Es geht darum, dass es HIER passiert - Impulse zum Politischen im Theater

Kategorie: Diskurse
Veröffentlicht am Sonntag, 05. Juli 2015 12:50
Geschrieben von Susanna Schmeel

„Alles Theater ist auch politisches Theater, es ist nur die Frage, wie man es füllt“, antwortet Margarita Tsomou dem Journalisten Stefan Keim, der bei einem Gespräch im Rahmen des IMPULSE THEATER FESTIVAL am 13. Juni 2015 im Ringlokschuppen in Mühlheim an der Ruhr unter der Überschrift „Mehr als ein Spiegel.“ die Frage stellt: Was ist Politisches Theater heute?


Margarita Tsomou ist die Frau, die zu Beginn des Gesprächs als Journalistin, Theatermacherin, Aktivistin, Feministin, Tänzerin, Kulturwissenschaftlerin und Performerin vorgestellt wird, wobei der Gesprächsleiter immer noch unsicher ist, ob er damit all ihre Tätigkeitsfelder benannt hat. Und diese Offenheit bezüglich der verschiedenen Schaffensbereiche ist für sie auch einer  der wichtigsten Punkte bei der Beantwortung der eingangs gestellten Frage. Die Grenzen dessen, was Theater ist, müssen offen und verschiebbar sein, findet sie, denn „das beste politische Stück kann manchmal lauwarm auf die Häppchen der Premiere fallen, wenn die eigenen Feldlogiken nicht infrage gestellt wurden“. Dieses Hinterfragen der „eigenen Feldgrenzen“ bezieht sie keineswegs nur auf das Geschehen auf der Bühne, sondern auch auf den institutionellen Bereich. Fragen nach dem Management, nach Teamstrukturen, „aber auch: wie geht man mit Geld um? Von wem lässt man sich bezahlen?“, müssen ihrer Meinung nach stets offene Fragen bleiben.
Offenheit ist auch Florian Malzachers Anliegen, wenn er davon spricht, „den Kreis derer zu erweitern, die mitreden“. Der Festivalleiter sieht in der „ständigen Konsenssuche unserer Gesellschaft“, die Gefahr einer Lähmung und beschreibt es als Aufgabe des politischen Theaters „verschiedene Positionen herauszuarbeiten und zu verhandeln“. Die Frage, welche Form Theater annehmen müsste, um jenen größeren Kreis zu erreichen, den er sich wünscht und ein Verhandlungsraum für möglichst viele verschiedene Menschen und Positionen zu sein, kann er noch nicht abschließend beantworten. Aber in der Suche danach spiegelt das Theater seiner Meinung nach die Suche der Gesellschaft nach Formen, die mehr Raum für Diversität eröffnen. Und es ist ihm auch wichtig, auf der Suche zu bleiben, denn „die Werkzeuge, die politisches Theater braucht, verändern sich immer wieder“.

