Die Sozialdemokratie und ihr Kulturverständnis. Wolfgang Thierse eröffnete eine kulturpolitische Veranstaltungsreihe in Hannover.

150 Jahre Sozialdemokratie – 150 Jahre sozialdemokratische Kulturpolitik? Dieser Frage folgt das Kulturforum der Sozialdemokratie in der Region Hannover gemeinsam mit dem Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Zum Auftakt der gemeinsamen Veranstaltungsreihe sprach der Vizepräsident des Deutschen Bundestages Dr. h.c. Wolfgang Thierse. 



Thierse machte deutlich, dass sich die SPD schon immer als Bildungs- und Kulturbewegung verstand. Schon die städtischen Arbeiterbildungsvereine hatten sich gegründet, um den kulturellen und sozialen Aufstieg abhängig Beschäftigter zu fördern. Die Vereine förderten Solidaritätsgedanken und die Idee der Autonomie des Einzelnen. „Heute spricht man von der Autorenschaft des eigenen Lebens“, verwies Thierse auf die Aktualität dieser Gedanken.

Mit der Industriellen Revolution wuchs die Arbeiterbewegung und zugleich ihre Ausgrenzung. Als Reaktion „baute die SPD eine faszinierende Parallelwelt auf“. In Kursen, Vorträgen, Theatervorstellungen, Sportvereinen und Bibliotheken begegneten sich die Sozialdemokrat*innen. Immer mit der Idee der Schaffung einer eigenen proletarischen Kultur. Diese Arbeiterkultur fand nach dem Zweiten Weltkrieg keine Fortsetzung, was Sigmar Gabriel jedoch jüngst als Erfolg wertete: Statt sich abzukapseln, öffnete sich die Sozialdemokratie der ganzen Gesellschaft. Der nun existierende demokratische Konsens ermöglichte dies.

Das Interesse an Kultur verlor die SPD dabei nicht: Das Godesberger Programm von 1959 rückte den Kulturstaat ins Zentrum. Im Programm heißt es: „Durch Verschmelzung des demokratischen mit dem sozialen und dem Rechtsstaatsgedanken soll der Staat zum Kulturstaat werden, der seine Inhalte von den gesellschaftlichen Kräften empfängt und dem schöpferischen Geist der Menschen dient“.

In den folgenden 1960er Jahren war die die besondere Nähe der Intellektuellen zur SPD bemerkenswert. Martin Walser, Günter Grass und viele andere sahen vor allem auch in der Person Willy Brandts den gesellschaftlichen Aufbruch verkörpert.

Dieser Aufbruch formulierte sich auch in der kultur- und bildungspolitischen Diskussion der 1970er Jahre in Slogans wie „Kultur für alle“ und „Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik“. Diese „Kultur von unten“ stellte der so genannten Hochkultur ganz selbstverständlich die Soziokultur zur Seite. Anfang der 1980er Jahre setzte die Sozialdemokratie die Künstlersozialkasse durch und 1998 gab sie der Bundeskulturpolitik mit der Ernennung eines Beauftragten für Kultur und Medien ein Gesicht. „Die Nähe vieler zur SPD hat bis heute auch mit dieser klaren Interessenvertretung zu tun“, so Thierse.

Aus der historischen Betrachtung folgerte Thierse, dass die Kultur neben Wirtschaft und Sozialem die dritte Säule gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung sein muss. „Auch in Zeiten des Internets bleiben Kulturschaffende und Intellektuelle Seismographen ihrer Zeit, ohne die die Entwicklung überzeugender politischer Antworten weit schwerer fallen würde.“ 

Anschließend führte Thierse gemeinsam mit Dr. Anja Kruke und Prof. Dr. Wolfgang Schneider sowie engagierten Menschen im Publikum ein anregendes Gespräch über die Verbindung von Sozialdemokratie und Kultur früher und heute.

Die nächste Veranstaltung der Reihe findet am 17. April 2013 um 19 Uhr im Joseph-Joachim-Saal der Stiftung Niedersachsen in Hannover statt. Unter dem Titel „Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik“ spricht Prof. Dr. Oliver Scheytt mit Bernd Lynack, Susanne Müller Jantsch und Stefan Schostock. Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Schneider