst vermittelt und den neuen Studierenden zugänglich gemacht wird.

Das Programm soll den Fachbereich in seiner ganzen Bandbreite repräsentieren und seine Interdisziplinarität hervorheben. Das Festivalzentrum, das Lagerfeuer und die Partys sind Begegnungsstätten, um sich untereinander kennenzulernen. Bei den Nachgesprächen sollen die gezeigten Arbeiten besprochen werden. Wie wird hier in Hildesheim über die Arbeiten gesprochen? Wer sind die Akteur*innen? Was sind Ähnlichkeiten und Trends? Präsentiert wird das Programm in einem dicken Programmheft und in bunten Timetables. Doch wohin gehe ich, wenn mir keiner dieser Namen im Programmheft etwas sagt? Wenn ich aus den Beschreibungstexten im Programmheft nicht schlauer werde? Wenn alle Angebote parallel laufen und ich mich plötzlich entscheiden muss?

Was für die Studierenden der höheren Semester der Anfang ist, ist für die Erstsemesterstudierenden gleichzeitig das Ende einer dicht geplanten Woche. Einige haben schon am vorherigen Wochenende begonnen auf der Probebühne oder im Filmstudio zu arbeiten, und während des sogenannten Starting Point, einem Kennenlernwochenende unter Leitung von Dozierenden, erste eigene künstlerische Praxis erprobt. In der darauffolgenden Einführungswoche gibt es jeden Abend Programm, von der Erstsemestergala bis zur Kneipentour. Das Festival schließt sich nahtlos an und erwischt die neuen Studierenden genau dann, wenn sie ohnehin am Ende ihrer Kräfte sind.

Leidet das Festival unter Rhythmusstörungen?

Vielleicht ist der Zeitpunkt also doch nicht so richtig gut getroffen. Oder aber der Zeitpunkt ist perfekt für einige Interessen, kann aber eben nicht für alles herhalten, was die Bedürfnisse der Studierendenschaft so ansammeln. Dafür müssen die Interessen aber weiter evaluiert und zusammengetragen werden: auch diejenigen des Dekanats und der Dozierenden, deren Verbindung zum Festival in den vergangenen Jahren immer loser geworden wirkt.

Das State-Leitungsteam 2018 hat eine Hochschulinitiative gegründet. State of the Art ist somit ein offizielles, studentisches Gremium der Universität geworden, das interne Finanzierungsanträge stellen darf und strukturelle Unterstützung wie beispielsweise eigene E-Mail-Adressen sowie Druck- und Kopieretat bekommt. Wenn die Initiative ihren Namen nun ernst nimmt, dann kann das State of the Art nicht nur ein Festival im Oktober sein, dann kann das State auch nicht nur das Festival der Theaterstudierenden sein, sondern es muss gefragt werden, welche Künste dort wie zusammenlaufen können und insbesondere, wie sich die studentische Praxis über das Jahr verteilt auch jenseits des Festivals organisieren und unterstützen lässt. Ein entsprechendes Jahresprogramm bietet dabei die Möglichkeit, das Festival selbst zu entlasten und entsprechende andere Formate mit verschiedenen Schwerpunkten über das Jahr verteilt anzubieten.

Solange aber das Festival ganz unterschiedliche Ansprüche und Erwartungen zugleich erfüllen muss (Diskursivität, Interdisziplinarität, Möglichkeit der Weiterentwicklung und Neuproduktion, um nur einige zu nennen) kann es im derzeitigen Rahmen nur davon erdrückt werden.

Müssen die verschiedenen Perspektiven zunächst auseinandergedröselt werden, um das Festival neu zu knüpfen?

Eine positive Entwicklung ist sicherlich, dass das Forum Szenische Praxis sich gleichzeitig ebenfalls professionalisiert hat. Es ist nun assoziierter Teil der State of the Art-Initiative. Dort können neben der Weiterentwicklung des State Arbeits- und Produktionsbedingungen in Hildesheim diskutiert werden. Das Forum Szenische Praxis und Produktionsbedingungen, so der vollständige Name, hat sich im Wintersemester 2013/14 an der Universität Hildesheim gegründet, um gemeinsam in ein Sprechen über szenische Arbeiten zu kommen. Es ist eine studentische Plattform für Konzepte, Feedback und Probleme des Produzierens. Es dient Studierenden als offenes Austauschformat über künstlerische Projekte, auch und insbesondere außerhalb der regulären Lehrveranstaltungen. Probenstände werden gezeigt und diskutiert, Aufführungen nachbesprochen und Probenprozesse reflektiert. Im kommenden Semester wird das Forum Szenische Praxis alle zwei Wochen einen regelmäßigen Treffpunkt im Theaterhaus Hildesheim anbieten.

