Interview mit Prof. Wolfgang Schneider zur Situation der Freien Theater in Niedersachsen

Im Januar traf sich zum ersten Mal der neu berufene Theaterbeirat des Landes Niedersachsen, um über die Projektanträge der Freien Theater für 2006 zu beraten. Die Sitzung leitete zunächst der scheidende Vorsitzende Professor Dr. Wolfgang Schneider, der dem Beirat seit 1997 angehörte. Ebenfalls ausgeschieden sind Thomas Lang, der das Land von Beginn des Beirats an beraten hat, Holger Walla, den der LaFT 2002 als Nachfolger von Dietrich Oberländer benannte, und Marijke Gerwin. Ihnen allen sei nochmals für ihre engagierte und fachkundige Arbeit in diesem Gremium und ihren Einsatz für Erhalt und Fortentwicklung der Freien Theaterarbeit gedankt.

Als neuer Vorsitzender wurde Honne Dohrmann ernannt, der seit 2003 Beiratsmitglied durch LAGS-Benennung ist. Neu berufen wurden Sibylle Linke, Katja Ott, Geesche Wartemann und Marco Santi, die wir kurz vorstellen.

 

Kirsten Haß, Geschäftsführerin des Landesverbands Freier Theater führte im April 2006 das  Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, über seine Zeit im Theaterbeirat und seine Zukunftsgedanken.


Kirsten Haß: Herr Schneider, über neun Jahre Vorsitz des Landestheaterbeirats: Was haben Sie erreicht?


Wolfgang Schneider: Gebracht haben sie mir die Einsicht, dass es in Niedersachsen eine lebendige Freie Theaterszene gibt, der nach wie vor die Kulturpolitik sowohl auf kommunaler Ebene als auch auf Landesebene nicht gerecht wird, gemessen daran, was die Szene an künstlerischen Leistungen zu erbringen in der Lage ist. Ich wertschätze beim Freien Theater  oft seine identitätsstiftenden Elemente, weil es sehr nahe dran ist an den Menschen, am Publikum, weil es sich zielgruppenorientiert verhält und damit in unserer Gesellschaft auch ein Forum bietet, sich selbst zu verständigen.
In meiner Amtszeit ist die Einführung der Konzeptionsförderung erfolgt. Die hat natürlich verschiedene Väter und Mütter, aber kulturpolitisch wurde sie von uns im Beirat befördert. Dass die Konzeptionsförderung ein erfolgreiches Konzept geworden ist und jetzt in zweiter Auflage läuft, erfüllt einen dann auch in der Tat mit Zufriedenheit. Da kann man dann sagen: OK, das war schon mal ein Schritt, aber eben nur ein Schritt auf einem langen Weg.

Hat sich denn im Freien Theater in den neun Jahren etwas verändert?


Ja, mit Sicherheit. Es hat eine Professionalisierung im Schauspiel stattgefunden, eine Experimentierfreudigkeit mit Räumen, und es hat einen Qualitätszuwachs im Kindertheater gegeben. Es hat sich etwas entwickelt, weil die gegenseitige Achtung und Sichtung Freien Theaters sich entwickelt hat, also die Inaugenscheinnahme durch Kollegen, durch Kritiker, auch durch neue künstlerische Köpfe. Dadurch ist so etwas entstanden wie ein Qualitätsstandard.

Hat das auch etwas mit der Einführung des Theaterbeirats als Begutachtungs- und Empfehlungsgremium zu tun?

Wenn es ein Gremium gibt, das insbesondere konzeptionell und künstlerisch urteilend agiert, trägt diese Tatsache dazu bei, die Qualität des Theaters zu steigern, ist aber sicher nicht die einzige Komponente.

Man könnte also sagen, dass auch die Empfehlungen des Beirats Maßstäbe setzen für die Theaterarbeit, an denen sich auch diejenigen, die nicht gefördert wurden, orientieren können?

Ja. Und darin sehe ich durchaus auch ein wichtiges kulturpolitisches Instrument.
Es wird ja oft argumentiert: „Was unserem Publikum gefällt ist unsere Orientierungsschnur“, aber die Latte wird eben auch hoch gelegt durch einen Beirat.

