Lobgesänge. Abgesänge. Der Fall Dercon - eine kulturjournalistische Zusammenschau

Kaum ein anderer Wechsel in der Intendanz eines deutschen Stadttheaters hat in den letzten
Jahren soviel Wirbel verursacht wie die Besetzung Chris Dercons als Frank Castorf Nachfolge an
der Volksbühne Berlin.

Am 13. April 2018 lässt die Pressestelle des Berliner Senats folgende Erklärung verlauten: „Klaus
Lederer (Die Linke) und Chris Dercon einigen sich auf die Beendigung der Intendanz“. Das
Konzept Dercons sei nicht wie erhofft aufgegangen und der designierte Geschäftsführer Klaus
Dörr werde nun kommissarisch die Volksbühne verwalten.1

An den folgenden Tagen überschlagen sich Kommentare, Skandalisierungen und Enthüllungen
über die Causa Dercon und scheinbar jede Tageszeitung nimmt Stellung zum Rücktritt Dercons.

 


Experiment gescheitert?


Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht einen investigativen Artikel: „Die 225 Tage von Chris
Dercon - eine Chronologie eines Desasters,“2 indem ein Team von  NDR, rbb und SZ das
Scheitern der Kulturpolitik und die Überforderung Dercons seit der Benennung bis zum Rücktritt
skizzieren. Der frühere Kulturstaatssekretär Tim Renner hätte Warnungen und Zweifel der
späteren Programmdirektorin Marietta Piekenbrock ignoriert und auch die fatale Finanzplanung
Dercons sei nicht als Grund für ein fehlgeleitetes Konzept gelesen worden. Zu der 2016 geplanten
Bespielung der Tempelhofer Hangars kam es aufgrund der unrealistischen Kalkulation nie.
Es gibt wenig Stimmen die Dercon nach solchen Schilderungen noch verteidigen. Das Monopol
Magazin veröffentlicht noch am Tag der Bekanntgabe einen Artikel mit dem Titel: „Dercon verlässt
die Volksbühne - das Experiment ist vorbei“.3 Chris Dercon habe zwar als Intendant Fehler
gemacht, er sei aber vor allem Opfer einer nie da gewesenen Hasskampagne gewesen. Mit
seinem Rücktritt falle nun der Vorhang zwischen Kunst und Theater. „Die selbst ernannten Retter

Castorfs spucken Gift und Galle auf der Facebook-Seite der Volksbühne, unter jedem Beitrag, an
jedem Tag. Theaterkritiker wüteten mit Schaum vor dem Mund gegen jeden Schritt, lange bevor er
überhaupt angefangen hatte. Schon bevor die Medien heute Morgen seinen Rücktritt meldeten,
prangten Plakate rund um die Volksbühne, mit der hämischen Aufschrift: "Tschüss, Chris,“ schreibt
die Monopol - Journalistin Elke Buhr.
Während in der Chronologie der Süddeutschen berichtet wird, Dercon hätte einen Bühnenmeister
der Volksbühne gefragt, was das für ein Beruf sei, schreibt Zeit Online, dass Dercon als Chef toll
gewesen sei. Der Castorf - Biograph Robin Detje lässt amüsiert verlauten: „Zum Gedenken an
Dercon sollte man als Dauerinstallation eine Flasche Champagner auf das Volksbühnen-Dach
stellen und ein leeres Glas, das auf ihn wartet. Ein Denkmal der Gelassenheit, des Friedens und
der Höflichkeit.” Die Fragen, die er in Bezug auf die Kunst gestellt habe, seien intellektuell
bestechend gewesen. Chris Dercon - dass sei ein Mann, der einfach niemals Freunde in Berlin
gefunden hätte.4


Zweifelhaftes Konzept?


