Übersetzer will er sein

Marc Grandmontagne über die Verhandelbarkeit von Theater

  

Seit Beginn diesen Jahres bekleidet Marc Grandmontagne als gewählter Direktor des Deutschen Bühnenvereins eines der einflussreichsten kulturpolitischen Ämter in der nationalen Kulturlandschaft. Im Rahmen eines Seminars über kulturpolitische Akteur*innen war der studierte Jurist und Politologe Gast am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Grandmontagne hat sich schon seit geraumer Zeit der Kulturpolitik verschrieben und arbeitete unter anderem am Projekt der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 und als Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft. Jetzt ist es nach eigener Beschreibung sein Job, die Mitglieder und Mitgliedsverbände des Bühnenvereins zu repräsentieren und zu schützen. Denn die stetige Infragestellung einer Notwendigkeit von Kunstproduktion und die Marginalisierung der Kulturpolitik mache es selbst dem progressivsten Kulturbetrieb schwer. Und das, da schreckt Grandmontagne auch nicht vor einer vermeintlich negativen Konnotation des Wortes zurück, ist Lobbyarbeit.

 (Wie) Muss Theater sein?

 Im Gespräch stellt Grandmontagne sein Selbstverständnis als Direktor des Bühnenvereins dar:

Diese gehe über das Vermitteln zwischen Politik und Kultur hinaus. Hier sei eine Übersetzung notwendig. Wie ein Dolmetscher mache er Kommunikation und Verhandlung möglich. Und spreche beide Sprachen, die der darstellenden Künste und die der Kommunalen und Länderpolitik. Dabei wäre weiter dafür zu kämpfen, dass Theater nicht als betriebswirtschaftliche Institutionen betrachtet werde. Sich wirtschaftlich zu rechnen, sei nicht die Aufgabe eines Theaters, so Grandmontagne. Ebenso müsse man zu einem gedanklichen Konsens über den Wert künstlerischer Arbeit gelangen und dafür sorgen, dass sich dieser in fairer Bezahlung und sozialer Absicherung niederschlage. Unter seiner Direktion soll die Kommunikation des Bühnenvereins mit den Künstler*innen und den sie vertretenden Gruppen und Gewerkschaften gestärkt werden.

 

 Mit dem Slogan „Theater muss sein!“  hat der Deutsche Bühnenverein lange eine Relevanz der institutionalisierten darstellenden Künste in Deutschland beworben. Doch der neue Direktor, konfrontiert mit der apodiktischen These, kommentiert diese mit einem reflektierten: Nein! Theater müsse verhandelbar sein und bleiben, darin liege das Potenzial dieses Mediums. So wäre es wohl der erste Fehler, den ein Theaterbetrieb machen kann, sich einer Diskussion zu verweigern.

 

 Wer mit wem und wie und wann?

 Marc Grandmontagne markiert sein Credo: Auf allen Ebenen einer diversen Kulturlandschaft müsse ein neues Bewusstsein für kollektive Schaffensprozesse und dialogische Zusammenarbeit entstehen. Dies betreffe sowohl die Entscheidungsprozess innerhalb eines Betriebes, wie die künstlerische Mitbestimmung der Mitarbeiter*innen eines Theaterhauses, welche dann nicht mehr allein der Intendanz obliege, als auch eine städtische oder gar national gedachte Kulturlandschaft. Diese müsste sich mehr als eben dieses Verbundsystem verstehen, um so Forderungen und Bedürfnisse, die an eine kulturelle Grundversorgung und Weiterbildung gestellt werden, bestmöglich leisten zu können. Ein zukunftsorientierter Grundgedanke sei eine „Kulturallianz“, in der städtische Institutionen wie Museen, Theater oder Konzerthäuser sich als gemeinsam wirkend begreifen. Und dieser Netzwerkgedanke dürfe in der städtischen Struktur nie aufhören. Grandmontagne imaginiert eine engere Verzahnung der großen Instanzen Kultur, Bildung und Wissenschaft und sieht in der Kulturentwicklungsplanung hierfür das vermutlich wichtigste Werkzeug.

 

 „Viel wird sich ändern“, prophezeit Grandmontagne. Durch einen deutlich spürbaren Generationswechsel ist eine positive Entwicklung im Selbstverständnis der darstellenden Künste festzustellen, welche eine neue kulturpolitische Initiative in sich trägt. Und doch stellt er ein festes Vertrauen in die Relevanz der Theaterstruktur heraus: „Wenn das Theater in Frage gestellt wird, dann stell ich mich davor. (…) Ich werde vor jedem Stadttheater stehen, wo man an die Substanz will.“ Und so hinterfraget er genauso Ideen einer generellen Strukturänderung der Theaterlandschaft und appelliert an eine genaue Untersuchung der ihr innewohnenden Potenziale.

 

 Wenn das Fundament bleiben soll, doch der Wandel gewünscht ist und die Veränderung prophezeit wird, bleibt die Frage nach nach einem richtigen Maß von Entwicklung und Neuordnung. Wie viel Veränderung darf es denn bitte sein? Und bei dieser Frage bedarf es dann doch noch einer weiteren Übersetzung.