Die Systemgänger - Deutsches Theater im neuen Jahrtausend

Im Freien Theater hat sich in den letzten zehn Jahren jedoch ein Wandel vollzogen, der nicht
folgenlos bleibt für die gesamte Reformdebatte um das deutsche Theater. Hier werden Wege beschritten, die die feste Ensemblebildung mit eigenem Haus in Frage stellt - in beiden Systemen.
Zunehmend wird jedoch nicht mehr in festen Gruppen gearbeitet, sondern als so genannte Produktionsgesellschaften (Produktions-GbRs), in denen sich Profis für ein Projekt zusammenfinden, oft an Häusern wie Kampnagel oder Sophiensäle, die als Produktions- und Gastspielhäuser und nicht als Quasi-Stadttheater mit eigenem Ensemble fungieren. Über Theater in Deutschland zu sprechen, heisst mit einem Begriff operieren zu müssen, der nur noch historisch wahr ist oder aber ausschließlich Finanzierungsstrukturen beschreibt: den des Freien oder Off-Theaters.
Dennoch kommt man auch heute noch ohne ihn nicht aus: Lediglich von "Theater" zu reden, klammert im öffentlichen und vor allem im kulturpolitischen Bewusstsein genau jene aus, die als Theaterunternehmer produzieren ohne Angestelltenvertrag, meist auch ohne eigene Spielstätte, aber nicht an städtischen oder staatlichen Bühnen. Sie sind nicht "mit gemeint", wenn man über Theaterstrukturen und ihre Reform diskutiert. Dies zeigen die Fragestellungen und die Besetzungen von (Podiums)Diskussionen zum Thema, wo man zumeist ausschließlich die gerade angesagten Intendanten großer etablierter Häuser findet.

Man muss auch heute wie vor zehn Jahren darauf hinweisen: Theaterdebatten - wie jetzt das bundesdeutsche "Bündnis für Theater" - können niemals nur in Bezug auf eine der beiden Formen geführt werden, wenn man über Theaterstrukturen in Deutschland und ihre Reform spricht, denn die nicht-städtische Organisation von Theater bildet mit über 2000 professionellen Freien Theatern einen erheblichen Teil der bundesrepublikanischen Theaterlandschaft.

Die Ignoranz in der Diskussion ist umso erstaunlicher, weil andererseits die unbedingte Trennung, ja unversöhnliche Gegenüberstellung von Freiem Theater und etabliertem Theater, die in den 70er Jahren des letzten Jahrtausends zur Gründung des Freien Theaters geführt hatte, nicht mehr existiert.

Nachwuchs im Theaterbereich ordnet sich oftmals gar nicht mehr dem "Freien" Theater zu, sondern produziert als Einstieg in eine Laufbahn an etablierten Theatern lediglich einige Projekte frei. Und wird oft nach einigen erfolgreichen Projekten und Festivalauftritten schleunigst an städtische Bühnen geholt, um dort eine neue Farbe in den Spielplan und neue Zuschauerschichten ins Haus zu bringen.
Vor diesem Hintergrund wäre das Reklamieren dieser Künstler durch die freie Szene als Teil ihrer selbst auch nicht zulässig, da jene wie selbständige Unternehmer dem gesamten Theatermarkt (frei und städtisch) zur Verfügung stehen. Die steigenden Gründungen der heutigen Ich-AGs sind ja auch nicht unbedingt Indiz für wachsenden Unternehmermut in Deutschland.

Das bisherige Selbstverständnis von Freier Theaterarbeit findet sich eher bei festen Gruppen, die - oft politisch motiviert - für mehrere Jahren mit einem festen Kern zusammenarbeiten und sich nicht selten im emanzipatorischen Prozess gegen etablierte Strukturen vor Ort behauptet haben.
Nach wie vor weist Freies Theater vielfältige Strukturen auf: Vom Einpersonen-Theater bis zum vielköpfigen Ensemble, mit und ohne eigene Spielstätte, in allen Genres vom Figurenspiel bis Tanz und für alle Zuschauergruppen von Kindern bis zu Erwachsenen tätig, oft die Grenzen der verschiedene Künste überschreitend, manchmal pures Sprechtheater.