Das Forum Szenische Praxis allein kann jedoch nicht das Forum sein, in dem alle Künste vertreten sind, die an der Domäne gelehrt und praktiziert werden - eben weil es sich hierbei wiederum um eine Initiative von Theaterstudierenden handelt. Falls sich nun aber Foren anderer Disziplinen ebenfalls gründeten und organisierten, wie es das Forum Filmische Praxis oder das Performance Art Netzwerk bereits getan haben, und zu Beispiel von der Initiative State of the Art gebündelt würden, könnte eine entsprechende Öffentlichkeit entstehen, die gemeinsam an der Weiterentwicklung des Festivals und gemeinsamen Plattformen arbeiten kann. State of the Art, so wird es zumindest deutlich

Muss das State of the Art sterben?

2019 wird ein Jahr, in dem verschiedene Jubiläumszahlen aufeinander treffen: seit 40 Jahre gibt es die Kulturwissenschaften in Hildesheim, seit 30 Jahren erst die Universität Hildesheim, seit 20 Jahren den Bachelor-Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” und den Alumni-Verein ab.hier.kultur. Der Verein und die Universität wollen deswegen gemeinsam ein Jubiläumsangebot zwischen Festival und Festakt, Tagungs- und Workshopformaten schaffen. Stattfinden soll das zu Beginn des Wintersemester 2019/20 in einer Woche im Oktober, sodass eine Überschneidung mit dem tradierten Zeitraum des States unausweichlich ist. Dies sei, so Matthias Müller, eine bewusste Entscheidung, nicht etwa weil man* vergessen hätte, dass dort üblicherweise das State stattfindet, sondern mit dem Bewusstsein, dass es eine produktive Überschneidung sein könnte. So wird zur Zeit vorsorglich (voreilig ließe es sich auch nennen) ein studentisches Festival bei den Planungen der Jubiläumsfeierlichkeiten mitgedacht, von dem es bisher weder ein Team noch ein Konzept gibt.

Der Fachbereich stellt sich ein umfangreiches Programm vor: ein Festival zur Eröffnung, Workshops, die in der ersten Semesterwoche von Alumni in Form von Übungen durchgeführt werden, ein offizieller Festakt im Audimax und eine abschließende wissenschaftliche Tagung. An der Planung dieser möglichen Jubiläumsakte sind zurzeit im Besonderen Stefan Krankenhagen als Prodekan und Koordinator, Matthias Müller als Vorstandsmitglied des Alumni-Vereins, sowie eine institutsübergreifende Arbeitsgruppe von Dozierenden, beteiligt.

Diese Möglichkeit der Kollaboration von Studierenden, Instituten und der Universität bei der Durchführung des nächsten States trägt sicherlich Potentiale in sich. Dennoch erscheint sie uns auch als nur einmaliger Moment und ist nicht für die Entwicklung einer langfristigeren Struktur und Auseinandersetzung mit Fragestellungen des State of the Art ausgelegt. Und was heißt eine stärkere Anbindung an hochschul(politische) Strukturen? Worin liegen dabei Vor-, aber auch Nachteile? Und was heißt eigentlich dieser gigantische organisatorische Apparat, der dabei wiederum entsteht?

Wenn der Dekan Jens Roselt zur Eröffnung des zehnten States beschreibt, dass das State dicker geworden sei, dann ist nun die Frage, ob das State zu umfangreich geworden ist. Vielleicht muss das State also nicht sterben, sondern zumindest wieder kleiner werden, sich auf Grundideen zurückbesinnen, oder sich zumindest auf neue Grundideen einigen. Vielleicht kann ein Tod aber auch umgangen werden, indem einerseits neue Menschen für das Festival begeistert werden, und andererseits diejenigen mit entsprechenden Erfahrungen und Expertisen ihr Wissen rechtzeitig weitergeben, um die Arbeit zu vereinfachen.

