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Was für ein Zirkus! Warum die Kulturpolitik sich mit dem Neuen Zirkus befassen muss

„Ich finde, wir erleben momentan eine spannende Zeit im Zirkusbereich“ , konstatiert die Artistin Marion Dieterle in der Broschüre „Zirkus Heute“, herausgegeben von der Initiative Neuer Zirkus 2014. Mehr als 15 Artist*innen und Kompanien aus dem Neuen Zirkus kommen hier zu Wort und berichten über ihre Arbeitsweisen und Einflüsse - und sie stellen auch ein Verständnis des Neuen Zirkus zur Debatte. Zirkus als Entdeckungsort, als Subkultur – und immer wieder und vor allem als Kunst. „Wir begreifen Neuen Zirkus als Form der darstellenden Kunst“ , ordnet Choreographin und Regisseurin Stephanie Thiersch das Verständnis ein, das ihrer Zirkusarbeit und auch der vieler ihrer Kolleg*innen zugrunde liegt.

 


Mehr als Nummernprogramm und spektakuläre Unterhaltung


Der Neue Zirkus kommt in seinem Ursprung eigentlich als cirque nouveau aus Frankreich und hat sich dort mithilfe verschiedener kulturpolitischer Maßnahmen ab den 1960er Jahren entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt steckte der traditionelle Zirkus in einer massiven Krise, bedingt durch weniger Zuschauer*innen und steigende Kosten. Eine Modernisierung des Zirkusbetriebs war unumgänglich und wurde durch Jack Lang, Minister für Kultur ab 1981, in einem Drei-Punkte-Plan umgesetzt. So wurde ein Nationalzirkus ernannt und sowohl Förderungen für die Ausbildung im Zirkusbereich als auch für die Arbeit traditioneller und neuer Kompanien bereitgestellt. 
Diese kulturpolitische Intervention ermöglichte die veränderte Ausrichtung von Zirkus: Grundlegende Elemente des traditionellen Zirkus wie das Nummernprogramm, das Zelt und die Manege oder die traditionellen Zirkusfiguren wurden nun ebenso kritisiert, wie Metafragen nach „patriarchalischen Organisationsformen der ‚Zirkusdynastien‘ oder [die] Haltung und Dressur von wilden Tieren.“  Gleichzeitig blieben jedoch die Ideen des Zirkus als Raum für „den Zusammenhalt der Gruppe, die Marginalität gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, [...] Andersartigkeit, Mobilität, vielleicht sogar Freiheit“  erhalten, konstatiert der Ethnologe und Artist Andreas Bartl in seinem geschichtlichen Rückblick.


„Der Neue Zirkus versteht sich als künstlerische Bühnenform. Es dominieren hier theatrale Formate, denen ein dramaturgisches und ästhetisches Gesamtkonzept zu Grunde liegt. Oft arbeitet der Neue Zirkus an der Schnittstelle zu anderen Künsten, wie Schauspiel, Tanz, Musik, bildende Kunst, neuen Medien etc. Die Vermischung der Genres, das Überspringen der Grenzen ist dabei für viele Künstler eine selbstverständliche Möglichkeit Andere durch ihr Tun zu inspirieren und sich selbst inspirieren zu lassen.“ , definiert die Initiative Neuer Zirkus. In dramaturgischen Konzepten arbeitet der Neue Zirkus nun also mit Repräsentationen und Sinnproduktion, die über über einen bloßen Unterhaltungswert hinausgeht. Damit grenzt er sich explizit von weiterhin existierenden traditionellen Zirkusformen, Varieté oder Straßenkunst ab – auch wenn der gemeinsame Ursprung und die Vernetzung untereinander nie in Frage gestellt werden.
Eine weitere Ausprägung im Wandel des Zirkus begann dann in den 1990er Jahren. Als „zeitgenössischen Zirkus“  bezeichnet Bartl jene Aufführungen, die sich - ähnlich wie das performative Theater - auf die Körperlichkeit des Zirkus konzentrieren statt auf Narration zu setzten. „Damit findet der Zirkus über seine spezifische Körperlichkeit in den verschiedenen Zirkuskünsten und speziell über die darin provozierte Konfrontation des menschlichen Körpers mit den ihm eigenen physischen Grenzen und Risiken,[...] schlussendlich sein volles künstlerisches Potenzial wieder.“ , analysiert er.


