Lilienthals Kammerspiel: Experiment mit Happy End? Eine kulturpolitische Chronologie der Ereignisse

Es gibt diese Phase im Berufsleben eines jeden, da meint man, die Welt läge einem zu Füßen, alles liefe tip-top und man sei in Bestform. Und es gibt eine Phase, da passiert genau das Gegenteil. Alles und jeder scheint sich gegen einen verschworen zu haben, nichts läuft rund, es hagelt Kritik von allen Seiten. Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, scheint sich aktuell, den Stimmen aus Publikum und Presse der letzten Monate nach zu urteilen, in der eher schwierigen Phase zu befinden. Eine heiße Debatte ist losgebrochen, Lilienthal mittenmang und ein Happy End scheint nicht in Sicht. In der Kritik geht es um zu viel Party, zu viel Sozialverein, zu wenig Kunst und letztlich auch darum, was ein institutionelles Theater heute sein soll, sowohl für sein Publikum, als auch für seine Beschäftigten.

 

„Die beste freie Gruppe“

Anfang Oktober 2016: die mit großer Spannung erwartete Premiere von „Unterwerfung/Plattform“, die ursprünglich von dem französischen Regisseur Julien Gosselin inszeniert werden sollte, wurde kurzfristig erst an den Hausregisseur Nicolas Stemann weitergegeben und schließlich ganz abgesagt. Nach dieser Enttäuschung folgte die Bekanntgabe dreier Kündigungen aus dem Ensemble; die Schauspielerinnen Brigitte Hobmeier, Katja Bürkle und Anna Drexler verlassen zum Ende der laufenden Spielzeit die Kammerspiele. Hobmeier sagt, sie fühle sich nun, nach über einem Jahrzehnt an dem traditionsreichen Münchner Theater, künstlerisch unterfordert, so die Süddeutsche Zeitung (SZ). Matthias Lilienthal erklärt, dass er den Weggang der drei Schauspielerinnen sehr bedauert. Er findet jedoch nichts Ungewöhnliches daran. „Dass Schauspieler das Ensemble eines Theaters verlassen, ist immer wieder ein Normalfall“, so Lilienthal gegenüber der Münchner Abendzeitung. Die SZ hingegen, allen voran Christine Dössel, ihres Zeichens Theaterkritikerin, sieht diese Vorgänge rund um die Kammerspiele nicht so gelassen. Gleich mehrere Artikel, inklusive Aufmacherseite im Feuilleton, künden im November vom Scheitern des neuen Kammerspiele-Chefs. „[D]as meiste ist Mittelmaß, harmlos, oberflächlich, simpel: Pipifax-Theater mit dem Anspruch, erklärend, belehrend und gerne auch migrationshintergründig sozial, global und politisch korrekt zu sein“, ist hier unter anderem am 11. November 2016 in der SZ zu lesen. Zudem sei die Internetpräsenz der Kammerspiele absolut chaotisch gestaltet, Mitarbeiter_innen und Publikum seien vom künstlerischen Programm unterfordert. Er mache „aus dem Haus eine Art Gastspielbetrieb mit angeschlossener Partyzone“ und nenne „sein Ensemble, in dem Schauspieler nicht mehr gepflegt werden, die 'beste freie Gruppe Mitteleuropas'.“ Das Magazin Theater heute schreibt, ein gutes Konzept reiche eben nicht aus. Des Weiteren sei gegen ein Gastspiel, eine Lesung oder ein Konzert prinzipiell nichts einzuwenden. Man müsse aber bedenken, dass Konzertveranstalter, die nicht subventioniert werden, dadurch erheblich unter Druck geraten.

Matthias Lilienthal, 1959 in Berlin geboren, war bereits Dramaturg am Theater Basel und Chefdramaturg der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, bevor er im Jahr 2003 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Berliner Hebbel-Theater-GmbH wurde. Das Theater Hebbel am Ufer (kurz: HAU), als Theaterkombinat mit drei Spielstätten, ohne eigenes Ensemble, fungiert als Plattform für verschiedene Gastprojekte aus der Darstellenden Kunst. Seit der Spielzeit 2015/16 ist Lilienthal, Nachfolger Johan Simons und vom Münchner Kulturreferenten Hans-Georg Küppers bestellt, Intendant an den Münchner Kammerspielen. Lilienthal kündigte bereits vor Amtsantritt an, bestimmte Ästhetiken der Freien Szene ins Stadttheater integrieren zu wollen. Nach eineinhalb Spielzeiten sehen Feuilleton und Theaterliebhaber die Zeit für einen kritischen Rückblick gekommen.

„Wir sind eine Truppe“

Am 20. November 2016 sieht sich die Leitung der Kammerspiele genötigt, als Reaktion auf den SZArtikel, eine Podiumsdiskussion mit der klar formulierten Frage „Welches Theater braucht München?“ zu veranstalten. Christine Dössel ist auch geladen. Sie steht zuweilen selbst in der Kritik, so der Deutschlandfunk, ihr fehle es an Offenheit. Laut Deutschlandradio Kultur weist Annette Paulmann, Schauspielerin im Ensemble, Dössels Vorwürfe sowohl über Gosselins Abbruch, als auch über die angeblich mangelnde Fürsorge des Intendanten gegenüber seiner ihm anvertrauten Künstler, vehement zurück. „Wir sind eine Truppe“, erklärt sie. Lilienthal möchte vor allem das Experimentieren als Konzept erklären und bittet sein Publikum um Geduld und „Durchhaltevermögen“, heißt es im Deutschlandfunk. Zuletzt ist das Ergebnis dieser Debatte alles andere als klar, man kommt nicht zu einer gemeinsamen Antwort auf die Frage, welches Theater München denn nun braucht. Bereits kurz nach der Veranstaltung werden Stimmen auf nachtkritik.de laut, es habe keine echte Debatte gegeben, das Publikum hätte nur aus Internen bestanden und überhaupt, es sei alles bloß Show gewesen. Egal, es sei ohnehin zu früh, jetzt bereits ein abschließendes Urteil zu fällen, das Experiment „Münchner Kammerspiele“ sei schließlich noch in vollem Gang, lautet einer der Kommentare.

