Aufbruch oder Zusammenbruch

In einem Gespräch mit dem Vorstandsmitglied des Theaterhaus Hildesheim e.V., Martin Zepter, wird die aktuelle Situation der Spielstätte der freien Szene Hildesheims und darüber hinaus diskutiert.

Martin Zepter kämpft um Ansehen und Zukunft des Theaterhauses / Spielstätte soll neue Besucherschichten anlocken

HILDESHEIM. Braucht Hildesheim ein Theaterhaus? „Es ist absurd, das zu diskutieren!“ Martin Zepter wird richtig ärgerlich. „Umgekehrt wird ein Schuh draus: Hier gibt es die dichteste und beste freie Theaterszene Deutschlands. Seit 15 Jahren werden sie prämiert und zu Festivals eingeladen. Jüngste Beispiele sind mamouchi, Aspik, m21, Karo Acht. Das ist eine große Chance für Hildesheim“, beschreibt das Vorstandsmitglied im Theaterhaus-Verein. 18 Mitglieder hat der inzwischen wieder und die will der „neue“ Vorstand – neben Zepter Miriam Tscholl, Sebastian Teutsch und Joachim von Burchardt – mit und im Domizil im Langen Garten würdig vertreten.
Vor einem Jahr ist der Vorstand neu gewählt worden, inzwischen liegen Konzepte vor, die das Theaterhaus als Proben- und Aufführungsstätte mit eigenem Charakter langfristig sichern sollen. „Wir wollen nicht mehr nur Dienstleister sein, sondern das Haus entwickeln und gestalten“, formuliert der 29-jährige Zepter, der im 8. Semester Szenische Künste studiert und als Berufsziel „Theaterermöglicher“ nennt.
Ermöglichen will der Nordbayer die Existenz des Hauses. „Die zentrale Lage nahe am Bahnhof und zur Kulturfabrik ist gut“, befindet er. Das Milieu weniger. „Leer stehende Gebäude und Parkplätze ohne Bäume, das schreckt viele ab.“ Das Innere der 180 Quadratmeter „hat Charme“, findet Zepter. Wenn auch ein paar technische Probleme gibt.
Als da sind niedrige Decken, die im Spielraum die Beleuchtung erschweren. Die kleine Eingangstür zwingt zum Zerlegen der Bühnenteile. Garderoben und Foyer sind renovierungsbedürftig, das Bühnenlager befindet sich mittendrin, das Büro ist nur durch einen Vorhang abgetrennt.
In den vergangenen fünf Jahren ist zwar eine kleine, zweckmäßig ausgestattete Bühne konstruiert worden, ein Bühnenboden verlegt und eine tragfähige Traversenkonstruktion eingebaut worden. Trotzdem gibt es viel zu tun.
Für die notwendige Sanierung mit sehr viel Eigenleistung bräuchte man im ersten Anschub 15 000 bis 20 000 Euro, rechnet Zepter. „Wenn man es richtig machen will, dann müsste man wohl umziehen.“ Doch das will der Verein gar nicht: „Der Theater-Discounter in Berlin sieht fast genauso aus. Außerdem ist es spannend, etwas aus dem zu machen, was man hat.“
Um die Marke Theaterhaus zu verbessern und neue Zuschauerschichten zu erobern, ist der neue Vorstand angetreten. Und natürlich, um den vielen, sich immer wieder neu etablierenden Theatergruppen der freien Szene eine Produktions- und Spielstätte zu garantieren.
Als erste hat man den Vereinsbetrieb und die Hausorganisation umstrukturiert. „Beinahe die komplette Arbeit steht jetzt auf ehrenamtlichen Füßen.“ Zurzeit werden Arbeitsgruppen gebildet, die sich – angeleitet vom Vorstand – gegenseitig zuarbeiten und ergänzen sollen: „Mein Ziel ist es, in ein bis zwei Jahren überflüssig zu werden. Strukturen aufzubauen, die nicht an einzelnen Personen hängen, sondern ein autonomes Netzwerk.“
Um die Marke Theaterhaus als Spielstätte Nr. 1 für freies Theater in Hildesheim auszubauen, sind die Hausproduktionen für 2006 so konzipiert, „dass sie eine große Öffentlichkeitswirkung haben“. So werden Mitglieder von „theater 11. august“, „werkgruppe1“ und „germangrenzcampcombo“ mit der amerikanischen Autorin und Regiesseurin Abi Basch, die an der Uni Hildesheim einen Lehrauftrag hat, zusammenarbeiten. „Das ermöglicht der Hildesheimer Szene und dem Publikum einen Blick über den eigenen Tellerrand“, hofft Zepter. Außerdem plant „theatrale subversion“ mit Zepter als Regiesseur ein Musical, das sich mit dem populären Robin-Hood-Stoff befasst. „Wir wollen Anspruch und Rezipierbarkeit verbinden.“
Ärger mit den Vereinsmitgliedern könnte es geben, weil der neue Vorstand den Nachwuchs fördern will. „Dann fließen Projektgelder mal nicht an die Etablierten.“
Außerdem will das Vorstandsmitglied die schon lange bestehenden Gruppen und die jüngere Generation miteinander in Kontakt bringen. Dafür wurde eigens die „Vernetzungslounge“ ins Leben gerufen. „Einmal im Monat werden zwei Theater eingeladen, sich um den Inhalt und die Ästhetik eines Abends zu kümmern“, erklärt Zepter und hofft, dass es zu einem zwanglosen Austausch zwischen Theaterschaffenden untereinander, aber auch dem Publikum kommt. „Wir bekommen einfach zu wenig feedback, weil die Leute sich rausziehen und nicht mitmachen.“
Auch die Zusammenarbeit mit Universität und Stadttheater soll weiter ausgebaut werden. Obwohl Zepter bedauert, dass die Auftrittsmöglichkeiten für freie Theatergruppen im theo „viel Energie aus dem Theaterhaus rausgesaugt hat“. Das Stadttheater spiele zwar inzwischen auch  im Theaterhaus („Alice im Wunderland“), „aber sie haben knallhart verhandelt und brauchen auch ganz bestimmte, verstreute Termine, was mit unseren en-suite-Spielplan nicht ganz einfach ist.“
All diese Pläne zielen darauf hin, eine solide Basis dafür zu schaffen, spätestens ab 2007 oder 2008 eine institutionelle Förderung zu bekommen: „Sonst bricht sowieso alles zusammen,“