Der Neue bzw. zeitgenössische Zirkus möchte sich nicht als bloßes Unterhaltungsprogramm sondern vielmehr als Kunstform etablieren und möglicherweise sogar institutionalisieren – auch auf „die Gefahr den Zirkus [selbst] der Einteilung zwischen U- und E-Kultur auszusetzten.“, wie die Vorsitzende des Netzwerk Zirkus und Artistin Verena Schmidt zu bedenken gibt. Für Schmidt liegt eine große Chance des Zirkus gerade in der „Vermischung von ernsthaften, unterhaltenden, traurigen und komischen Momenten, die sich schwer als Ganzes kategorisieren lassen“  und auf diese Weise einen breiteren Publikumszuspruch fänden als Oper oder Theater beispielsweise.
Trotzdem argumentieren die Fürsprecher*innen, zu denen letztlich auch Schmidt zählt, für den Zirkus im Kreis der Hochkultur – und wollen damit neben allen praktischen Entwicklungen des Neuen Zirkus auch eine Veränderung in der Wahrnehmung von Zirkus bewirken, um - allgemein gesprochen - die Produktionsbedingungen im Bereich Zirkus zu verbessern. Dafür kämpfen seit den 2010er Jahren vermehrt Interessensverbände, die mit klaren Forderungen an die Kulturpolitik herantreten – und damit nun auch vermehrt Erfolg haben.


Die kulturpolitischen Forderungen


Das Netzwerk Zirkus ist ein solcher Verein, der sich neben Vernetzung in der Zirkusszene auch in Lobbyarbeit unter anderem für den Neuen Zirkus einsetzt. Ihr Statement ist dabei klar: „Der Neue Zirkus ist in Deutschland von der Kulturförderung ausgeschlossen. Damit stehen grundlegend alle Projekte des Neuen Zirkus vor der Frage, wie sie sich finanzieren können.“  Zwar gäbe es einige Ausnahmen, in denen Städte Finanzierungen übernähmen, doch insgesamt sei die Lage für freie künstlerische Entwicklung prekär.


Es fehle an Produktionsorten, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und gesetzlichen Rahmengebungen.  Es seien kaum Orte vorhanden, an denen nicht nur trainiert, sondern auch künstlerisch gearbeitet werden könne, schreibt der Mitbegründer des Netzwerk Zirkus Tim Schneider 2015.  Auch eine Ausbildung zum oder zur Artist*in ist lediglich an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik in Berlin in Verbindung mit dem Abitur möglich. Weiterführende praktische Studiengänge mit Bachelor- oder Masterabschluss, wie es sie in Frankreich und zahlreichen anderen europäischen Ländern zu finden sind, gibt es in Deutschland nicht.
Als eine Folge sind nichtkommerzielle Kompanien des zeitgenössischen Zirkus in Deutschland viel weniger verbreitet als im Ausland und viele deutsche Artist*innen machten ihre Ausbildung an großen Zirkusschulen im Ausland. Eigentlich ein Paradox, da die Zirkuspädagogikszene in Deutschland ein über Bildungsministerien geförderte und vergleichsweise flächendeckende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Zirkusbereich leistet.


Diese Tatsachen verleiten Schneider zu der Analyse: „Kulturpolitisch ist Zirkus in Deutschland trotz aller Entwicklungen und großer Zuschauerzahlen ein blinder Fleck.“ Die Ursache dieser Situation sieht er darin, dass das veränderten (Selbst)-Verständnis des Neuen Zirkus in der breiteren Masse und auch in der Politik in Deutschland erst langsam ankomme. „Diese fehlende Infrastruktur zu schaffen scheitert häufig daran, dass Zirkus hierzulande selten als Kunstform, sondern ausschließlich als Unterhaltungsform mit maximal kulturwirtschaftlicher Bedeutung wahrgenommen wird.“, beklagt er. 