Performative Intervention als politisches Werkzeug


Für Margarita Tsomou, die sich selbst als „Krawallmacherin“ bezeichnet, ist ein solches Werkzeug die direkte performative Intervention. Erst wenige Tage vor diesem Gespräch hat sie im Rahmen des Projektes Schulden. Eine Befreiung!, welches mit verschiedenen Performances die aktuelle europäische Schuldenproblematik thematisierte, gemeinsam mit Performern und Publikum die zur selben Zeit stattfindende Gala-Vorstellung des Datterich im Darmstädter Stadttheater gestürmt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Berichterstattung über die griechische Schuldenkrise fand sie es unzumutbar, dass „da ein sehr hochkarätiges Medienprofi-Ensemble in einem rückwärtsgewandten naturalistischen Kostümschinken mit einer Romantisierung des Schuldners kokettiert“ und tat mit ihrem Team während der laufenden Vorstellung lautstark chorisch ihre Meinung kund: „Hier stehen die Gläubiger, nicht die Schuldner!“ Harald Schmidt, der auch im Publikum saß, fand das alles „sehr süß“, andere Zuschauer jedoch versuchten empört die Störenfriede gewaltsam zu verjagen und der Aktion folgte, sehr zur Zufriedenheit der Krawallmacherin, ein großer medialer Nachhall. Jedoch betont auch sie, dass dies nur eine von vielen Möglichkeiten ist, das Politische im Theater auszufüllen, denn „möglicherweise ist die radikalste Form wenn du sie zum zehnten Mal siehst einfach nicht mehr radikal“.
Eine solch schnelle Reaktion auf aktuelle Ereignisse, um der unzureichenden Medienberichterstattung etwas entgegenzusetzen, ist auch für Monika Gintersdorfer und ihr ivorisch-deutsches Performanceteam Teil dessen, was politisches Theater sein soll. Häufig beginnt sie mit den Proben, während die politischen Ereignisse, welche das Stück inspirieren, noch gar nicht abgeschlossen sind. Aber da die Prozesse der Antragstellung und der Eingliederung in einen Spielplan nicht gerade geeignet sind, um Zeitgleichheit herzustellen, hat das Team nun das Konzept der Breaking-Performance ausgearbeitet, bei welcher eine in kürzester Zeit entwickelte Performance zu aktuellen Geschehnissen ähnlich wie die Breaking-News das geplante Abendprogramm eines Theaters unterbrechen soll. Allerdings kam es dazu fast noch nie, weil man sich in keinem der befragten Stadttheater breiterklärte, das Risiko einzugehen, eine solche Performance könne den ganzen Theaterabend überschatten.
So stellt sich die Frage, ab wann man unhöflich wird und einfach nicht mehr fragt. Margarita Tsomou findet: „Es muss schon weh tun und Höflichkeit hat damit zu tun, wem man gegenübersteht“. Trotzdem muss, darin stimmt sie mit Monika Gintersdorfer überein, „der Anlass stark genug sein, um einfach irgendwo reinzugrätschen“. Und auch Florian Malzacher betont, dass eine solche Intervention sich direkt aus einer konkreten Situation heraus ergeben muss: „Einen Skandal zu planen, wäre absurd.“

Theater als System freier Sprache


Wem diese Schnelligkeit in der Reaktion auf gegenwärtige Ereignisse wichtig ist, der kann, stellt Monika Gintersdorfer fest, keine Stücke mehr spielen, die im klassischen Sinne von Theaterautoren geschrieben wurden. „Das dauert einfach zu lange.“ In ihren, wie auch in zahllosen anderen  Theaterprojekten jüngeren Datums, entwickeln die Schauspieler den Text des Stückes selbst und sie nennt die Mischung aus Improvisation und erprobter Struktur „ein System freier Sprache“, das auch die erwünschte Offenheit und Beweglichkeit der Dialoge erzeugt. Und auch der Schweizer Regisseur Milo Rau erzählt von einigen Autoren in seinem Umfeld, die auf Grund dieser Veränderungen aufgehört haben, Theaterstücke zu schreiben.
Gerade erst zurück aus dem Kongo, wo er Das Kongotribunal, welches er als das „wohl größenwahnsinnigste politische Kunstprojekt unserer Zeit“ bezeichnet, inszeniert hat, ist er leider in den falschen Zug gestiegen und kommt erst zum Ende der Diskussion und damit kaum noch zu Wort. Kurz beschreibt er jedoch, dass diese neue Form der Stückentwicklung auch dazu führt, dass die Stücke sich häufig nicht mehr von den Schauspielern lösen lassen, die an ihrer Entstehung beteiligt waren, „weil es ihre Texte sind und ihre Geschichten, die sie da erzählen“.
So werden auf verschiedenen Ebenen deutliche Veränderungen in der Form des Theatermachens beschrieben, aber was ist es, das diese Veränderungen hervorruft, was ist denn nun jenes „Mehr als ein Spiegel“, das Politische im Theater?
Florian Malzacher spricht vom „Benennen von Dingen und Sichtbarmachen von Rahmen und Kontexten“ als dem zentralen Potenzial des Theaters. Damit meint er hauptsächlich das Sichtbarmachen und Reflektieren des konkreten Kontextes, in welchem eine Veranstaltung stattfindet und es geht ihm darum, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Theater stets selbst ein politischer Raum ist, der als solcher gemeinsam genutzt werden kann. Auch wenn bei einer solchen Podiumsdiskussion „wir hier vorne reden und ihr da schweigen sollt“, macht das eine Hierarchie sichtbar, die benannt und über die gesprochen werden kann: „Es geht um das HIER passiert es, nicht um das DA passiert es.“
So macht auch Monika Gintersdorfer deutlich: „Politisches Theater ist keine Vorwurfskultur, kein ‚Hey, da ist ne Krise, warum wisst ihr das nicht?!’“ Sie behandelt zwar in ihren Stücken politische Inhalte, aber nur solche, die in ihr eigenes Leben und in die der Performer direkt eingreifen. Ihr Anliegen ist es, das zu teilen, wovon sie betroffen ist, ohne privat oder persönlich zu werden. So handeln ihre Arbeiten nie nur von äußeren politischen Strukturen, sondern auch von denen, die sich innerhalb des Teams ergeben und jedes Aufzeigen einer politischen Situation ist immer auch Formulierung der eigenen Betroffenheit davon, des eigenen Involviertseins. „Wir stürzen uns nicht auf jeden Krieg“, sagt sie und beschreibt, wie sich aus dem konsequenten künstlerischen Weiterverfolgen der Themen, die sie und ihr Team bewegen, eine aussagekräftige Kontinuität ergibt, die den Kern ihrer Arbeit bildet.