Andererseits soll ein Beirat die gesamte Theaterlandschaft in einem Land im Auge behalten und nicht nur die einzelne Produktion oder die einzelne Theatergruppe betrachten.

Das habe ich als Auftrag immer so verstanden: als Beirat dafür zu sorgen, dass dieses Flächenland vielfältig bespielt wird. Natürlich sehen wir Freies Theater schwerpunktmäßig konzentriert in den Zentren. Ich wünschte mir aber in bestimmten Regionen, dass sich dort „Hütthof“ (als erfolgreiche Spielstätte des Theaters Metronom auf dem Land, Anm. d. Red.) gewissermaßen potenziert, die Provinz also ihr Freies Theater hat. Das kann dann natürlich durchaus anderes Theater sein, als man es im Wettbewerb zwischen Eisfabrik und Theaterwerkstatt und Glocksee in Hannover vorfindet.

Das berührt ja auch das Thema Nachwuchsförderung. Dies ist ja zunächst ein Gebiet, mit dem der Landestheaterbeirat nicht so viel zu tun hat aufgrund des Antrag-Schwellenwertes, ab dem er überhaupt erst zuständig ist. Könnte nach Ihrer Erfahrung der Beirat den Nachwuchs befördern?

Ja, das ist absolut prioritär zu behandeln. Es ist natürlich immer wieder schön zu sehen, wenn die alten Kempen was auf die Bühne stemmen. Aber ich denke, das Publikum entwickelt sich weiter, die Gesellschaft entwickelt sich weiter und insofern wird sich natürlich auch das künstlerische Schaffen weiter entwickeln (müssen), zwangsläufig. Man muss dafür sorgen, dass auch neue Initiativen, künstlerische Handschriften und Persönlichkeiten eine Chance haben. Es gilt, in diesem Bereich zusätzlich ein Förderungspaket zu schnüren, zum Beispiel den Newcomer des Jahres auszuzeichnen und die Möglichkeit zu geben, die Produktion 25 mal im ganzen Land zu zeigen. Das wäre natürlich auch eine Förderung der Distribution, d.h. viele können da partizipieren, aber – und das ist fast genauso wichtig – es ist auch ein bisschen Wettbewerb, der da gestaltet werden kann.

Sie haben bei verschiedenen Anlässen über die Theaterlandschaft in Deutschland gesprochen. Wie schätzen Sie den Stellenwert von Niedersachsen ein? Ich nenne die Stichworte Hildesheim – Kooperation mit dem Stadttheater – und den Nachwuchs. Haben wir da nicht ein Potenzial, mit dem wir über die Grenzen Niedersachsens hinaus in Deutschland wirken können?

 Ja, und ich sage gleichzeitig: Das ist ausbaufähig! Und ich sage auch: Das muss kulturpolitisch begleitet werden.
Ich will da noch eine grundsätzliche Bemerkung machen. Ich habe in den neun Jahren meiner Beiratstätigkeit feststellen müssen, dass sich Politik relativ wenig Gedanken gemacht hat über die Theaterförderung. Das sehen Ministerium und Politik sicher anders, weil sie heftig um Haushalte gekämpft haben. Was ich aber meine ist, dieses Land stärker unter dem Aspekt zu betrachten, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Theater zu ermöglichen. Da ist zu wenig passiert, das zeigen die Zahlen. Es gibt natürlich Zufälligkeiten und Einzelinitativen, wo Intendanten und Künstler von sich aus initiativ werden, den Nachwuchs einbinden auf der Bühne und im Zuschauerraum. Die theaterpädagogische Maßnahmen anbieten und Orte schaffen für Theater, an denen sich bestimmte Zielgruppen zuhause fühlen.
Aber ich denke, das darf eine Kulturpolitik nicht dem Zufall überlassen. Stattdessen müsste die Vernetzung in die Verträge der Stadt- und Staatstheater. Orte wie die Kulturetage in Oldenburg, das LOT in Braunschweig (ich nehme mal die zwei, es gibt glücklicherweise auch einige andere) bedürfen ja der besonderen Förderung. Es geht in unserer Gesellschaft, in der die Verteilungskämpfe so hart geworden sind, auch um eine gewisse Institutionalisierung. Aber die Institutionalisierung von Freiem Theater heißt nicht, neue Stadttheater zu bauen oder hochzupäppeln, sondern Alternativmodelle zu entwickeln.
Es gibt so viele Fördermöglichkeiten, aber es gibt so wenig Fördermittel!