Doch ein Wandel, eine Aufbruchsstimmung ist in Sicht. „Seit einigen Jahren kommen immer mehr Artisten nach ihrer Ausbildung an internationalen Zirkusschulen zurück nach Deutschland und bereichern mit ihrer Kunstform die hiesige Kulturszene.“ , schließt die Initiative Neuer Zirkus ihre Betrachtung des Neuen Zirkus ab. Die Gründungen des Netzwerk Zirkus und der Initiative Neuer Zirkus selbst Anfang der 2010er Jahre belegen diesen Wandel und ihre energische Reflexions- und Definitionsarbeit eines neuen Zirkusverständnisses trägt als Profilbildung und Anerkennung des Neuen Zirkus inzwischen erste Früchte.


Neuer Zirkus kommt an, auch in Deutschland


Immer öfter wurden in den letzten Jahren zu verschiedenen Festivals aus dem Theaterbereich auch Zirkusproduktionen eingeladen. Auch die Berliner Festspiele riefen 2018 eine Programmschiene zum Zeitgenössischen Zirkus in Leben, kuratiert von Johannes Hilliger und Josa Kölbel und initiiert von Festspielintendant Thomas Oberender. Sie mündete im interdisziplinären Workshop „Originale“, während dem im vergangenen Jahr verschiedene internationale Akteure gemeinsam zu Zeitgenössischem Zirkus arbeiteten.


Aber auch zirkuseigene Festivals, wie beispielsweise das Berlin Circus Festival, das sich seit 2015 explizit auf die Fahnen schreibt „dabei [zu] helfen den zeitgenössischen Circus als Kunstform zu etablieren“,  sorgen seit einigen Jahren für eine Öffentlichkeit neuer Zirkusformen. Die Künstler*innen und Artist*innen kommen dazu aus aller Welt nach Berlin. Auch deutsche Gruppe gastieren mehr und mehr. 2018 gaben die drei Künstler*innen des Still Hungry Kollektivs sogar die Weltpremiere ihres Stücks „Raven“ während des Berlin Circus Festivals, eine Premiere auch in der Förderung für Neuen Zirkus.


In einer Residenz des Kollektivs während ihres Produktionsprozess am Chamäleon Theater in Berlin, das sich selbst als Bühne des Zeitgenössischen Zirkus beschreibt,  steckte dabei erstmalig Geld der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa dezidiert in einer Zirkusproduktion. „Für uns war es sehr befreiend, im Rahmen einer Residenz arbeiten zu dürfen, die sich ausdrücklich dem zeitgenössischen Zirkus widmet“ , resümiert Kollektivmitglied Romy Seibt nach der Residenz, aus der schließlich das Stück „Raven“ entstand. „Raven ist sichtbares Zeichen seiner Anerkennung als öffentlich geförderte Kunstform.“ , zieht Tagespiegel-Redakteurin Gunda Bartels ihr Fazit nach der Aufführung von „Raven“.


Der Neue Zirkus erfindet sich also weiter und fordert Anerkennung für seine künstlerische Arbeit, auch in einem theoretischen Diskurs. Denn nur so scheint es möglich, Förderungsmöglichkeiten und Produktionsbedingungen für den Neuen Zirkus zu verbessern und zu erweitern. Die ersten Grundsteine dafür sind gelegt. Die Initiative Neuer Zirkus wird noch in diesem Jahr als eine Art Zwischenfazit eine weitere Ausgabe ihrer eingangs zitierten Broschüre „Zirkus heute“ herausgeben. Weitere Betrachtungen und Entwicklungen, beschrieben aus der Szene des Neuen Zirkus, bleiben also abzuwarten.