Politik? Im Freien? Theater? Heute?

Im Rahmen des 6. Festivals „Politik im Freien Theater“ in Berlin vom 10. bis zum 20. November 2005, wurde der „Diskurs Container“ als virtueller Ort und Raum für Diskussionen über Freies Theater im politischen Kontext unter anderem von Henning Fülle etabliert. Innerhalb dieser Debatte, die zum mitmachen und mitdiskutieren aufruft, dient der Text Fülles „Politik? Im Freien? Theater? Heute?“ als Einstieg in den Diskurs. Ausgehend von der Annahme, das politische Selbstverständnis der künstlerischen Praxis spiele im zeitgenössischem Freien Theater keine Rolle mehr, baut er seine These auf, die ’freie Szene’ bediene sich heutzutage ihrer Freiräume zum Experimentieren, um darauf folgend unter besserer Entlohnung in den konventionellen Theaterbetrieb, der zuvor allerdings als Reibungsfläche diente,  einzusteigen. Gegensätze zwischen Freiem Theater und den Stadttheaterbetrieben seinen nicht mehr eklatant sichtbar.

Einladung zur Diskussion

Es klingt zunächst nach einer elenden Debatte. Zumindest die etwas älteren Protagonisten werden sich erinnern: Im Streit mit Kulturpolitik und -bürokratin um Anerkennung und Fördermittel, Spielstätten, Ressourcen, im Streit mit Journalisten um Aufmerksamkeit und Würdigung, in den Auseinandersetzungen über den Widerstreit zwischen künstlerischem Professionalismus und politischem und sozialen Engagement sind seit den Achtzigerjahren (im Westen) Diskussionen um freies, politisches Theater buchstäblich ‚ohne Ende’ geführt worden.

Warum also von neuem?

Weil die Verhältnisse sich geändert haben und die alten Fronten, die alten Argumente nicht mehr gültig sind.

In der Gründungszeit wurde die ‚Freiheit’ des freien Theaters als Freiheit von den verkrusteten Strukturen und der Traditionspflege in den Stadt- und Staatstheatern verstanden; als  ‚Freiheit zu politischer Kunst’, Freiheit der ästhetischen Gestaltung und  als Voraussetzung für einen direkten, unverstellten Zugang zum Publikum - zu einem Publikum zumal, das die bürgerlichen Bildungstempel nicht besuchte.

Freies Theater verstand sich damit geradezu per se als politisches Theater, beanspruchte selbstbewußt und kämpferisch das Erbe des Politischen in der Theaterkunst.

In der Dramaturgie, den Themen, der Produktionsweise sollte sich das realisieren: Politische Themen, Selbstbestimmung und Mitbestimmung der Beteiligten, kollektive Verfügung über die Ressourcen bildeten einen politischen Begründungszusammenhang - auch für die Forderungen nach Förderung.

Dieses unmittelbar ‚politische’ Selbstverständnis der künstlerischen Praxis spielt heute so gut wie keine Rolle mehr.

Heute wird die ‚freie Szene’ zumeist als Vorhof des Stadttheaters verstanden, als mehr oder weniger experimentelles Vorfeld, als Durchgangsstation zu den größeren Häusern und Gagen, von denen man eventuell leben kann. Offenbar sehen das auch viele Künstlerinnen und Künstler, die in diesem Bereich arbeiten, selbst so.

Künstlerinnen und Künstler arbeiten in beiden Bereichen und der Gegensatz von Freiem versus Stadttheater scheint kaum noch relevant und – wo er noch vertreten wird – wie ein ideologisches Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

* Sind also die ‚freie Szene’ und ‚ihre’ Häuser heute nicht mehr (und nicht weniger) als Durchlauf- und Selektionsinstanzen für innovative Nachwuchskräfte des deutschen Staats- und Stadttheaters? Ein praxisorientiertes Qualifizierungsinstrument, in der Hoffnung frei nach Frank Sinatra: ‚If you can make it there, you’ll make it everywhere’? – War’s das also mit der ‚Politik im Freien Theater’? Ist das alles, was noch gewollt wird?

* Ist die ‚freie Szene’ heute nur mehr die konkurrierende Community der (ebenfalls professionalisierten) Produzenten und Antragsteller auf öffentliche Projektfördermittel? Die Durststrecke derjenigen, die es (noch) nicht geschafft haben?

Dabei scheint der Anspruch auf politische Kunst jenseits der traditionellen Dispositive angesichts der Entwicklungen der globalen Medienzvilisation und der digitalen Kommunikation aktueller denn je. Zumindest die Entstehung der wichtigsten zeitgenössischen Erneuerungen der darstellenden Künste vollzieht sich außerhalb der etablierten Anstalten. Und die Frage, was aus diesen Impulsen – und den Künstlerinnen und Künstlern – wird, wenn sie von den Stadttheatern aufgenommen werden, wird kontrovers diskutiert.

* Lassen sich also jenseits der rein pragmatischen Positionsbestimmung der freien Szene künstlerische Ideen ausmachen, die eine spezfische, von der Organisationsweise des Stadttheaters unterschiedene ‚freie’, unabhängige Produktionsweise erfordern?

* Entstehen hier spezifische, vom klassischen, im Stadttheater tradierten Dispositiv des Theaters unterschiedene - politische - Zugriffe auf Wirklichkeit und Wahrnehmung?  Und: welches wären die ästhetischen und dramaturgischen Ideen solcher zeitgenössischer politischer Theaterkunst?

* Hat eine unabhängige, projektorientierte Produktionsweise eine eigenständige Bedeutung für die Entstehung von gegenwärtig zeitgenössischer politischer Theaterkunst?  Wie wären diese besondere Produktionsweise und ihre Funktion  positiv näher zu bestimmen?

Oder hat das Theater überhaupt als Medium des Politischen ausgedient?

Diese Fragen sollen als Anregung dienen, näher zu bestimmen, ob und in welcher Weise ‚frei’ produziertes Theater womöglich auch heute und für die Zukunft und jenseits der ursprünglich formulierten ‚Freiheiten’ eine besondere Berechtigung und Notwendigkeit für die Herstellung zeitgemäß politischer Theaterkunst beanspruchen kann, vielleicht sogar muss.

Von neuem diese Diskussion also, weil die alten Begründungen nicht mehr funktionieren, weil es gilt, neues, zeitgemäßes Selbstbewusstsein für die Bedeutung frei produzierten Theaters zu entwickeln: um seiner - angesichts der Finanznöte von Kommunen und öffentlichen Händen drohenden - weiteren Marginalisierung (oder Abschaffung) entgegen zu wirken;  und anstelle der allfälligen Legenden über seine Herkunft und sein Selbstverständnis eine Selbstbestimmung zu formulieren, die seiner Bedeutung als Produktionsweise zeitgenössischer darstellender Kunst auf der Höhe der Zeit, der Kultur und der Politik gerecht werden könnte.