Nichts aus der Konserve

Eine Bestandsaufnahme über die aktuelle Situation der Freien Szene in Frankfurt am Main. "Das Freie Theater lag einfach in der Luft", meint Willy Praml, "die avantgardistischen Strömungen kamen damals schon aus der freien Szene, losgelöst von den festen Häusern und Strukturen, von den zementierten Arbeitsweisen." Und so wuchs zeitgleich mit der politischen Szene der 70er- und 80er-Jahre in Frankfurt eine Theaterszene heran, die herausdrängte aus den staatlichen Institutionen, aus dem Stadttheaterbetrieb mit seinen starren Hierarchien und konventionellen Inszenierungsweisen. Ende der 80er Jahre kam die entsprechende Förderung in Gang, ohne die Theaterkarten unbezahlbar wären und das Theatermachen kaum möglich wäre. Denn im Gegensatz zu anderen Kunstformen bringt Theater kein fassbares Produkt hervor, was in Zeiten, in denen auch im kulturellen Bereich die Gesetze von Verkäuflichkeit und Rentabilität zunehmen greifen, spürbar zum Nachteil wird. Während der Kunstmarkt als Investitionsmöglichkeit boomt, bleibt Theater auf Subventionen angewiesen. So wurde unter dem damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann ein eigener Etat für Freies Theater in Frankfurt eingerichtet, der unter anderem Spielstätten wie das Theaterhaus (1991) und das Künstlerhaus Mousonturm (1988) und auch das bereits 1984 gegründete Gallus Theater förderte.

Mittlerweile verfügt Frankfurt über eine breite Theaterlandschaft mit 60 bis 70 Theatern und Theatermachern, die höchst heterogen das widerspiegeln, was man als "Freies Theater" bezeichnen kann. Das Theaterhaus ist zu einer Spielstätte für anspruchsvolles Kinder- und Jugendtheater geworden; im Gastspielbetrieb des Gallus Theaters arbeiten regionale und nationale Gruppen, der Mousonturm zeigt ein breites Spektrum an Eigenproduktionen und Gastspielen, namhaften Gruppen und Theaternachwuchs. Neben den Spielstätten gibt es eine große Anzahl freier Ensembles, Performancegruppen, Theatermacher und Regiesseure. Dabei ist in den letzten Jahren die einst streng gezogenen Grenze zwischen Städtischen Bühnen und Freier Szene durchlässiger geworden - Strukturen und Ästhetiken, die die Freien erprobt haben, finden sich längst auch im Stadttheaterbetrieb, und lange nicht mehr ist alles innovativ, was "frei" produziert. Die einstigen Revolutionäre haben sich ein Stück weit etabliert, doch der Nachwuchs bleibt aus, wie Dieter Buroch, Intendant des Mousonturms, sagt: "Ich habe die Befürchtung, dass nicht so viel Neues nachgekommen ist." Zugleich verlassen jene, die zur künstlerischen Avantgarde zählen, mehr oder minder freiwillig die Stadt. Auf der Probebühne des Theaters am Turm im Bockenheimer Depot (TAT) haben viele gearbeitet, die sich mittlerweile national und international einen Namen gemacht haben, wie die Tänzerin und Choreographin Vivienne Newport. Nach über zwanzig Jahren Theaterarbeit in Frankfurt wurden ihr 2003 kurzfristig die Fördergelder gestrichen, mittlerweile arbeitet sie von Berlin aus. Im Rahmen von universitären Zusammenschlüssen wie der noch recht jungen Hessischen Theaterakademie und dem Tanzplan Deutschland sollen professionelle Arbeitsbedingungen für den Theaternachwuchs geschaffen werden. Doch Absolventen fehlen häufig die Möglichkeit, nach dem Studium Fuß zu fassen, Frankfurt wird zum Sprungbrett, nicht zum Standort. So sind aus dem Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Goethe-Universität mehrere erfolgreich arbeitende Gruppen hervorgegangen, die "Frankfurter Küche" von Tom Plischke und Kattrin Deufert operiert mittlerweile von Leipzig aus, die Gruppe "andcompany&Co." ist nach der Schließung des TAT nach Amsterdam abgewandert. Für Frankfurt scheint zuzutreffen, das der Prophet im eigenen Haus nichts gilt. Auch Heike Scharpff, die am TAT begann und im März mit ihrer Produktion "Leidenschaftlich: Hannah Arendt" unter dem Label "Klimaelemente" bei Festival Theaterzwang NRW in Dortmund den Preis der Fachjury gewann, wird vom Amt für Wissenschaft und Kunst der Stadt kaum gefördert. Ob diese Entwicklungen dem Kulturstandort Frankfurt zugute kommen, darf bezweifelt werden, gehen doch gerade von jungen experimentellen Positionen Impulse ais, die eine Stadt attraktiv machen.

Und die Chancen, die das Theater heute bietet, liegen gerade in der Flüchtigkeit, die seine Rentabilität erschwert - wie es Dieter Buroch formuliert: "Das Live-Erlebnis darf man nicht unterschätzen, natürlich wollen die Leute lieber mal was scheitern sehen als immer nur diese Konserven, bei denen nie was schief gehen kann. Das ist wie im Zirkus: Keiner will den schönen Löwen einfach nur sehen, sondern wir warten alle nur darauf, dass der Dompteur gefressen wird."