Home

"Momentanindustrie zwischen Stadt und Theater"

Im Spätsommer 2014 wurde das Stadtraumfestival „Momentanindustrie“ am Ringlokschuppen in Mühlheim an der Ruhr in Kooperation mit „Urbane Künste Ruhr“ durchgeführt wurde. Anlässlich der Debatten im Herbst 2014 um die Erhaltung des Ringlokschuppens, möchten wir an dieser Stelle mit einem Text über die Dokumentation des theatralen Ereignisses auf die Arbeit und die Bedeutung des Ringlokschuppens aufmerksam machen.

 

NACHTRAG: Der Ringlokschuppen ist gerettet! Im Laufe weniger Wochen einigte sich der Ringlokschuppen mit der Stadt Mühlheim an der Ruhr und der Mühlheimer Beteiligungsholding auf einen realistischen Konsolidierungsplan für die Jahre 2015 und 2016. Details zur Rettungsaktion können direkt auf der Website des Ringlokschuppens nachgelesen werden:

http://www.ringlokschuppen.de/ringlokschuppen/das-haus/zur-aktuellen-lage/

 

 

 „Momentanindustrie“ zwischen Stadt und Theater

 

Die Dokumentation eines programmatischen Stadtraumfestivals

 am Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

 

 Schleppend, aber unaufhaltsam, zieht sie sich durch die Höhen und Tiefen der Kulturpolitik: Die Debatte um die Veränderungen des deutschen Theatersystems, seinen Strukturen und Managementformen. Welche Funktion haben Stadt- und Staatstheater der heutigen Gesellschaft? Wer sind die Produzenten, wer die Rezipienten? Und was hat ein Theater eigentlich mit dem Ort, an dem es sich befindet, zu tun? Welchen Einfluss nimmt es auf seine unmittelbare Umgebung und andersrum, wie beeinflusst eine Stadt ihr jeweiliges Theater?

 Diese Fragen stellte sich der Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr gemeinsam mit der Kunstorganisation Urbane Künste Ruhr während ihres Festivals MOMENTANINDUSTRIE im Spätsommer 2013. Nach „SchlimmCity“ (2011) und „Ruhrzilla“ (2012) hinterfragten die Kunst- und Kulturschaffenden bei ihrem dritten „Stadtspiel in Realversion“ gemeinsam mit den 100 Beteiligten und über 3000 Besuchern aktuelle gesellschaftliche Themen unter Berücksichtigung der besonderen Lage des Ruhrgebiets.

Allein im Titel „Momentanindustrie“ wird auf die Region und ihre politischen, strukturellen und ökonomischen Probleme aufmerksam gemacht. Die Dauerkrise der Montanindustrie ist auch nach einem halben Jahrhundert nicht überwunden: Auf die industrielle Revolution vor 200 Jahren – die dem Ruhrgebiet enormen Aufschwung brachte, eine industrielle und gesellschaftliche Monokultur schuf, die ausschließlich auf die Bedürfnisse der Montanindustrie ausgerichtet war und Wohlstand in Produktionszahlen und Fördermengen an Kohle und Stahl maß – folgte 1957 die erste Kohlekrise. Heute ist die Region einem permanenten Strukturwandel ausgesetzt.

 In seiner Produktion nimmt der Ringlokschuppen auf eben diese besondere Situation Bezug und fragt, ob die Krise zum unlösbaren Dauerzustand des Alltags geworden sei: „Wo sitzt das Ventil für Finanzkrise, Bankenpleite, Opelwerksschließung, Flexibilisierungswahn und Selbstausbeutung?“

1995 als Sozio-Kulturelles Zentrum gegründet, öffnet sich der Ringlokschuppen immer wieder neuen Formaten und experimentiert spartenübergreifend. Als aufstrebendes Produktionshaus der performativen Künste in der freien Szene sowie Spielstätte der Festivals Ruhrtriennale, Mülheimer Stücke und Impulse, arbeitet das Kulturzentrum meist interkulturell und interdisziplinär mit Künstlern aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Literatur und Installationskunst. In Kooperation mit freien Theaterhäusern und Stadttheatern werden hier postdramatische Theaterformen untersucht und partizipatorische Projekte im Stadtraum initiiert.

