Die deutsche Theaterlandschaft bedarf einer Umgestaltung

Die Zukunft des Theaters in Deutschland braucht eine Neuorientierung in der Kulturpolitik. Theaterförderung muss endlich auch einmal von Konzeptionen gedacht werden dürfen, die nicht einseitig bestehende Verhältnisse festschreiben. Die Zukunft des Theaters in Deutschland braucht eine Neuorientierung in der Kulturpolitik. Theaterförderung muss endlich auch einmal von Konzeptionen gedacht werden dürfen, die nicht einseitig bestehende Verhältnisse festschreiben. Im besten Falle wurden bisher durch kurzfristige Reformen nur innerbetriebliche Strukturen verändert. Theaterförderung muss die verschiedensten Erscheinungsformen darstellender Kunst zu würdigen wissen. Dabei müssen die unterschiedlichsten Instrumente der Kulturförderung Anwendung finden. Wieso müssen eigentlich nur die Freien Theater Rechenschaft über ihre künstlerische Arbeit ablegen? Wieso werden nur von den Freien Theatern künstlerische Konzepte abverlangt? Wieso müssen nur Freie Theater künstlerische Erfolge und hohe Zuschauerzahlen nachweisen, um weiter gefördert zu werden? Die derzeit zumeist praktizierte Projektförderung dient nur der Politik, um jährlich neu entscheiden zu können, ob und wie gefördert wird. Die Projektförderung für ein Jahr dient weniger den Künstlern und den künstlerischen Prozessen. Die sogenannte Konzeptionsförderung, das heißt die Planungssicherheit für mehrere Jahre und einer begleitenden Evaluation, ermöglicht zumindest die konzeptionelle Entwicklung eines künstlerischen Profils. Andere Instrumentarien der Theaterförderung werden, wenn überhaupt, nur halbherzig genutzt: Produktionsstättenförderung, Gastspielförderung, Netzwerkförderung für Kooperation und Koproduktionen. Und wenn die Länder derzeit noch Mittel zur Verfügung stellen, hapert es in zunehmendem Maße an der Komplementärförderung der Kommunen. Stiftungen und private Institutionen stopfen mehr schlecht als recht die Löcher, der gut gemeinte Fonds Darstellender Künste kann bei der Masse von Projektanträgen nur noch Brosamen verteilen.

Es geht um eine Neubetrachtung der Theaterlandschaft in Deutschland, nicht um ein entweder oder, um Stadttheater oder Freies Theater, es geht um ein sinnvolles Neben- und Miteinander. Denn “paradoxerweise findet Freiheit nicht mehr in Opposition zu den Apparaten statt, sondern innerhalb dieser, wo die Möglichkeit der Freiheit in der Erkundung ihrer Grenzen radikal in Frage gestellt wird”, sagte Nikolaus Müller-Schöll auf dem Kongress der Theaterwissenschaftlichen Gesellschaft 2002, auf dem es auch um das Verhältnis von Theaterästhetik und Theaterproduktionen ging. “Theater außer sich” nennt Müller-Schöll seinen Befund, ein Theater, das sich seine Freiheiten suchen kann. Derzeit bestimmen aber fast ausschließlich die Zwänge das Theater, der Zwang, Einnahmen zu machen, der Zwang der Statistik, der Zwang, einen Gemischtwarenladen zu bieten, um möglichst allen alles recht zu machen. Die Spielplanpositionen werden dann auch schon einmal wie das Fernsehprogramm strukturiert: Die Vorabendserie, die Soap, der Tatort, die Volksmusik und das Late Night Special.

Und schon lange gibt es kaum mehr eine Debatte um die strukturimmanenten Rahmenbedingungen: Die Architektur des Hauses, die Produktionsbedingungen, die Spartentrennung. Viel zu sehr wird außerdem von der Regie aus gedacht. Für kollektive Prozesse, die Erarbeitung von Stoffen und Stücken bleibt kaum noch Zeit. Die Zwänge des Repertoirebetriebs reduzieren offensichtlich die künstlerischen Möglichkeiten von Theaterarbeit. Es bleibt nach wie vor ein Rätsel, wieso zeitgenössisches Theater unumstößlich nur in Sparten produziert werden soll. Der Beweis ist allüberall erbracht, dass Musiktheater, Schauspiel und Tanztheater gemeinsam Herausragendes zu leisten imstande sind. Und dem kann doch nicht wirklich einzig und allein der Zwang der Tarifvertragswerke entgegenstehen? Damit ich nicht missverstanden werde: Ich spreche nicht gegen die Auflösung der Opern von Hannover, Stuttgart, Hamburg oder München – Berlin lasse ich außen vor, das ist vermintes Gelände. Ich spreche von den mittleren und kleinen Drei-Sparten-Häusern. Macht es Sinn, im Radius von 40 Kilometern in der Rhein-Main Region 4 Opernhäuser zu fördern? Nur weil das historisch so gewachsen ist, nur weil diese in zwei Bundesländern liegen, nur weil zwei aus feudaler Zeit stammen und die beiden anderen bürgerschaftlichem Engagement ihre Existenz verdienen? Müssen wir nicht mehr über Produktionsgemeinschaften nachdenken, sieben Schauspieler, fünf Musiker, zehn Tänzer und zwei Puppenspieler?

