Vom Fördern und Fordern Wie kann und sollte aktionistische Kunst öffentliche Wertschätzung erfahren?

Kategorie: Diskurse
Veröffentlicht am Dienstag, 11. Dezember 2018 16:30
Geschrieben von Von Lina Fabienne Richter

„Ich glaube, dass jede künstlerische Aktion per se politisch ist. Man kann das nicht voneinander trennen und spätestens seit den historischen Avantgardebewegungen […] wissen wir das. Ich glaube die Diskussion, die wir im Moment führen, müssen wir auch in diese historische Perspektive einbetten“, so eine Stellungnahme von Prof. Dr. Hans Joachim Wagner beim diesjährigen Kolloquium des Fond Darstellende Künste. Dieses fand im Rahmen des Festivals Politik im freien Theater statt, welches vom 01. bis 11. November 2018 von den Münchner Kammerspiele ausgerichtet wurde. Zu der Diskussion mit dem Titel „HAUPTSACHE ES KNALLT!“ Förderung von Aktionsformen in der Kunst oder künstlerischen Formaten in der Aktion kamen am zweiten Festivaltag Künstler*innen, Förderer und Aktive der Theaterlandschaft im Theater HochX zusammen. Sie erörterten Fragen zum Antragswesen, ob dieses zu unterstützen oder zu verändern ist, ob man Projekte oder eher Künstler fördern sollte und ob generell die Strukturen in der Kultur überarbeitet werden sollten. Hans Joachim Wagner, der Leiter des Bewerbungsbüros Kulturhauptstadt 2025 in Nürnberg, teilte sich die Bühne mit Dr. Sebastian Brünger von der Kulturstiftung des Bundes, Jean Peters vom Peng! Kollektiv, der Moderatorin Sophie Becker vom Spielart Festival, Kuratorin und Aktivistin Felizitas Stilleke sowie Prof. Dr. Wolfgang Schneider von der Universität Hildesheim als Vorsitzender des Fonds.    

Aktionistische Kunst

„[…] ist das künstlerische Praxis, oder ist das nicht Sozialarbeit?“

Diese Frage würden sich Einige stellen, meinte Sophie Becker, wenn sie Wagners Ausführungen zu der Aktion hören würden, die in Nürnberg anlässlich der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 stattfand. Er erzählte von einer Straße, die mitten in Nürnberg gesperrt und auf der Rollrasen ausgelegt wurde, damit Menschen sich dort treffen, austauschen und zusammen singen konnten.  „Aber das ist doch eine rein theoretische Trennung […] mit dieser Trennung kommen wir auch nicht weiter“ kommentierte Wagner. „Naja, wir kommen insofern weiter, weil natürlich sich dann die Frage stellt, was wird unterstützt, was wird nicht unterstützt […].“ konterte Becker. „Also, wenn ich jetzt sage der Nathan der Weise […] ist genauso politisch oder ist auch politisch und der wird finanziert und andere Sachen dann wiederum nicht, um [hiermit] zum Förderungsthema zu kommen“. „Das Problem bei den Förderinstitutionen“, meinte Wagner, „[…] ist doch, dass sie einen klassischen Begriff von Kunst voraussetzen und von diesem müssen wir uns entfernen […].“ Um gefördert zu werden, müsse seiner Meinung nach am Ende kein fertiges, wiederaufführbares Werk der Künstler*innen entstehen, das einen autoren- und schauspielerbasierten Text hat. Sebastian Brünger brachte dazu erklärend an, dass die Jurys, welche über die Vergabe von Fördermitteln entscheiden, an festgelegte Fördergrundsätze gebunden seien. Diese müssten an dem schriftlich vorgelegten Konzept der Antragsteller*in abgearbeitet werden. Nur durch solche festgelegten Rahmenbedingungen sei die Förderung von solchen Projekten überhaupt möglich, deshalb seien die Forderungen und Vorstellungen von Wagner nicht so leicht zu realisieren.     

Kuratorische Förderung

„[Bei der Antragstellung für ein Projekt] ist man ja dazu aufgefordert etwas zu beschreiben, was man erst in einem Jahr irgendwann realisieren wird […]. Und alle wissen […], dass es komplett anders aussehen wird in einem Jahr, […] weil die Situation eine andere ist […]“, so der Einwand eines Zuschauers aus dem Publikum. „Und eigentlich ist ja so eine Frage, die drunter liegt und immer mal gestellt wird: Kann man nicht einfach den Künstlern vertrauen? […] [Sodass] sie sagen: Ich bin Künstler, ich habe das und das gemacht und in einem Jahr, denke ich, will ich […] eine Produktion haben, die soll sich aktuell mit dem auseinandersetzen, was mich beschäftigt und was hoffentlich auch andere Leute beschäftigt. Und wenn man dann sagen könnte: Wir fördern […] nicht Projekte, sondern wir fördern Künstler um in einem bestimmten Zeitraum zu arbeiten […]“. Das setzt allerdings ein großes Vertrauen den Künstler*innen gegenüber voraus, meinte Jean Peters, und dieses müsse man sich erst hart bei den Förderern erarbeiten.

