"Bretter, die kein Geld bedeuten" #rettedeintheater. Ein erster Blick auf Niedersachsens Kulturwüste.

Kategorie: Was für ein Theater!
Veröffentlicht am Dienstag, 11. Dezember 2018 16:19
Geschrieben von Lina Wölfel und Marie Gedicke

Es ist der 24. Oktober 2018, Mittwochmorgen um 9 Uhr. Vor dem Theater für Niedersachsen treffen sich Theaterschaffende aus Hildesheim und steigen in einen Bus, welcher sie nach Hannover auf den Platz der Göttinger Sieben bringt. Dort ansässig ist der Niedersächsische Landtag, vor dem an diesem Tag lautstark Mitarbeitende der kommunalen Theater aus Osnabrück, Hildesheim, Celle, der Landesbühne Niedersachsen Nord, Lüneburg, und des Göttinger Sinfonieorchesters gemeinsam mit Mitarbeitenden und Unterstützer*innen aus der freien Szene gegen die geplanten Etatkürzungen in der Legislaturperiode bis 2021 demonstrieren. Einzigartig ist hierbei die Zusammenkunft und die Verbindung kommunaler Theater mit Theatern der freien Szene und den Orchesterverbänden sowie Schauspielschulen Deutschlands. Insgesamt knapp 500 Teilnehmende (www.hna.de, Zugriff 24.10.2018, Peter Mlodoch) versammeln sich, im Gepäck hatten sie 19.367 Unterschriften der Petition „#rettedeintheater – Keine Kulturwüste in Niedersachsen“ davon 16.357 Unterschriften von Bewohner*innen Niedersachsens (www.openpetition.de/petition/online/rettedeintheater-keine-kulturwueste-in-niedersachsen). Ins Leben gerufen von der Göttinger Hausregisseurin Antje Thoms wurde die Petition während der Demonstration an den Kulturminister Niedersachsens Björn Thümler (CDU) übergeben.

Aber wie kann es überhaupt sein, dass im flächenmäßig zweitgrößten Bundesland der Republik existenziell wichtige Fördergelder unterschlagen werden, obwohl die Förderung der kommunalen Theater im Koalitionsvertrag der Großen Koalition (GROKO) festgesetzt wurde? Und das in einem Land, das im nationalen Vergleich an drittletzter Stelle bei den entsprechenden Kulturausgaben liegt?

Im Koalitionsvertrag der GROKO steht explizit: „Kommunale Theater wollen wir stärken, die Grundförderung erhöhen und die Tarifsteigerung übernehmen.“. (www.cdu-niedersachsen.de/wp-content/uploads/2017/11/11-16_koalitionsvertrag-final.pdf, S31/748f.) Würde das nicht bedeuten, den kommunalen Theatern zunächst mit einer Finanzierung unter die Arme zu greifen, um die Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende zu verbessern und damit die Kulturlandschaft des Landes zu stärken? Schließlich liest man ja immer wieder von der Bedrohung der Theater durch existierende finanzielle Probleme. Und das, obwohl die Bühnen in Niedersachsen im bundesweiten Vergleich zu den führenden Theatern gehören. (Landeszeitung für die Lüneburger Heide, 26.10.2018, Hans-Martin Koch)

Thümler äußerte sich dazu mit dem Argument, dass es keinerlei feste Zusicherung der fehlenden sechs Millionen Euro gegeben hätte. Begleitet wurde er dabei von Buhrufen und lauten Protesten der Teilnehmenden der Demonstration. Zudem sagte er, dass der Ruf nach den Zuschüssen berechtigt sei, jedoch keines der Theater vor der Schließung oder dem finanziellen Aus stehe. Dass das Theater Lüneburg jedoch sehr wohl finanzielle Probleme angemeldet hat und dem Theater bereits die Insolvenz in fünf Jahren droht sieht er offensichtlich nicht. Auch die anderen Theater sind von den fehlenden Förderungen betroffen. Osnabrück beispielsweise macht deutlich (Landeszeitung für die Lüneburger Heide, 26.10.2018, Hans-Martin Koch), dass vor allem im Bereich der Theaterpädagogik und der damit verbundenen kulturellen Bildung und Integration große finanzielle Defizite herrschen. Diesem Statement schließt sich das Deutsche Theater in Göttingen an: vor allem im Bereich der Personalkosten für Künstler*innen und Mitarbeitende gebe es große Defizite (www.noz.de, 11.10.2018). Diese könnten nur durch entsprechende Gehaltssenkungen oder einen Personalabbau gelöst werden, was wiederum zur Minderung von künstlerischer Arbeit führe. Deutlich wird hierbei: es geht den Theatern nicht nur um die bloße Existenz, sondern vielmehr um ihre soziale und politische Verantwortung. (www.hna.de, 24.10.2018, Peter Mlodoch)

Eine explizite Stellungnahme der GROKO zu den gestrichenen Fördergeldern sucht man hierbei vergebens. Lediglich einzelne Politiker*innen nehmen persönlichen Bezug zum Problem. So beispielsweise auch die Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers (SPD): „Ich will es gerne nochmal sehr deutlich sagen, kommunale Theater brauchen endlich ausreichend Sicherheit, um ihre sehr gute und sehr wichtige Arbeit ohne ständige finanzielle Sorgen fortsetzen zu können! Dafür streite ich, weil ich zutiefst davon überzeugt bin.“. (www.andrea-schroeder-ehlers.de/content/519819.php)  Aktive (Ver-)Fechter der Theater auf der Bühne der Politik gibt es also. Bleibt nur zu hoffen, dass diese nicht auf dem Schlachtfeld erstochen werden und weiterhin für kommunale Theater ins Feld ziehen.