Ein Haus für Theater

Politiker kürzen Kulturetats, und Theaterleute klagen darüber. Wie soll es weitergehen? Unser Autor empfiehlt eine konzentrierte Aktion: Die freien Gruppen sollen sich zusammenschließen. Erschienen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung schrieb in ihrer Ausgabe vom 02.02.05.

 

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da machte Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer auf sich aufmerksam, indem sie den Vorschlag unterbreitete, das deutsche Theater zum Weltkulturerbe zu erklären. Neben Dom und Michaeliskirche hätte dann zum Beispiel Hildesheim mit dem Stadttheater gleich drei Stätten, die bei der Unesco aufgelistet wären. Aber mit dem Konservieren einer einzigartigen Landschaft von Oper, Schauspiel und Ballett werden Kulturschaffende und Kulturpolitiker sicher nicht die Zukunft der dramatischen Kunst sichern können.

Die Prioritätensetzungen in den Kommunen, Kreisen und Ländern führten bisher zu Kürzungen der Kulturetats, nicht aber zu konzeptionellen Überlegungen, welches Theater gebraucht wird und wie es zu reformieren wäre. Jede Bühne werkelt für sich, die politischen Verantwortlichen schauen zu, und die Lobbyisten verteidigen der Status quo. Um die Not zu wenden, die dadurch entstanden ist, dass die öffentlichen Hände weniger Einnahmen, aber mehr Ausgaben zu verwalten haben, bedarf es aber einer konzentrierten Aktion aller Beteiligten – die ist überfällig und notwendig.

Grundversorgung mit Theater


Wo nicht mehr Mittel zur Verfügung stehen, muss umverteilt werden, wo Handlungsbedarf besteht, müssen Ziele definiert werden. Ein Ziel, vielleicht das oberste überhaupt, ist die Grundversorgung der Bevölkerung mit Theater. Für Hannover hieße das etwa, dafür zu sorgen, dass möglichst jeder Einwohner statistisch mindestens einmal im Jahr die Möglichkeit erhält, ein Theaterereignis zu besuchen. Dafür gibt es unter anderen das Staatstheater und die so genannten freien Theater. Die arbeiten mehr neben- als miteinander. Das mag künstlerisch in Ordnung gehen, denn die unterschiedlichen Publikumsgruppen verlangen zu Recht ein differenziertes Angebot. Kulturpolitisch macht es aber Sinn, die Theaterarbeit zu vernetzen. Dazu bedarf es vor allem unter den freien Theatern eines Verbundes; denn nicht jede Gruppe muss mit den wenigen Fördergeldern, die sie für die Produktion gewährt bekommt, auch noch ein eigenes Management unterhalten. Außerdem könnten dann Aufführungen landesweit vermarktet werden, da die vielen freien Theater mobil sind und sowieso touren.

Solch eine Vernetzung muss aber auch kulturpolitisch gewollt sein. Stadt und Land könnten das mit den Zuwendungsempfängern an einem Tisch klären. Am besten wäre es, sie unterzeichneten solche Zielvereinbarungen in einem zu gründenden Theaterhaus. Modelle hierzu gibt es viele in der Republik, die müssten in Hannover nicht eigens erfunden werden.

Es geht um Spielstätten des freien Theaters, es geht um deren Identifikationsorte für das Publikum, es geht um eine Vermittlungsagentur für freies Theater. Diese Modelle wären zu befragen und auszuprobieren – wenn die Kulturpolitik Ressourcen zur Verfügung stellen könnte. Es gibt verschiedenen Modelle: Das Theaterhaus als Spielstätte verschiedener Theaterproduzenten, das Theaterhaus als interdisziplinäres, interaktives und integratives Theaterzentrum, das Theaterhaus als Verein, der sich als Interessenverband versteht und ein gemeinsames Management für Theaterproduktionen anbietet, das Theaterhaus als regionales Theaternetzwerk im Verbund mit den Theaterproduzenten der Landschaft, das Theaterhaus als neue Form der Landesbühne, um das Potenzial der freien Theater zu verknüpfen mit den mobilen Theaterproduktionen der Stadt- und Staatstheater.

Vielfältige Theaterlandschaft

Es geht um eine Vielzahl von Modellen, die allesamt die Theaterlandschaft neu bestimmen könnten. Es geht nicht um eine Reform für alle, es geht um viele Reformen im Einzelnen. Es geht nicht darum, ein System flächendeckend gegen ein anderes auszutauschen. Eine Polyphonie der Produktionsformen, eine vielfältige Theaterlandschaft im Strukturellen und im Künstlerischen, das sollte das Ziel sein. Theaterhäuser gibt es zum Beispiel in Düsseldorf, in Frankfurt am Main und in Stuttgart. Sie sind in erster Linie Produktionsstätten und dienen unterschiedlichen Theatergruppen.

Im Gegensatz zum Staatstheater erhalten freie Theatergruppen in Hannover, die zum Teil seit Jahr und Tag die freie Theaterlandschaft von Stadt und Land gestalten, nur öffentliche Förderung pro Produktion. Vereinzelt dient eine Konzeptionsförderung der mittelfristigen Planungssicherheit – aber auf finanziell unterstem Niveau. Ein Theaterhaus würde vielen Gruppen mehr Sicherheit bieten. Die Theaterpolitik muss sich bekennen, die großen und ganz besonders auch die kleinen Pflänzchen zu pflegen. Das geht nicht ohne Umverteilung, das geht nicht und Akzentsetzungen in der freien Szene. Denn nur die beste Qualität in den Gruppen bildet den Humus für Experimentierfreude und Innovation. Und von denen profitieren das Staatstheater wie auch die Stadttheater des Landes.

Theaterhäuser können Laboratorien der sozialen Phantasie werden, Schulen des Sehens und Probenräume für die nächste Generation von Künstlern und Publikum.

Kulturelle Bildung tut Not

Ein Theaterhaus in Hannover sollte deshalb auch – so wie das Modell in Frankfurt am Main – Theater für Kinder und Jugendliche als ausgewiesenen Schwerpunkt pflegen. Denn auch kulturelle Bildung tut Not und ist Kulturerbe, das mit oder ohne Unesco zu schützen wäre. All das steht auch in Artikel 6 der Niedersächsischen Verfassung. Man muss sie von Fall zu Fall mal lesen. Besser noch: Man muss sie in die Tat umsetzten.


Wolfgang Schneider ist Direktor des Institutes für Kulturpolitik und Dekan des Fachbereichs Kulturwissenschaften der Uni Hildesheim, Vorsitzender des Theaterbeirates des Landes und Mitglied der Kultur-Enquete-Kommission des Bundestages.