Warum muss eine Institution überhaupt Programme auflegen? Warum werden Rahmenbedingungen geschaffen, in die sich Künstler*innen einfädeln müssen? Warum gibt es keine dramaturgische und kuratorische Rahmung von Fördermodellen?

Ein Großteil der Mittel (der Kulturstiftung) wird über die allgemeine Projektförderung vergeben, antwortete Brünger auf die Publikumsfragen. „Ein Argument […] für die Antragslogik […]: Erstens, dass es einfach Steuermittel sind und dass es ein knappes Gut ist und dass es auf [eine] Art und Weise irgendwo auch [eine] Rechenschaftspflicht für diese Mittel geben sollte […]. Und das Zweite […], dass Anträge durchaus auch Gedanken schärfen können […] [und] auch Künstler*innen und Gruppen ein Stück weit dazu bringen, eigene Vorhaben nochmal klarer zu formulieren.“ Es gehe auch um Machtverhältnisse. Mit den Programmen, die aufgelegt werden, wolle man Kulturrestriktionen sowie Regionen verändern. Die Förderbedingungen sollen fördern und fordern, die Förderpraxis der freien, darstellenden Künste sei ein Dschungel, es gäbe viele Nischen und Chancen um Förderung zu erhalten.

Peters wünschte sich für die Zukunft mehr Förderung von der Zivilgesellschaft. „[Es gibt] immer mehr Leute, die sich denken […]: Lass uns auf den Prozess schauen, lass uns das kollektiv machen und lass uns in Solidaritäten denken und gesellschaftliche Entwicklung ist eben etwas, was auf die Zusammenarbeit basiert von Leuten, die sich gegenseitig helfen.“

Patriarchale Strukturen

„Also natürlich möchte ich gerne Artist-Empowerment,“ meinte Felizitas Stilleke „[..] oder auch wenn wir diese ganzen Entscheidungen treffen, […] [zum Beispiel] Geld für alle und auch im Sinne von bedingungslos, also diese ganze Antragslogik, gekauft [...]. Aber andersrum, […] müssen wir doch jetzt langsam in eine Praxis kommen, die diese Strukturen, die immer noch patriarchal sind, [hinterfragt] […] also auch auf einem größer, gesellschaftlich gefassten Bild, […] nicht nur […] in unserer Theaterförderung, […]. An welchen Stellen müssen wir gerade institutionell schrauben um unsere Gesellschaft wieder irgendwie in die Mitte zu rücken […]. Darüber würde ich irgendwie gerne sprechen und da soll es knallen. […] Was sind die Strukturen oder die Impulse, die wir setzten können, […], weil irgendwie sind wir ja da hingekommen, dass das System so patriarchal und unbefriedigend und ungleich ist.“ Man müsse jeden Förderantrag, jede Institution hinterfragen, zum Beispiel bezüglich des Geschlechterverhältnisses und der Diversität, so Stilleke. Man könne nicht anmaßend den Begriff „Aktionismus“ verwenden, wenn generell noch ungerechten Zustände in den Institutionen bestehen. Und auch wenn es einen großen Kraftaufwand bedeute, die Anträge zu stellen, so seien diese doch ein politisches Mittel, mit welchem man auf die Institutionen wirke, indem man Themen nennen könne, die fokussiert werden müssen. Doch bevor überhaupt über Anträge geredet werde, müssen die Strukturen geprüft werden.

Freiheitliche Kunst

„Mir kommt die Kunst zu kurz bei der Debatte hier. Natürlich, wir als Förderer müssen uns über die Förderung Gedanken machen […]. Aber ich denke immer [an] meine amerikanischen Kollegen der Kulturpolitikforschung, ich höre, wie sie sich über uns lustig machen, dass wir immer so einklagen diese öffentliche Förderung, weil die ist per se eine Förderung, die systemimmanent ist, die nicht frei sein kann. Und die Frage ist in der Tat: Aktionsformen in der Kunst, ist das überhaupt ein Thema für Förderung? Ja, es ist ein Thema […] Wir haben eine Untersuchung über die Theaterarbeit von NGOs im südlichen Afrika und da gibt es oft nur noch sozusagen eine Theaterförderung, die funktionalisiert ist anhand der Ziele die entwicklungspolitisch definiert wurden […]. Und das ist […] die andere Seite der Medaille […]. Also wenn aktionistische Kunst, dann raus aus der öffentlichen Förderung. Und auf der anderen Seite, wenn öffentliche Förderung, dann Förderung von Nichtregierungsorganisationen und von Initiativen […]“, so Schneider. Einige Künstler verweigern die Möglichkeit, durch Steuermittel oder durch die Kulturstiftung Förderung zu erhalten, erklärt auch Felizitas Stilleke, weil sie unabhängig sein und nicht auf den Begriff der Kunst reduziert werden möchten. Die Aktionistische Kunst, die sie ausüben, wäre dann unglaubwürdig. Um Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit den staatlichen Fördermitteln zu vermeiden, achte das Peng! Kollektiv zum Beispiel darauf, dass diese Steuergelder nicht in strafbare Aktionen fließen. Um Geld für solche Projekte zur Verfügung zu haben brauche man mehr staatlich unabhängige Stiftungen, die fördern.

