Freien Theatern effizienteres Wirtschaften ermöglichen

Den freien Theatern muß von der Gesetzeslage her mehr Vertrauen geschenkt werden. Das dürfte eigentlich nicht zu schwer fallen, sind doch die kommunalen und Landestheater längst in ein solches System überführt. Und wer ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass die Finanzierung der freien Theater mittel- und langfristig wesentlich wirtschaftlicher und effizienter ablaufen wird. Sehr geehrte Damen und Herren,

der Bundespräsident hat dankenswerterweise u.a. durch die Beauftragung einer Arbeitsgruppe „Zukunft von Theater und Oper in Deutschland“ auf die bedrohliche Situation der Kulturnation und insbesondere der Theater in Deutschland hingewiesen. In einem ersten Zwischenbericht wird ausdrücklich das Angebot der privaten Theater und Freien Gruppen in das öffentliche Theaterangebot einbezogen. Wir wissen, dass wir uns in den nächsten Jahren in einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Kommunen und Ländern, struktureller Veränderungen, insbesondere in den öffentlichen Theatern, annehmen müssen - Strukturen, die aus der Kleinstaaterei in die kulturelle Tradition der Nachkriegszeit übernommen worden sind. Nicht nur die aktuelle Finanzlage, sondern die grundsätzlich notwendigen Veränderungen der Finanzierung von freien und städtischen Theatern haben uns zu diesem Antrag veranlaßt.

Noch immer werden öffentliche Gelder nach Regeln verteilt, die oft genug jeglicher Wirtschaftlichkeit widersprechen.
Schauen wir auf die freien Theater!! Freie Theater sind auf jeden Euro angewiesen sind, können weder Rücklagen bilden noch dürfen sie Mittel der öffentlichen Hand übertragen. Also bricht das Dezemberfieber aus – dann muß man sich überlegen, wie man das noch vorhandene Geld ausgibt, damit es nicht verfällt. Obwohl man es nicht unbedingt benötigt und lieber für später aufbewahren würde. Ein paar Beispiele möchte ich nennen, an denen die Notwendigkeit eines Umdenkens sichtbar wird:

Beispiel 1:

Ein Beispiel aus der Praxis – Grenzlandtheater Aachen: Alle sieben Jahre muß ein Lastwagen angeschafft werden. Durchschnittlicher Preis: 50.000 Euro. Diese Großinvestition kann eigentlich unmöglich aus den Mitteln eines Haushaltsjahres bestritten werden. Wenn man allerdings keine Rücklagen bilden darf, ist man in dem Jahr der Anschaffung auf besonders hohe Zuschüsse angewiesen.

Beispiel 2:

Große Produktionen bringen oft wichtige zusätzliche Einnahmen für ein freies Theater. Wenn die Produktionen sich über den Jahreswechsel erstrecken, dann wird es durch die Kameralistik kompliziert.
Die Einnahmen vor dem Jahreswechsel werden mit dem Jahresbudget verrechnet. Im Zweifelsfall bedeutet das: Absenkung der Zuschüsse. Doch das dicke Ende kommt noch: Am Ende der Produktion, also im neuen Jahr, müssen GEMAGebühren bezahlt werden – die sind in der Höhe nicht leicht vorhersehbar.

Beispiel 3:

Gelder für Investitionen müssen bis zum Jahresende ausgegeben sein, auch wenn man weiß, dass die gleiche Investition im Folgejahr wesentlich günstiger wäre.

Beispiel 4:

Läuft eine Produktion besonders gut, werden im Normalfall zusätzliche Vorstellungen gegeben. Das heißt: zusätzliche Einnahmen fließen. Die übliche Kameralistik aber bestraft solchen Erfolg, denn die Subventionen werden entsprechend den Mehreinnahmen gekürzt. Dabei wäre es für den Zuschußgeber doch langfristig interessant, solchen Erfolg zu belohnen. Er muß doch nicht den Zuschuß in der vollständigen Höhe der überschüssigen Einnahmen streichen. Selbst wenn er nur einen Anteil kürzen würde, könnte er davon langfristig profitieren.

Fazit: Den freien Theatern muß von der Gesetzeslage her mehr Vertrauen geschenkt werden. Das dürfte eigentlich nicht zu schwer fallen, sind doch die kommunalen und Landestheater längst in ein solches System überführt. Und wer ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass die Finanzierung der freien Theater mittel- und langfristig wesentlich wirtschaftlicher und effizienter ablaufen wird.

Die freien Theater erfreuen sich ohnehin nicht der üppigsten Finanzlage. Daher sollte man hier nicht zögern und Modellversuche einführen.

Ich finde ein Modell sehr interessant, das der Deutsche Bühnenverein als beispielhaft lobt. Ich zitiere aus einer Pressemitteilung des Deutschen Bühnenvereins vom vergangenen Jahr: „Für beispielhaft und ein ermutigendes Zeichen hält der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Professor Jürgen Flimm, die Entscheidung der Stadt Mannheim, den Theateretat um fünf Millionen Mark aufzustocken und darüber hinaus die Steigerung von Eigeneinnahmen durch eine weitere Anhebung der Zuschüsse zu belohnen.
"Mannheim zeigt als Theaterstadt kulturpolitisches Profil", kommentierte Flimm die städtische Entscheidung zugunsten des Theaters. Auch wenn es hier um kommunale Theater geht, so könnte man auch bei Freien Theatern ein solche wettbewerbliches Prinzip einführen, das Erfolg belohnt. Fazit: Wir sollten mehr Mut zum Experiment und Mut zum Vertrauen beweisen! So finden wir Wege, um die Finanzierung der Freien Theater variabler und damit vor allem effizienter zu gestalten. In den Kommunen ist so etwas im Rahmen der Gemeindehaushaltsverordnung möglich (§ 19 GemHVO).

Im zweiten Teil unseres Antrags regen wir Modellversuche an, die in enger Kooperation zwischen dem Land und den kommunalen Theatern Kostensenkungen und damit eine Reduzierung der öffentlichen Zuschüsse bewirken sollen. Die Modernisierung von Theaterstrukturen, Schwerpunktbildungen und neue Organisationsmodelle mit dem Ziel einer weitgehenden Herauslösung aus der städtischen oder staatlichen Verwaltung sind Grundvoraussetzungen für eine Verschlankung vorhandener Strukturen. Sie bringen mehr Flexibilität und Einsparungen in den öffentlichen Haushalten.

Auch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christa Weiß, hat sich laut einem Artikel in der WELT vom 15.11.2002 dafür ausgesprochen, neue Organisationsformen für kulturelle Institutionen zu erproben. Es gehe dabei um eine „Umwandlung von behördlichen Strukturen und kameralistischer Haushaltsführung in kaufmännisch-unternehmerische Strukturen“.

Unser Antrag beleuchtet darüber hinaus noch eine andere Facette des Theaterschaffens:
Untersuchungen haben ergeben, dass 10% eines Theaterbudgets auf das Konto dessen gehen, was auf der Bühne zu sehen oder zu hören ist. 90 % werden anderweitig verbraucht, vor allem für technisches und Verwaltungspersonal. Es ist klar, dass der größte Teil dieser 90% die 10% möglich macht. Aber vielleicht können Anreize der Geldgeber ja dafür sorgen, dass Theater stärker nach kaufmännischen Gesichtspunkten ihren Haushalt aufstellen und ihr Geschäft betreiben. Bürokratieabbau muss doch belohnt werden. Denn Bürokratie darf nicht die Kultur erdrücken.