Ein Spezifikum der Freien Theater ist sicherlich das Entwickeln eigener Stücke, mit denen sie auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Es entstehen Theaterstücke mit eigener Qualität. Hierfür ist ein kein Platz im staatlichen oder städtischen Betriebstheater.
Freie Theatermacher sind es gewohnt, selbständig die Proben- und Aufführungsbedingungen zu gestalten, Termine flexibel planen zu können und so auf sich aus dem Probenprozess ergebende Veränderungen reagieren zu können. Die durch tarifliche Strukturen und Hierarchien bestimmten Arbeitsbedingungen können tödlich sein für bestimmte Formen der Kreativität.

Im Freien Theater hat sich in den letzten zehn Jahren jedoch ein Wandel vollzogen, der nicht
folgenlos bleibt für die gesamte Reformdebatte um das deutsche Theater. Hier werden Wege beschritten, die die feste Ensemblebildung mit eigenem Haus in Frage stellt - in beiden Systemen.
Zunehmend wird jedoch nicht mehr in festen Gruppen gearbeitet, sondern als so genannte Produktionsgesellschaften (Produktions-GbRs), in denen sich Profis für ein Projekt zusammenfinden, oft an Häusern wie Kampnagel oder Sophiensäle, die als Produktions- und Gastspielhäuser und nicht als Quasi-Stadttheater mit eigenem Ensemble fungieren.
Bundesweit findet - nicht nur unter finanziellem Druck - eine Öffnung auch der freien Spielstätten statt, die ursprünglich nur vom und für das (Gründungs)Ensemble betrieben wurden. Für sie werden zunehmend Konzepte entwickelt, nach denen Theatermacher für Einzelprojekte eingeladen werden, die dann das Profil des Hauses prägen - nicht selten das als Brutstätte der Avantgarde.

Ein neu zu beobachtendes, vielleicht noch singuläres Phänomen ist die Kombination von eigenem Freien Theater und regelmäßiger Arbeit an einer städtischen Bühne.
Theaterpersönlichkeiten - meist im Bereich Regie - bringen regelmäßig eigene freie Off- Produktionen heraus und inszenieren spielzeitweise an Stadt- und Staatstheatern, wie die
Hildesheimer Albrecht Hirche oder Uli Jäckle , der zusätzlich auch noch mit Laien jährlich
großartiges Dorftheater inszeniert - mitten im Nirgendwo Heersum. Beide würden sich nicht ausschließlich in einem der Systeme verankern wollen.

Es scheint jedoch, dass Freie Theaterschaffende sich leichter in Stadttheaterstrukturen einfinden können. Nicht selten hört man in der Freien Szene Anekdoten über Schauspielbewerber, die noch niemals außerhalb städtischer Bühnen gearbeitet haben, und die schlicht überfordert seien beispielsweise mit dem Anspruch im Freien Bereich, das Stück mitzugestalten und in quasi-kollektiven Strukturen mehr als nur Schauspieler zu sein.
Wenn Freie Theatermacher an städtischen Bühnen produzieren, mischen sie nicht selten in der Besetzung hauseigene Ensemblemitglieder und Freie KünstlerInnen - oft genug eine Gradwanderung mit Hindernissen.


Nicht nur am Beispiel der Berliner Schaubühne, die äußerst erfolgreich von drei TheatermacherInnen geleitet wird, die ausgewiesen vorher "frei" arbeiteten, auch anhand der immer größer werdenden Zahl an Kooperationen und zwischen beiden Formen hin- und herspringenden professionellen TheatermacherInnen wird deutlich, dass die ehemals inhaltlich begründeten Grenzen immer fließender werden.