Ihre Kunstfreiheit können Peng! unter anderem als allgemein anerkannte Künstler und mit drei Anwälten verteidigen. Doch auch die allgemeine Kunstfreiheit müsse mehr gefördert werden. Der Fond Darstellende Künste solle möglichst wenig Rahmenbedingungen vorgeben und sich öffnen.  „Luftig“ sollten die Anträge, die an die Kulturstiftung gehen, sein. Sie sollten einem Leitgedanken folgen, aber noch verändert werden dürfen, meinte Sebastian Brünger. So könnten sich Künstler*innen, die bei der Kulturstiftung einen Antrag stellen, noch einen gewissen Spielraum bewahren.

Kulturpolitische Überlegung

Als persönliches Schlusswort fasste Jean Peters zusammen: „Ich würde auf jeden Fall dafür appellieren, dass wir den Prozessen, die gerade […] in der Wahrnehmung von: Was ist Theater, was ist Kunst, was ist Politik […] [stattfinden, Aufmerksam entgegenbringen.] […] [Diese Prozesse sollten sich] auch in der Förderstimmung niederschlagen.“ Dafür müsse man überlegen, wie man staatlich unabhängige Stiftungen ausbauen könne, welche die aktive Zusammenarbeit mit NGOs fördere. Man befinde sich in einem historischen Moment, in welchem man dringend für Veränderungen wie diese kämpfen müsse. Den historischen Moment hob auch Sophie Becker hervor. Während den vielen politischen Veränderungen sei das Theater zu sehr in die Defensive geraten, man müsse wieder Themen setzen, zum Beispiel wie man mit der Präsenz der AfD umgeht: „Das sind plötzlich so viele aktuelle, politische Themen auf der Agenda, die jetzt mit ins Theater oder in die tägliche Praxis eingeführt werden müssen.“

„Wir können nicht ganz schnell ins Handeln springen, wenn wir nicht kapiert haben, was an der Basis verkehrt gelaufen ist“ meinte Felizitas Stilleke, auch wenn man Aktivismus oder politisches Theater im Sinne von handelndem Theater verstehen wolle. „Ich bin mir sicher, dass in dieser Zeit die Aufgabe von Kunst und Kultur nochmal ein ganz besondere ist“, so Wagner, „[…] und in dem Fall möchte ich wieder darauf hinweisen: Hier, die Aktionistische Kunst, genau sie kann sehr viel, und deshalb öffnen wir die Strukturen […] und die Fördertöpfe, und sehen wir zu, dass genau diese Kunst in eine Zukunft geführt werden kann.“

Schneider schloss die Diskussion mit kulturpolitischen Überlegungen:
„Die Tatsache an sich, dass wir uns hier zusammengefunden haben und aus unterschiedlicher Sichtweise darüber nachgedacht haben, wie politisch Kunst sein kann, wie sie politisch sein muss, […] ist glaube ich ein deutlicher Hinweis, insofern verstehe ich auch den Appell Aller, […] dass sich da etwas bewegen muss. Der Fond Darstellende Künste hat einen großen Vorteil, er kriegt zwar Staatsknete, genauso wie die Bundeskulturstiftung oder die Bundeszentrale für politische Bildung, wir sind aber ein mitgliederbasierter Verein. […] Wir sind […] auf einem Weg, wo wir tatsächlich feststellen, dass wir gesellschaftspolitisch eine stärkere Rolle spielen müssen, dass wir nicht nur kulturpolitisch uns einmischen müssen. […] die politische Haltung darf auch bitteschön ein Förderer haben […]. Was wir mit Sicherheit ändern werden ist, dass wir mit mehr Geld mehr Programmformate etablieren müssen. Die Initiativförderung ist schonmal so ein kleiner Teil gewesen, wo man was ausprobieren kann ohne, dass es gleich zu einem ganzen Projekt kommen muss […].