“Inclusion can’t be learned it has to be lived” Inklusive Künste als Thema beim ASSITEJ Weltkongress 2017

„Inklusion kann nicht gelernt werden – sie muss gelebt werden.“ Mit diesen Worten wird der Fokustag vom International Inclusive Art Network (IIAN) eröffnet. IIAN ist eines von fünf Netzwerken der Internationalen Vereinigung des Theaters für junges Publikum (ASSITEJ) und richtet sich speziell an Theaterformen für, von und mit Menschen mit Beeinträchtigung.
Beim ASSITEJ Weltkongress 2017 in Kapstadt Südafrika wurden über den gesamten Kongresszeitraum Fokustage mit Seminaren, Lesungen und Workshops zu spezifischen Themen angeboten. Diese deckten eine große Bandbreite des Theatre for Young Audiences (TYA) ab: Von Theatre and Storytelling bis hin zu Theatre for the Early Years. Passend zu diesen Themenfeldern gab es jeweils spezifische Empfehlungen für Theatergastspiele, um einen direkten Praxisvergleich ziehen zu können. Der Fokustag vom IIAN beschäftigte sich ganz explizit mit „Arts for, by and with people of all abilities“ und markiert somit bereits in der Überschrift die Forderung nach einem Umdenken: Es geht nicht um dis-abled, sondern um abled people – nicht die Unfähigkeiten werden betont, sondern die Fähigkeiten.



Theater und Inklusion – eine Frage der Einstellung


Es ist der 26. Mai 2017. Circa 15 Interessierte haben sich im Obergeschoss des Artscapes, eines der zwei großen Theater in Kapstadt, auf Sofas zusammengefunden, diskutieren auf Englisch und sind sich einig: Sie wollen Barrieren abbauen, um Kunst zu bereichern. Dabei beziehen sie sich auf Artikel 27 der UN-Menschenrechtscharta, in dem es heißt, dass jedem Menschen die Teilhabe an kulturellem Leben gewährleistet werden soll. Wenn ich mich so umschaue sind wir jedoch noch eine sehr homogene Gruppe: Der Großteil sind Weiße Frauen, es wird ohne Gebärdendolmetscher_in kommuniziert und bereits der Zugang in das Obergeschoss über weit entfernte Fahrstühle, verwinkelte Treppenhäuser und Flure ist kompliziert.
Eine IIAN Vertreterin betont jedoch, dass es bei inclusivity eben nicht nur um die Barrierefreiheit gehe, sondern dass inclusivity eine Frage der Einstellung sei. Wieso wird dann jedoch eine Inszenierung, die Gebärdensprache benutzt, explizit als Stück passend für den Fokustag ausgeschrieben und Stücke, die zum Beispiel Rollstuhlfahrer_innen den Zugang ermöglichen nicht? Liegt es daran, dass für Rollstuhlfahrer_innen mittlerweile eine fast uneingeschränkte Teilhabe an Theater möglich ist? Muss Theater, an denen Rollstuhlfahrer_innen teilhaben können, nicht mehr explizit ausgeschrieben werden, weil inclusivity in diesem Fall bereits gelebt wird? Und verschließen sich diejenigen, die das denken, nicht eigentlich vor der Realität, - welche die Teilhabe für Menschen jeglicher Beeinträchtigung nicht gewährt? Und stimmt das überhaupt?

“Theatre of Senses – close your eyes in order to see”


 “Theatre of Senses is a form of theatre where all the senses – sound, smell, touch, movement, and taste – are included in the perception of the performance”, sagt Karolina Žernytė. Sie nimmt mit ihrem Theatre of Senses das Thema der unterschiedlichen Möglichkeiten von Wahrnehmung auf – je nach individuellen Fähigkeiten.
Der Workshop richtet sich an Erwachsene, die im Bereich Theater und inclusivity arbeiten. IIAN definiert inclusivity im Zusammenspiel mit Theater wie folgt:
„Work for young disabled audiences, Work created by disabled Artists for young audiences (both disabled and non-disabled young audiences), work about disability from skilled writers for all audiences performed by disabled performers” ,