Von der Politik kommt die Kritik am Intendanten und seinem Programm im Kulturausschuss des Stadtrats am 24. November 2016 von Seiten der CSU, die sich, laut Münchner Abendzeitung, einen ausgewogeneren Spielplan für die Stadt München wünscht. Sie hatte einen Dringlichkeitsantrag gestellt, um Auskunft über die exakten Zahlen des Theater zu bekommen, berichtet der Münchner Merkur. Kulturreferent Küppers meint hingegen in der Münchner Tageszeitung: „Krise? Nein! Die Kammerspiele sind in einem Veränderungsprozess. Das braucht Zeit.“ Während der Stadtrat, aber auch Grüne, SPD und FDP sich in der Diskussion hinter Lilienthal stellen, möchte Marian Offman von der CSU, eine schriftliche Besucherbefragung durchführen und diese, falls nötig, auch durch politischen Beschluss erwirken. Der Stadtrat sieht eine solche Befragung eher kritisch, heißt es in der Münchner Abendzeitung.

In der Tradition seines Vorgängers?

Was ist dran an der zum Teil heftigen Kritik? Liegt Lilienthal wirklich so falsch mit seinem experimentellen Kurs? Oder sind die Münchner Theatergänger einfach noch nicht bereit für frischen Wind und neue Formate? Einige sprechen sich bewusst für das Konzept Lilienthals aus, wie beispielsweise Sven Ricklefs vom Bayerischen Rundfunk. Er findet, Lilienthal stehe mit seinem Programm voll in der Tradition seines Vorgängers Johan Simons, der sich während seiner Zeit als Intendant der Münchner Kammerspiele bereits am Genre-Crossover und an neuen Regie-Formen versucht hätte. Die Öffnung des Theaters für die Freie Szene sei eben der nächste Schritt. Nachtkritik.de schreibt, Christoph Leibold vom Deutschlandradio Kultur, sehe diesen Schritt teilweise bereits geglückt, „wenn große Schauspielkunst auf performative Theaterstrategien trifft“, wie zuletzt in Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Wut“ oder Yael Ronens „Point of No Return“. Auch Anke Dürr von Spiegel Online meint, Kritiker_innen würden ihre private Nostalgie und ihre eigene Zukunftsverdrossenheit auf die Kammerspiele projizieren und einen nicht vorhandenen Skandal „herbeischreiben“.

Am 13. Januar 2017 gab es schließlich eine erneute Aussprache, diesmal zwischen Lilienthal und enttäuschten Theater-Abonnent_innen. Wieder ein Beitrag von Leibold, diesmal im Bayerischen Rundfunk erschienen, macht deutlich: wirklich kontrovers ging es in dieser Runde wohl nicht zu; die Theaterbesucher_innen äußerten nur sehr verhalten Kritik und diese bezog sich mehr auf Service- denn auf Inhaltsfragen. Leibold bemerkt, dass dies zunächst positiv klingt, andererseits aber auch ein Zeichen dafür sein könnte, dass sich wirklich verärgertes Publikum nicht mehr die Mühe machen wollte, überhaupt noch zu erscheinen.

Beste Voraussetzungen

Andreas Kriegenburg, der als Regisseur durch seine Arbeit, sowohl an den Kammerspielen, als auch am Residenztheater, bestens mit der Münchner Theaterszene vertraut ist, sagte in der Münchner Abendzeitung, dass ein Theater eben nicht versuchen sollte, etwas anderes sein zu wollen, als das, was es ist. Ein Nebeneinander verschiedenster Formen sei völlig akzeptabel, das eine dürfe jedoch nicht mit dem anderen ausgetauscht werden. Andernfalls würde man sich von einer „Traditionslinie“ entfernen, „die einen Bewusstseinskern der Gesellschaft darstellt.“ Die Münchner Kammerspiele stehen als ehrwürdiges Theater und kulturelle Wirkungsstätte in einer langen Tradition. Und Tradition verpflichtet; nicht zur Entscheidung gegen aber zur Bewahrung von etwas. Wie können Werte aufrechterhalten und gleichzeitig innovative Veränderungen auf den Weg gebracht werden? Die Antwort darauf steht nicht in einem Lehrbuch und deshalb ist es, wie Lilienthal sagt, ein Experiment - aber eines, das sich zu wagen lohnt. Denn was die gesamte Debatte auf jeden Fall beweist, ist, dass das Münchner Theater vielen sehr am Herzen liegt. Das kann man sowohl den Kritiker_innen, als auch Matthias Lilienthal uneingeschränkt attestieren und das wiederum ist die beste Voraussetzung für ein Happy End.