Die Zukunft gehört den Theaterhäusern

Ein Modell möchte ich der traditionellen Struktur unserer Theaterlandschaft in Deutschland gegenüber stellen, das sich zu entwickeln scheint, gegen die Erstarrung des Theatersystems und zum Teil gegen die etablierte Kulturpolitik. Ich meine das Modell eines Theaterhauses, oder besser gesagt: Die Modelle von Theaterhäusern. Es geht um Spielstätten des Freien Theaters, es geht um deren Identifikationsorte für das Publikum, es geht um eine Vermittlungsagentur für Freies Theater. Diese Modelle wären zu befragen und immer wieder auszuprobieren, wenn, ja wenn denn die Kulturpolitik hierfür Ressourcen zur Verfügung stellen könnte. Ist das Theaterhaus ein Sammelsurium von Gastspielangeboten? Braucht es ein künstlerisches Profil? Gehört es einem oder mehreren Theaterproduzenten? Ist es gar Schnittstelle mit dem Stadttheater? Additiv oder integrativ? Ist es nur die Institutionalisierung von Freien Theatern? Und ist damit die abgespeckte Variante des klassischen Stadttheaterbetriebs gemeint? Welche ästhetischen Konsequenzen ergeben sich aus den Räumlichkeiten? Brauchen wir nicht Innovationspotential durch die Theatralisierung verschiedener Orte? Ist das Theaterhaus so etwas wie Legoland, bestehend aus vielen kleinen Bausteinen, die kooperativ miteinander verbunden sind, als Netzstelle, Ideenpool oder als Existenzgründerzentrum für Freies Theater? Wie breit darf die Palette von Theatermöglichkeiten sind? Amateurtheater, Schülertheater, Theater von Jugendlichen, Studentisches Theater, Theater der Soziokultur? Ist das Theaterhaus Experimentierbühne, Forschungsanstalt, Laboratorium? Und inwieweit darf es der professionellen Erstarrung mit innovativem Dilettantismus begegnen? Es gibt, wie gesagt, verschiedene Modelle: Das Theaterhaus als Spielstätte verschiedener Theaterproduzenten, das Theaterhaus als interdisziplinäres, interaktives und integratives Theaterzentrum, das Theaterhaus als Verein, der sich als Interessenverband versteht und ein gemeinsames Management für Theaterproduzenten anbietet, das Theaterhaus als regionales Theaternetzwerk im Verbund mit den Theaterproduzenten der Landschaft, das Theaterhaus als neue Form der Landesbühne, um das Potential der Freien Theater zu verknüpfen mit den mobilen Theaterproduktionen der Stadt- und Staatstheater. Es geht um eine Vielzahl von Modellen, die allesamt die Theaterlandschaft neu bestimmen könnten. Es geht nicht um eine Reform für alle, es geht um viele Reformen im Einzelnen. Es geht nicht darum, ein System flächendeckend gegen ein anderes auszutauschen. Eine Polyphonie der Produktionsformen, eine vielfältige Theaterlandschaft im Strukturellen und im Künstlerischen, das sollte das Ziel sein.

Erstens

Die Rolle des Theaters hat sich in Deutschland verändert, und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwingen zum Umbau des Systems, um auch zukünftig Theatervielfalt zu gewährleisten.

Zweitens

Als Gemischtwarenladen muss Theater verschiedene Publika spezifisch ansprechen, sei es thematisch oder ästhetisch. Ein Theaterkonzept muss viele Theaterangebote ermöglichen.

Drittens

Ästhetische Bildung spielt eine immer größere Rolle, weshalb Theater vor allem Kinder und Jugendliche als Zielgruppe ansprechen muss und die Schulen als Kooperationspartner braucht. Es bedarf einer konzertierten Aktion von Jugend-, Bildungs- und Kulturpolitik. Und jeder Vertrag mit den Intendanten muss mit einer Lizenz zum Kinder- und Jugendtheater-Spielplan verbunden sein.

Viertens

Die völlig unangemessene Förderung der Freien Theater ist kontraproduktiv, da diese Impulsgeber sein können für die Weiterentwicklung von Theatern insgesamt. Mit dem Umbau unseres Theatersystem muss eine Umverteilung der Mittel einhergehen.

Fünftens

Deshalb müssen kulturpolitische Konzepte von einer Theaterlandschaft ausgehen, geprägt von dem Anspruch, möglichst vielen Menschen Partizipation am Theater, mit möglichst vielen Spielarten an möglichst vielen unterschiedlichen Orten, zu ermöglichen.

Sechstens

Theaterlandschaften sollten die Standorte von Theater, die Mobilität von Theaterproduktionen, die Beschaffenheit von Theaterräumen, vor allem aber die Produktionsbedingungen von Theater, in unterschiedlichsten Formen be- und überdenken.

Siebtens

Theater in der Krise – aber in welcher? Problematisieren wir besser die Krise der Kulturpolitik, im Bewusstsein, dass zur Kulturpolitik selbstverständlich auch die Theaterkünstler beitragen sollten. Wir brauchen eine kulturpolitische Verantwortung von allen Beteiligten, eine Initiative, die eine mutige Theaterpolitik betreibt mit Publikumsförderung, Innovationsförderung, Modellförderung, Laborförderung und Nachwuchsförderung.