Viele Stadt- und Staatstheater arbeiten inzwischen experimentell, viele Freie Gruppen arbeiten immer noch oder wieder konventionell. Viele Ästhetiken und Arbeitsweisen sind hier wie dort zu finden.
Festzustellen bleibt, dass es - ästhetisch betrachtet - hier wie dort eine sehr breite Basis und
eine kleine Spitze gibt. Die Avantgarde findet man immer in den kleinen Spitzen.

Unversöhnlich stehen sich jedoch die Strukturen der beiden Systeme gegenüber, die sich aus ihrer Finanzierung ergeben.
Auf der einen Seite wird in der Regel von Projekt zu Projekt frei von Planungs- und sozialer
Sicherheit gearbeitet, die gesamte Förderung der öffentlichen Hand fließt beinahe ausschließlich in die künstlerische Arbeit. Die KünstlerInnen sind freiberuflich tätig und zwischen den Projekten in keiner Weise finanziell gesichert.

Auf der anderen Seite fließt der größte Teil der Mittel in die Vorhaltung eines Betriebes, der große Schwierigkeiten hat, Tarifsteigerungen aufzufangen und noch Geld für die eigentliche
Theaterarbeit - die Inszenierung - aufzubringen. Zum Leidwesen der dort angestellten Künstler.
In Niedersachsen steht dem Etat für alle Freien Theater von ca. 1 Million Euro ein Etat der
drei Staats- und zwei Landesbühnen von rund 120 Mio Euro gegenüber.
Die Kommunen brechen unter der Last der Subventionen für ihre Stadt- und Staatstheater zusammen, Etats für Freies Theater werden zunehmend drastisch gekürzt und eine Besserung ist nicht in Sicht. Allein der Defizitausgleich des Staatstheaters Hannover 2003 übersteigt den Etat für rund 80 professionelle Freie Theater in Niedersachsen um fast das Doppelte.

Beide Systeme drohen am Geld zu scheitern.
Wie geht die öffentliche Hand nun mit dieser Situation um?

Um hochwertige, kontinuierliche und über Jahre zu entwickelnde Freie Theaterarbeit zu sichern, hat das zum Beispiel das Land Niedersachsen - wie auch Berlin und andere Städte - die Förderung Freier Theater vor drei Jahren zusätzlich zur reinen Projektförderung um die dreijährige Konzeptionsförderung erweitert.
Deren kürzlich vorgenommene Evaluation hat deutlich gezeigt, dass hierin eine große Chance für künstlerische Weiterentwicklung und nationale und internationale Kooperationen liegt, die von den entsprechenden Theatern intensiv genutzt wird. Die Konzeptionsförderung verbessert durch die von ihr gebotenen Planungsmöglichkeiten die Arbeitsbedingungen der Theater und somit nicht zuletzt ihre Qualität.
Die Stadt- und Staatstheater sind dagegen in einer vieljährigen Dauerförderung, die oftmals selten oder ungenügend evaluiert wird - schon gar nicht von außen, schon gar nicht durch
Fachkommissionen, die im Freien Bereich immer häufiger Politik und Verwaltung bei der Vergaben der Kultur-Mittel beraten.
Natürlicher Zeitpunkt einer öffentlichen Debatte um die Qualität des städtischen oder staatlichen Theater ist lediglich dann, wenn ein Intendantenvertrag ausläuft. Die Kriterien der Bewertung sind jedoch willkürlich und zufällig gesetzt, die Entscheidung liegt bei der Politik.

Selbstverständlich gelten für beide Systeme im Kern die gleichen Kriterien: Zuschauerzahlen, Presseresonanz, Tenor der Fachkritik, nationale und internationale Preise und Festivaleinladungen.
Die kulturpolitischen Zielvorgaben - so sie überhaupt kommuniziert oder gar vertraglich vereinbart werden - divergieren jedoch schon stärker.