Das von der Stiftung Kulturhauptstadt RUHR.2010 und dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen geförderte Stadtraumfestival „Momentanindustrie“ nahm sich 2013 zum Ziel, Begegnungen zu schaffen und die Momenthaftigkeit zu zelebrieren. In dem Gebäude, das vor über 100 Jahren zur Unterstellung von Lokomotiven gebaut wurde und heute Industriedenkmal ist, kamen verschiedene lokale, regionale, nationale wie internationale Künstler zusammen, um den Austausch zwischen Stadt und Theater, Kunstschaffenden und Bürgern zu fördern.

In seiner Performance „Ceci n’est pas…“ bezog der Niederländer Dries Verhoeven mit seiner Gruppe einen Glaskubus in Mitten der Fußgängerzone. Ähnlich einer Freakshow wurden Tag für Tag neue Szenen gezeigt, die unerwartete Bilder für einen Alltag in einem Stadtzentrum darstellen: „Ceci n’est pas l’art“ zeigte einen Wachtmann, der mit einem Hammer auf eine Trommel schlägt. Unter der Überschrift „Ceci n’est pas l’histoire“ sitzt ein dunkelhäutiger Mann mit Lendenschurz an Ketten gelegt in dem Schaukasten. Die Installationen verstörten die Passanten und regten zum Nachdenken an, sie wurden direkt mit der Kunst konfrontiert [schafft Spielsituationen im Alltag und tritt damit in direkten Austausch mit den Bewohnern der Stadt.] Auch das Kollektiv „Invisible Playground“ involvierte Passanten unmittelbar in seinen Aktionen. Gemeinsam mit dem Künstler „Herrwolke“ entwarfen sie das Stadtspiel „Schwarze Fabrik“. Die anfangs aus vierzehn Einzelteilen zusammengebaute Schwarze Fabrik wurde mit Hilfe der Besucher umgestürzt, neu entworfen und in neuer Form wieder aufgebaut.

 Diese und weitere Aktionen von Künstlern wie unter anderem „Ligna“, Bernadette La Hengst oder „copy&waste“, die im Moment ihrer Aufführung entstanden und ihre Wirkung im Hier und Jetzt ihrer Darstellung hatten, versuchte der Ringlokschuppen einzufangen und zu konservieren. Entstanden ist eine DVD samt Dokumentationsmappe, die die Impressionen des Festivals in Form von Fotos, Videos und Texten wiedergibt. Zitate von Journalisten, Beteiligten und Besuchern des Festivals schildern die Erlebnisse und zeigen deutlich, wie über die Aktionen der Künstler die Stadt auf neue Weisen erfahrbar gemacht wurde.

 Der Dokumentation zufolge gelang es dem Ringlokschuppen, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen aller Bevölkerungs- und Altersgruppen zusammenkamen. Seinem Auftrag als Produktionshaus für Theater und performative Künste, Kunst aus ihren Archiven zu locken und zu den Menschen in die Stadt zu bringen, sie einzubeziehen und zu einer bewussteren Wahrnehmung der Stadt sowie Hinterfragen gegebener Strukturen anzuregen, ist das Kulturzentrum gerecht geworden. Die Dokumentation ermöglicht ein Nachwirken der Erlebnisse, archiviert Erinnerungen und inspiriert all diejenigen, die die Momenthaftigkeit nicht erleben konnten. Durch seine offene Herangehensweise und sein engagiertes Wirken im Stadtraum agiert der Ringlokschuppen zwischen Kultur - und Kommunalpolitik zwischen Stadt und Theater.