Die Gründerin von Theatre of Senses, Karolina Žernytė, verdeutlicht im Workshop in verschiedenen Übungen ihre Arbeitsmethode. So wird die Gruppe beispielsweise geteilt. Die einen stellen Personen, Beziehungen und Situationen durch Bewegungen und Geräusche dar, die anderen schließen die Augen, bewegen sich durch den Raum und versucht durch Hören und Tasten die dargestellten Rollen zu erkennen. Die Darstellenden erhalten die Aufgabe einen Polizisten zu verkörpern.
Schnell kommt Kritik an der Stereotypisierung der Charaktere auf. Žernytė ist sich des Problems bewusst und betont, dass dies ein Schwachpunkt an ihrer Arbeitsweise sei, mit dem ein bewusster und reflektierter Umgang gefunden werden müsse. Gleichzeitig sei es dadurch aber einfacher, Figuren zu erkennen.
Dies ist insofern in Ordnung, wenn der Raum für Reflexion gegeben wird. Obwohl mit Stereotypen und Klischees gearbeitet wird, fallen andere Kategorisierungen, die sonst schnell gemacht werden, weg. Einordnungen nach Geschlecht, Hautfarbe, Alter etc. können, durch das Verbinden der Augen, nicht getroffen werden. Durch die Übung wird aufgezeigt, wie stark diese Kategorien sonst unseren Alltag bewusst und unbewusst prägen. Offen bleibt jedoch wie mit Stereotypisierung reflektierend umgegangen werden kann. Wann ist sie im Theater hilfreich und wann abwertend und wie darf und kann sie eingesetzt werden?

Models of good practise and debate: How do we engage young disabled people and why?


In drei verschiedenen Präsentationen werden best practice Beispiele vorgestellt. Das erste Beispiel. The inclusive theatre production „von außen zu nah“ von BwieZack aus Hildesheim setzt sich mit Theater für hörbeeinträchtigte und hörende Kinder auseinander und benutzt deutsche Gebärdensprache, Übertitelung und gesprochene Sprache. Das zweite Beispiel: The Planet of Inclusion: Theatre for Life Skills & Creating Multisensory Drama for Special Needs Youth in Nigeria stellt die Arbeit mit Kindern des Children’s Development Centre Lagos dar und zeigt wie versucht wird, Theater in den Alltag für Kinder mit Beeinträchtigung zu integrieren. The Chaeli Campaign: Promoting Social Justice For Differently-Abled Children/ Youth Through The Development Of High-Quality, Socially Engaged Theatre, das dritte Beispiel, arbeitet mit verschiedenen Programmen daran, Kinder aus benachteiligten Communities sowie Kinder mit Beeinträchtigung mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Zelda Mycroft, CEO von The Chaeli Campaign, betont, dass inclusion dann stattfände, wenn es Diversität innerhalb einer jeden Gruppe gäbe und nicht aufgrund von unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten. Dieser Kommentar lenkt den Fokus auf das Offensichtliche: Alle drei Beispiele werden ausschließlich von weißen Frauen ohne sichtbare Beeinträchtigung vorgestellt. Die von Mycroft angesprochene inclusion durch Diversität bleibt aus. Die dadurch bedingte Frage, wie eigentlich Theater für eine Community gemacht werden kann, von der man nicht Teil ist, wird größtenteils mit ‚gar nicht‘ beantwortet und stark kritisiert. Wer aber an diesem Tag für wen und warum spricht, scheint wiederum keine Frage nach Repräsentation und Zugehörigkeit zu sein, sondern legitim. Trotzdem regt dieser Tag dazu an, sich aber über diese bewusst zu werden und die Frage nach Repräsentation zu verhandeln.

Is it only about Disability?