Politisches Interesse kreiert künstlerischen Ort


Margarita Tsomous Kernanspruch ist die Verschiebung, die Beweglichkeit und Durchlässigkeit erzeugt. Grenzen, Identitäten, Raum-Zeit-Situationen und Wahrnehmungen sollen und können durch Theater verschoben werden. So beschreibt sie im Zusammenhang mit dem Projekt Schulden. Eine Befreiung!, bei welchem über neun Tage hinweg jeden Abend eine neue Performance gezeigt wurde, die erst am selben Tag entstanden war, das Darmstädter Publikum: „Das war für die eine Unterbrechung ihrer Wahrnehmung, dass wir jetzt noch nicht wissen, welche Szene gleich kommt“. Für sie ist das Moment der Störung, auf welcher Ebene auch immer, welches ein Um- und Andersdenken erzwingt, das Politische im Theater.
In dem noch laufenden Projekt von Milo Rau zeigt sich noch ein anderer Ansatz. Während der kongolesische Bürgerkrieg noch immer tobt, inszeniert er eine Gerichtsverhandlung, an welcher unter anderen der Rechtsanwalt Edward Snowdens beteiligt ist, über die Frage nach der Kriegsschuld. Die Verurteilung des Militärs und eines Rohstoffkonzerns, sowie der Freispruch der UNO, die sich daraus ergaben, haben zwar keine rechtliche Wirkung, aber, bemerkt der Regisseur nüchtern, „es gibt im Kongo sowieso keine Gerichtsurteile mit rechtlichen Folgen“. So erzeugt er mit seiner Arbeit dort, wo sich sein politisches Interesse hinwendet, einen künstlerischen Ort des Geschehens und die Antwort auf die Frage nach dem politischen Theater beinhaltet für ihn offenbar auch, auf eine globale Politik mit globaler Kunst zu reagieren. „Wenn man mich später fragt: Was hast du getan, als sechs Millionen Menschen im Kongo gestorben sind?, dann will ich nicht sagen müssen: Ich habe in Paris einen Roman von Michel Houellebecq dekonstruiert.“, sagt er der Süddeutsche Zeitung.
Vier verschiedene Ansichten innerhalb eines Forums, das laut Stefan Keim „gerade für dieses Thema nicht wirklich zu toppen ist“ nähern sich in diesem Gespräch jener geheimnisvollen Unbekannten, die mehr sein soll als ein Spiegel und scheinbar unermüdlich wieder und wieder die Aufmerksamkeit der kulturpolitischen Debatte auf sich zieht. Was ist politisches Theater heute? Auch in dieser Diskussion wurde viel dazu gesagt und doch scheint die Antwort, wie ein Spiegel im Spiegel, zwar unendlich anwesend, aber doch nie ganz greifbar zu sein.