In Zuge der Reformdebatte ums Deutsche Theatersystem, die leider erst jetzt vor dem Hintergrund verheerender Sparzwänge geführt wird, stellt sich dringlich die Frage: Was soll gefördert werden, und vor allem: warum soll es gefördert werden? Dies müssen wir kulturpolitisch diskutieren.

Wer Theater fördert, muss sich darüber im Klaren sein, dass mit der Art der Förderung eine Theaterlandschaft entstehen oder zerstört werden kann.
Es ist notwendig, Stärken und Schwächen der Strukturen sowohl von Stadt- und Staatstheater als auch von Freien Theater muss genau zu überprüfen und daraus die einzig mögliche Konsequenz zu ziehen: die Abschaffung beider Formen als Beschreibung von Finanzierungssystemen.
Theatersubvention muss in diesem Land für beide Systeme völlig neu zu definiert werden. Die passende Förder-Instrumente sind dann zu entwickeln.

Wenn das Geld knapp wird, müssen Qualität und nicht Quantität, Erfüllung von Zielsetzungen und nicht nur bloßer Erhalt überkommener Traditionen die ausschlaggebenden Kriterien sein.
Die Vorstellung von "Qualität" ist dabei natürlich keine feststehende Größe, sondern muss sich im Laufe der Zeiten wandeln. Deshalb müssen Qualitätskriterien ständig überprüft und auch hin und wieder neu definiert werden. Die Diskussion um Qualitätsmerkmale muss immer wieder geführt werden, da sie die Voraussetzung für vernünftige Förderentscheidungen
ist.
Dies können nicht die Betroffenen selbst oder Einzelpersonen in Politik und Verwaltung tun. Die Praxis unabhängiger künstlerischer Beiräte, die bisher - wenn überhaupt - nur für Freies Theater bestellt werden, weist in die richtige Richtung: Die Fachkenntnis eines Experten-Gremiums der Theaterszenen vor Ort und im nationalen und internationalen Vergleich sowie die der künstlerischen Produktionen muss zur Voraussetzung für Förderentscheidungen gemacht werden - für jede Organisationsform des Theaters.

"Andere Länder, wie die Niederlande, haben uns das schon lange vorgemacht. Zur Erinnerung: Irgendwann waren die Theaterbesucher der etablierten Häuser es leid, die immer gleichen Stücke in der immer gleichen Ästhetik zu sehen und entschlossen sich, wann immer wenn ihnen eine Inszenierung nicht gefallen hat, Tomaten auf die Bühne zu schmeißen. Die Situation uferte allmählich aus und es fiel eine kulturpolitische Entscheidung.
Sämtliche Theater müssen sich seitdem einer ständigen Qualitätskontrolle unterziehen. Niemand kann sicher sein, seinen Etat über Jahre zu bekommen. Alle fünf Jahre wird über die Verteilung der Gelder neu entschieden. Hierin läge auch für Deutschland eine große Chance. Die Karten würden völlig neu gemischt und neu verteilt. Sowohl die Weihnachtsmärchen-Grausamkeiten einiger Stadttheater und Landesbühnen als auch die Kinderbelustigungsveranstaltungen einiger Freier Theater würden endlich ein Ende nehmen. " (Martina van Boxen, Theaterwerkstatt Hannover).

Was wir brauchen, ist eine flexible Förderung. Eine Förderung, die den zu fördernden Theatern, den gesellschaftlichen Zielvorgaben und den fachlichen Qualitätsmaßstäben entspricht. Das kann sowohl Projektförderung, als auch Konzeptionsförderung, in manchen Fällen durchaus auch eine institutionelle Förderung sein. Nur sollte sie nicht auf Gewohnheitsrecht beruhen, sondern auf klar definierten Qualitätsmerkmalen basieren.
Diese Forderung ist nicht neu. In heutigen Zeiten muss man sie nur neu denken und auf die gesamte Theaterlandschaft beziehen.
Theater in Deutschland braucht dringend die Strukturreform.