Lauter sind jedoch die kritischen Stimmen, die einerseits die fehlgeleitete Politik und andererseits
das zweifelhafte Konzept Dercons beklagen. Der Tagesspiegel zitiert hierzu den ehemaligen
Intendantin des Berliner Ensembles Claus Peymann: „ Vor zwei Jahren habe ich davor gewarnt,
dass die Schauspielkunst und das Ensemble an der Volksbühne gekillt werden und stattdessen
eine weitere "Eventbude" in Berlin etabliert wird.“ Er mache hierfür aber nicht nur den
überforderten Dercon, sondern auch die Politik verantwortlich. Überforderung sei nach Peymann
schließlich kein persönliches Vergehen.5
Deutschlandfunk Kultur sendet, Chris Dercons Vorhaben sei ein „ökonomisch und künstlerisch
fatales Konzept“ gewesen. Für Dercons Lieblingsprojekt, die Bespieglung des Tempelhofer
Flughafens, sei von Anfang an keine Miete kalkuliert und eine künstlerische Handschrift, durch das
rare Gastpielkonzept und das wegfallende Ensemble, nicht vorhanden gewesen.6

Auch der „BILD“ - Kolumnist Ernst Elitz schreibt im Cicero7 , dass  Dercon entgegen seiner
Ankündigungen keine Neuerungen geschaffen habe. Ihm fehle ein Netzwerk in der internationalen
Theaterszene. Sein Vorhaben, historische und moderne Inszenierungsstile miteinander zu
verbinden, sei gescheitert weil es dann doch nur für drei Beckett - Eintakter gereicht hätte. Die
wenigen Eigenproduktionen seien außerdem katastrophal unterbesucht gewesen.


Kulturpolitisches Versagen?


Aus der Vielzahl der Stimmen, hört man vor allem eines heraus: das Versagen der Kulturpolitik.
Immer wieder fällt der Name Tim Renner, der laut des Ciceros ein Exempel dafür sei, wie fehlende
Kompetenz und Wissen um die Theaterszene kollaterale Schaden anrichten könne.
Der Spielball läge jetzt im Feld des Kultursenators Klaus Lederer. Er sei bekennender Castorf -
Fan, aber auch ein Befürworter der Freien Szene.
Dercon hat viele Scherben hinterlassen, die nun ein anderer aufkehren muss. Die Nachfolge für
das ausgeblutete Haus ist ungewiss und sicherlich nicht leicht anzutreten. Die Kulturpolitik hat nun
den Auftrag, dieses Haus zu einem Ort zu machen, der sich sinnvoll in die Positionierungen der
Theaterhäuser Berlins einordnet, innovative Impulse setzt und trotzdem an eine Geschichte der
Stadt und der Volksbühne anknüpft.

 

 

1 Senatsverwaltung für Kultur und Europa: Klaus Lederer und Chris Dercon einigen sich auf
Beendigung der Intendanz, verfügbar unter: https://www.berlin.de/sen/kulteu/aktuelles/
pressemitteilungen/2018/pressemitteilung.692681.php
2 Goetz, John und Laudenbach, Peter: Chronologie eines Desasters, verfügbar unter: https://
projekte.sueddeutsche.de/artikel/kultur/intendant-der-volksbuehne-chris-dercons-scheiterne608226/
3 Buhr, Elke: Das Experiment ist vorbei (13.04.2018), verfügbar unter: https://www.monopolmagazin.
de/dercon-abgang-volksbuehne-kommentar                                                                                                                                                                                                                                                    4 Detje, Robin: Einsam wartet der Champagner (16.04.2018) verfügbar unter: https://www.zeit.de/
kultur/2018-04/chris-dercon-volksbuehne-berlin-ruecktritt
5 Tagesspiegel: Peymann: Nicht Dercon ist verantwortlich sondern die Politik (13.04.2018),
verfügbar unter https://www.tagesspiegel.de/kultur/intendant-der-volksbuehne-gibt-auf-peymannnicht-
dercon-ist-verantwortlich-sondern-die-politik/21171536.html
6 Burkhardt, Susanne: Das Berliner Experiment ist gescheitert (13.04.2018), verfügbar unter: http://
www.deutschlandfunk.de/volksbuehnen-intendant-chris-dercon-tritt-zurueck-das.691.de.html?
dram:article_id=415532                                                                                                                                                                                                                                         7 Elitz, Ernst: Berlins größte Nachspielstätte (13.04.2018) verfügbar unter: https://www.cicero.de/
kultur/berlin-volksbuehne-chris-dercon-intendant-ruecktritt-lederer-mueller