Die verkürzte Historie des Festivals verdeutlicht, dass das State jeweils auf die Bedürfnisse der Studierendenschaft reagiert hat. Unklar ist inwiefern genau diese sich nun verändert haben und was das im Umkehrschluss für das Festival und seine Strukturen heißen könnte. Vielleicht muss dafür das State, im Sinne des Festivals, auch erst einmal aussetzen, damit sich die Studierenden des Fachbereichs darüber bewusst werden können, was eigentlich die konkreten Bedürfnisse sind, um dann entsprechende und spezifische Angebote zu entwickeln. Vielleicht findet das State of the Art nun einfach in anderen Formaten statt: beispielsweise in regelmäßigen Treffen des Forum Szenische Praxis und weiteren Foren. Als Ein-Tages-Festival, als Tagung, als Konferenz, als Arbeitswochenende. Alles ist denkbar.

Die Frage ist nur, in welchen Öffentlichkeiten das diskutiert werden soll und kann. Das nächste State of the Art ist dafür zu weit weg, und wird ohne entsprechende Diskussionen und Neu-Konzeption vielleicht erst gar nicht stattfinden. Gleichzeitig ist das nächste State aber auch angesichts des Drucks, ein neues Team zu finden und Projektanträge zu schreiben, ebenso zu nah. Es befindet sich in einem Dazwischen, einem Zwischenraum der Zeiten, Zuständigkeiten und Sehnsüchte. Es ist jetzt an der Zeit das State zu begraben, oder aber dafür zu sorgen, dass es selbstbewusster und gestärkt aus einer Krise heraustreten kann und verändert weiterlebt.

 

 

Zum Fachbereich 2 der Universität Hildesheim

“Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation”

In den kulturwissenschaftlichen Studiengängen der Universität Hildesheim steht das theoretisch-wissenschaftliche Studium stets in einer Wechselbeziehung zur eigenen künstlerischen Praxis und wird darin erprobt und erforscht. Der Studiengang “Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis” - ehemals “Kultupädagogik” (Diplom) feiert 2019 sein 40 Jähriges Bestehen. Folgende Studiengänge sind im Fachbereich 2 “Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation” versammelt:

Bachelor-Studiengänge (B.A.): “Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis”, “Szenische Künste”, “Philosophie - Künste - Medien”, “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”, Studienvariante Bachelor Plus Kulturpolitik im internationalen Vergleich.”

Master-Studiengänge (M.A.): “Inszenierung der Künste und der Medien”, “Philosophie und Künste interkulturell”, “Literarisches Schreiben und Lektorieren”, “Kulturvermittlung”, “Musik.Welt”

 

Zu den Autor*innen

Dieser Text wurde im Oktober 2018, also nach dem State of the Art 10, als eine Weiterführung der State of the State-Diskussionsveranstaltung verfasst. Der Text wurde von Anne Küper und Thilo Grawe geschrieben und von ehemaligen Organisator*innen des State of the Art sowie verantwortlichen Personen des Forum Szenische Praxis lektoriert. Beteiligt daran waren u.a. Martha Kleinhempel, Carina Kluge, Tobias Gralke, Merle Mühlhausen, Maren Seidel und Laura Steiner.

Thilo Grawe (*1993 in Hamm) studiert seit dem Wintersemester 2017/2018 „Inszenierung der Künste und der Medien (M.A.)“ an der Universität Hildesheim. Thilo versteht sich als Kulturwissenschaftler und Theatermacher. Neben seinem Bachelor-Studium arbeitete er u.a. drei Jahre in der Theaterpädagogik des Deutschen Theaters in Göttingen mit nicht*professionellen Akteur*innen. Er ist Gründungsmitglied der Hochschulinitiative „Probe:Bühne Hildesheim“, ein Austauschformat für forschende Theaterpädagogik. Thilo ist Vorstandsmitglied des Theaterhaus Hildesheim e.V. und Teil des dreiköpfigen Leitungsteams des Nachwuchstheaterfestivals SCHREDDER (BÜROKRATIE 2018/ SCHLAGER 2019).

Anne Küper (*1993 in Krefeld) studiert seit dem Wintersemester 2018/2019 „Inszenierung der Künste und der Medien (M.A.)” an der Universität Hildesheim. Während ihres Bachelor-Studiums in Hildesheim führte sie in verschiedenen Arbeitszusammenhängen ihr Interesse an Selbstinszenierungen, postdramatischen Erzählprozessen sowie kollektiver Autor*innenschaft fort. 2017 absolvierte sie ein Praktikum in der Dramaturgie und Produktionsleitung am PACT Zollverein in Essen und arbeitete als Inspizientin für die Hildesheimer Theatergruppe VOLL:MILCH. Ein wichtiger Bestandteil der eigenen Arbeit bildet für sie die Verbindung von Theorie und Praxis, die sie u.a. in der Leitung von Workshops und Lehrveranstaltungen erprobt.