Demnach ist die Situation, wie wir sie jetzt vorfinden, auch gleichzeitig eine Chance: Die Stadttheater müssen jetzt Zielvereinbarungen mit dem Land Niedersachsen treffen, die Staatstheater müssen sich legitimieren, und die Freien Theater stehen unter dem gleichen Erfolgs- und Legitimationsdruck. Müsste jetzt nicht das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure und Strukturen zu neuen Ergebnissen führen?

Halt! Die Kulturpolitik soll nicht hinein wirken in das Repertoire und die künstlerischen Entscheidungen. Aber bei den Strukturen kann sich das Land nicht mehr heraushalten. Und hier wäre auch der Theaterbeirat gefordert. Ich plädiere ganz vehement für die Aufwertung eines solchen Gremiums als Beratungsorgan in Sachen Theaterstruktur in Niedersachen, das kann ich ja jetzt tun, wo ich nicht mehr dabei bin. Das Land hat darüber hinaus viele Möglichkeiten auf die Kommunen einzuwirken. Aber wenn wir es nicht mit vernünftigen Kommunalpolitikern zu tun haben, die den Wert anerkennen von Freier Theaterarbeit und ihren Potenzialen, dann muss man korrigierend steuern. Insofern müsste also diese berühmte Slogan „Stadt und Land – Hand in Hand“ auch in der Förderstruktur auswirken.

Gemeinsam muss man die Vernetzung nicht nur von Stadt- und Staatstheatern und Landesbühne vorantreiben, sondern eben auch mit Freiem Theater. Das „Hildesheimer Modell“, das ich für völlig überschätzt halte, weil es an den klassischen Theaterstrukturen nicht viel ändert, hat jedoch etwas ganz Wesentliches getan: Es hat sein Haus geöffnet für andere Theaterformen, für ein anderes Publikum. Und es hat als Stadttheater insofern funktioniert, als dass es die Stadt bespielt. Dies ist ein Charakteristikum, das bislang vor allem das Freie Theater ausgezeichnet hat.

Auf dem Symposium des Fonds Darstellende Künste war eine große Forderung – auch von Ihnen -, mehr Theaterhäuser als Produktions- und Spielstätten Freien Theaters in Deutschland zu schaffen. Liegt hier die Zukunft des Freien Theaters in den Theaterhäusern?

Der Erfolg dieser Häuser ist nach wie vor auch abhängig von künstlerischen Persönlichkeiten. Kulturpolitisch gesehen geht es aber darum Orte zu schaffen, von denen aus sich Theater entwickeln kann, an denen sich das Publikum mit dem Theater identifizieren kann. Und es gibt den wichtigen Auftrag, die gesamte Gesellschaft als Bühne zu nutzen, dort aufzutreten, wo es künstlerisch Sinn macht. Insofern können Theaterhäuser auch virtuellen Charakter haben. Ich bin ein großer Verfechter von einer Polyphonie der Strukturen. Wir dürfen jetzt nicht eindimensional dem Stadttheater das Theaterhaus gegenüber stellen. Auch das Stadttheater ist auch Theaterhaus, es müsste sich diesbezüglich entwickeln können. Als Ort offen für viele Publika, als Laboratorium für die Darstellende Kunst, als Seismograph für künstlerische Entwicklungen.

Zu guter Letzt: Gibt es einen Wunsch, den Sie den Freien Theatern mit auf den Weg geben als scheidender Vorsitzender des Beirats?

„Weiter so und ändert Euch!“.