Heide Vaughan (Theatre Director and Creative Learning Specialist), hinterfragt die bisherige vom IIAN formulierte Definition von inclusivity und legt ihren Fokus, wie Mycroft, auf marginalisierte Gruppen. Als zentralen Punkt stellt sie hierbei exclusivity und inclusivity gegenüber. Sie fragt die Workshopteilnehmende nach persönlichen Erfahrungen von Ausschluss und welche Gefühle damit einhergingen. Sie behauptet, dass ohne Ausnahme jeder und jede auf eigene Exklusionserfahrungen zurückgreifen könne. In Kleingruppen wird sich ausgetauscht.
Schnell wird das Thema der Exklusivität des Festivals aufgegriffen. Alle im Raum Versammelten sind gekennzeichnet durch Badges. Nie wurde ich explizit nach meinem Badge gefragt. Stets erhielt ich Zugang zu allen Veranstaltungen des Festivals, ohne mein Badge vorzeigen zu müssen. Es macht den Anschein, meine Hautfarbe und meine Herkunft verschonen mich vor dem Ausschluss. Anders ging es einem Schwarzen Freund. Er wurde an der Pforte gestoppt, als er am Inclusivity – Fokustag teilnehmen wollte und erhielt keinen Zugang zur Veranstaltung.
Er hat Exklusion erfahren, während zum gleichen Zeitpunkt nur einen Raum weiter ein Austausch über inclusivity stattfand. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie wichtig die Verhandlung des Themas inclusivity ist und warum Vaughan eine Erweiterung des Begriffs inclusivity über disability hinaus wichtig ist. Wie einleitend erwähnt stand der Fokustag unter dem Titel “Inclusive Arts for, by and with people of all abilities.“ Dieser Titel zeigt bereits die Veränderung des Verständnis von inclusivity und somit eine klare Abwendung vom Ausdruck disabled hin zum Können und den Fähigkeiten aller Menschen – so unterschiedlich sie auch sein mögen. Es darf sogar noch einen Schritt weiter gegangen werden: Inclusivity kann und darf nur intersektional funktionieren und geht gerade deshalb über Abilities hinaus.

Inclusion - Exclusion - Conclusion!


Inklusion kann nicht gelernt, sondern muss gelebt werden. Im Versuch inclusivity zu leben, passieren Fehler, aber durch Fehler und deren Reflexion kann gelernt werden.
Der Fokustag hat gezeigt, dass auch Menschen, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und auskennen, noch immer viel dazu lernen können und müssen. Insgesamt war der Tag kaum mit intersektionalen Ansätzen gestaltet. Ein Großteil der Durchführenden und Teilnehmenden waren, wie so oft, selbst kein Teil der marginalisierten Communities, über die gesprochen wurde. Gleichzeitig ist dieser Faktor nicht nur zu kritisieren. Gerade Menschen außerhalb der Communities müssen Verantwortung übernehmen und aus ihrer privilegierten Position heraus exklusive Strukturen wahrnehmen und verändern. Die Exklusivität, die durch verschiedene Strukturen auch während des Inclusivity Days bestand, zeigt noch einmal in aller Deutlichkeit die Notwendigkeit der Gespräche und die Dringlichkeit der Thematik.
Vielleicht kann dann irgendwann inclusivity tatsächlich gelebt und somit eine Einstellung werden. Ein gutes Beispiel hierfür stellt das Theaterstück No Fun ction alL anguage der Chaeli Campaign dar. Die Besetzung des Stückes bestand aus einer heterogenen Personengruppe: Menschen verschiedener abilities, Gehörlose, Hörende, Rollstuhlfahrende, Laufende, Kleinwüchsige und Menschen mit der Norm entsprechendem Körperlängenwachstum, Menschen verschiedener ethnischer Hintergründe und verschiedener Geschlechtszugehörigkeiten.
Auch das gemeinsam verhandelte Thema, war nicht disability, sondern die gelingende oder misslingende Kommunikation zwischen ihnen, durch welche Exklusion, aber eben auch Inklusion entstehen kann.

 

 

Johanna Kraft studiert im Master Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim, ist künstlerisch tätig im Theaterkollektiv „BwieZack“ und war Mitglied der Delegation der ASSITEJ Deutschland beim Weltkongress der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche im Mai 2017 in
Kapstadt/ Südafrika. Ihre Teilnahme wurde durch eine freundliche Unterstützung der Kreissparkasse Ludwigsburg ermöglicht.