DAS HERZ-STÜCK

Über die Praxis der Ensemble-Kündigung beim Wechsel der künstlerischen Leitung

Ein Zwischenruf von Fiona Kastrop

 

Ende des vergangenen Jahres wurde die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert. 

 

Damit wird auch die besondere deutsche Ensemble-Landschaft gewürdigt und wie der Vizepräsident der deutschen UNESCO-Kommission, Christoph Wulf anmerkt: „Jedes Theater- und Konzertereignis ist ein Raum des Erlebens und Erkennens der Welt aus neuen Perspektiven. Theaterensembles und Orchester sind wichtige Akteure in der gesellschaftspolitischen Gegenwartsdebatte. Sie gestalten so unser Gemeinwesen und unsere Zukunft mit.Unsere Theater sind lebendige Kulturakteure in ihrer Region. Die Kulturform trägt damit auch wesentlich zur lokalen und regionalen Identitätsbildung bei.“1

Geht es aber um konkrete Anlässe, ist es mit der gesellschaftspolitischen Gegenwartsdebatte und der Identitätsbildung nicht weit her. Denn gegenwärtig sieht es so aus: In den nächsten Jahren kommen nicht wenige neue Intendantinnen und Intendanten auf die deutsche Theaterlandschaft zu. Für Theaterleute und ihr Publikum ein spannendes, chancenreiches, aber auch sorgenvolles Ereignis. Und das hat etwas mit einem alten „Brauch“ zu tun - für die Theaterhäuser bedeutet es Kündigung und Austausch fast des gesamten künstlerischen Personals. Erklärt wird diese Praxis damit, dass der neuen Theaterleitung volle künstlerische Freiheit und die Möglichkeit zur eigenen Profilsetzung gegeben werden soll. Soweit verständlich. Für die Ensemble - Mitglieder bedeutet es jedoch (und diese sind hier beispielhaft genannt, es betrifft genauso Dramaturgie, Vermittlung, sämtliche künstlerischen Abteilungsleiter, Öffentlichkeitsarbeit, Regieassistenz und viele mehr) die völlige Abhängigkeit ihrer beruflichen und sozialen Existenz von dieser einen Position. Dazu gehört die ohnehin oft unüberwindbare Hierarchie an deutschen Theatern, die Ungewissheit durch vergleichsweise kurze, meist einjährige Vertragslaufzeiten, geringe Transparenz in künstlerischen Belangen wie in etwa Spielplan-Planung und Besetzungslisten.

Im besten Fall ist ein Ensemble ein über einige Jahre zusammengewachsenes künstlerisches Kollektiv. Eine Einheit, die in einem relativ geschützten Rahmen gemeinsam Arbeiten realisiert. Arbeiten, die die Zuschauer bewegen, gesellschaftskritische Fragen stellen, inspirieren und ermutigen. Ein Publikum mit einer kontinuierlichen Beziehung zu „seinem“ Theater, das mit Interesse die kulturpolitischen Fragen darum verfolgt oder selbst in Theatern aktiv ist, ist eines, dass sich auch mit dessen Ensemble identifiziert. Kurz: Das Ensemble, in den Medien nicht selten als „Herzstück“ bezeichnet, vertritt das Theater nach außen.

Kommt es zu einem Wechsel der Intendanz und eine „Nichtverlängerung“, wie es am Theater heißt, wurde seitens der Stadt oder der entsprechenden Person ausgesprochen, beginnt ein häufig undurchsichtiger Prozess. Weil es weder für Stadtbevölkerung noch Mitarbeiter/innen der Institutionen ersichtlich ist, wer, wen, wie und warum zur neuen Intendanz erwählt wird. Schlimmstenfalls kann die Stadtbevölkerung keine Bindung mehr zu ihrem Theater aufrecht erhalten, es wird zur „fremden Stadt“.

Wem gehört das Theater? Wer ist das Theater? Wer oder was macht das Theater aus? Die künstlerische Aussage, das Ensemble, die Zuschauer oder die Intendanz? Stadtbevölkerung und Theater geraten nicht selten in eine Identitätskrise. Nur, wieso werden diese Hierarchien akzeptiert? Ist die Entfremdung schon so weit fortgeschritten, dass dieses Missverhältnis niemandem mehr auffällt?

Völlig anders sieht es übrigens in den Orchestern aus, die ebenfalls von der UNESCO nominiert wurden. Dort ist selbstverständlich, was für Theater in weiter Ferne liegt: Mitarbeiterfreundlichere Arbeitsverträge- und Zeitregelungen, Mitbestimmung bei der Leitungswahl und häufig auch deren Einarbeitung durch ihre Vorgänger*innen. Alternative Modelle für das Theater müssen her und das Potential des künstlerischen Kollektivs sollte durch flache Hierarchien deutlicher wertgeschätzt werden. Dazu gehören beispielsweise mögliche längere Vertragslaufzeiten, demokratische Strukturen, Leitungsteams statt einzelner Persönlichkeiten. Denn wie kann ein Theater von gesellschaftskritischer, inspirierender Arbeit sprechen, wenn es strukturell und organisatorisch irgendwo im vorletzten Jahrhundert hängengeblieben ist? Das muss nicht zwangsläufig die Abschaffung aller Intendanzposten bedeuten: deren Besetzung könnte mit mehr Mitsprache und Transparenz für Haus und Publikum erfolgen, Schauspieler/ -innen und künstlerisches Personal könnten für eine Zeit über die Neubesetzung hinaus weiter beschäftigt werden.

Die Würdigung der UNESCO-Kommission kann entsprechend auch als Aufruf verstanden werden, nach neuen Perspektiven Ausschau zu halten und in Zukunft besser acht auf unser vielleicht-Weltkulturerbe zu geben.  

 

Online: https://www.unesco.de/kultur/2016/deutsche-theater-und-orchesterlandschaft-fuer-unesco-liste-des- 1 immateriellen-kulturerbes-nominiert.html (Abgerufen am 25.03.2017)