Am Puls der Zeit

Die Sophiensæle Berlin, die bekannte Spielstätte der Freien Szene der Hauptstadt feierten im November 2006 ihr zehnjähriges Jubiläum und haben zu diesem Anlass ein 144seitiges Buch veröffentlicht: „Spielräume produzieren – Sophiensæle“, das von der künstlerischen Leiterin Amelie Deuflhard herausgegeben und im Verlag Theater der Zeit erschienen ist. Es werden darin nicht nur die persönlichen Erinnerungen der Gründer und die Entstehungsgeschichte der Sophiensæle vorgestellt, sondern es fragt in Essays wie etwa von Carl Hegemann oder Amlie Deuflhard und Gesprächen mit Sasha Waltz und anderen Weggefährten aus den letzten zehn Jahren auch nach dem exemplarischen Charakter der an den Sophiensælen entwickelten Arbeitsweise, den ästhetischen Formen und dem Wechsel- und Vermischungsverhältnis der Genre untereinander. Ein reich illustriertes Buch mit 48 Farb- und 42 s/w-Abbildungen , das aus Anlass des Jubiläums die Freie Szene beleuchtet.

Die Sophiensæle in Berlin Mitte: ein Mädchenname kombiniert mit dem im Deutschen nicht vorhandenen „æ“, schreibt sich ein in die Seele, macht neugierig. Fast jeder ist beim Herumstromern durch Berlins Szene-Stadtteil schon über sie gestolpert und hat sich zumindest gefragt, was denn da gemacht wird? Sophiensæle – das hat fast jeder schon mal gehört oder gelesen, bekannt durch zahlreiche Gastspiele überall in der Republik. Irgendwie kennt man sie schon immer, irgendwie waren sie schon immer Kult und berühmt für interessante und gute Koproduktionen und Gastspiele.

 Laut Adrienne Goehler, von 2002 bis 2006 Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds (HKF), sind sie ein „gerettetes und selbstbewusst behauptetes Stück des Goldgräber Berlins“. Seit nunmehr zehn Jahren sind sie viel mehr als „nur“ eine Spielstätte der Freien Szene. Sie gelten neben dem Theater Hebbel am Ufer (HAU) als eines der wichtigsten alternativen kulturellen Zentren in der Mitte Berlins. Und sie sind eine der zentralen Plattformen im deutschsprachigen Raum für Theater-, Tanz- Performance- und Musikprojekte, die nach neuen ästhetischen wie organisatorischen Wegen suchen. Seit ihrer Gründung haben sie sich dabei zum erfolgreichen Modell für außerinstitutionelles Arbeiten entwickelt. Goehler beschreibt das so: „Die Sophiensæle sind ein Kraftwerk im Laboratorium Berlin, das versteht, sich mit anderen Energiefeldern, derer es viele in der Hauptstadt gibt, zu verbinden.“

 Anfangs auf der ganz pragmatischen Suche nach einem dauerhaften Probenraum, „stolperte“ die Gruppe um Jochen Sandig und Sasha Waltz 1996 über das ehemalige „Handwerkervereinshaus“ in der Sophienstraße, welches sich, laut Sandig, zu dem damaligen Zeitpunkt in einem Dornröschenschlaf befunden habe. Es war Liebe auf den ersten Blick. In den Räumen wo einst Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht revolutionäre Reden gehalten hatten, richteten sie sich ein und wollten „nicht das Theater neu erfinden“, sondern es ging ihnen „um nichts Geringeres und Notwendigeres als eine substantielle Form der künstlerischen Freiheit und Unabhängigkeit zu schaffen, jenseits der konventionellen und institutionellen Räume“, erinnert sich Jochen Sandig.

„Freie Szene ist ein diffuses Etwas“, sagt Amelie Deuflhard in ihrer Zwischenbilanz für die Sophiensæle, „keine klar umrissene Gruppe, sondern mehr eine Selbstdefinition von Künstlern als eine klar abgrenzbare Einheit.“ In Berlin würde der Begriff Freies Theater eher gemieden, da er immer noch mit einer Ästhetik verhaftet sei, die nicht mehr relevant ist, und mit einer  Produktions- und Lebensform einhergeht, die aus einer anderen Zeit kommt. In den siebziger und achtziger Jahren entstanden diese Theatergruppen in ausdrücklicher Opposition zum Stadttheater. Früher galten das Stadt- und Staatstheater als hierarchisch, schwerfällig und ästhetisch konservativ – und die Off-Szene wiederum wandte sich politisch und ästhetisch gegen all das, was die „Etablierten“ repräsentierten. Gleichzeitig aber war das Off mit dem Stigma versehen, nicht mehr als semiprofessionell zu sein. Die Szene lebte von der eigenen Anti-Haltung und einer Art Hassliebe: wer aus dem Off den Sprung an ein Stadt- oder Staatstheater schaffte, war einerseits ein Verräter und hatte es doch gleichzeitig „geschafft“.

 Der Beginn der Sophiensæle sei mit dem Ende der Off-Kultur zusammen gefallen, schreibt Dirk Pilz. Deuflhard: „Es war eine Zwischenzeit. Die Freien Gruppen die in den achtziger Jahren angetreten waren, mit großem politischen Impetus ein Gegenmodell zu den Institutionen zu entwerfen, waren müde geworden; neue Gruppen begannen sich zu etablieren. Das Fördermodell des Berliner Senats, damals einzige Basis für die Freie Szene, war in den achtziger Jahren entstanden, nach einem Kampf der Gruppen um Teilhabe am öffentlichen Fördersystem. Das Theater am Halleschen Ufer wurde damals vom Senat als Spielstätte eingesetzt mit dem Auftrag, die vom Senat geförderten Gruppen zu präsentieren.“

Man kann die Entwicklung der Freien Szene und der Sophiensæle in den letzten zehn Jahren als gemeinsame Geschichte eines vereinten Aufbruchs verstehen. Der Fall der Mauer hat Berlin maßgeblich verändert und den Raum überhaupt erst möglich gemacht. In der Zeit der Zwischennutzung bekamen Jochen Sandig, Sasha Waltz, Dirk Cieslak (mit der von ihm gegründeten Gruppe Lubricat) und Jo Fabian die Chance, das Gebäude in der Sophienstraße „vorübergehend“ zu nutzen. Ihre Geschichte ist eng verknüpft mit der Geschichte des Aufbruchs nach der Wende. Ohne einen Pfennig öffentlicher Gelder und mit hohem eigenem finanziellen Risiko wurden die Sophiensæle gegründet. Die Gruppe bewies von Anfang an ein gutes Händchen: Sasha Waltz’ Eröffnungsinszenierung „Allee der Kosmonauten“ bescherte der Choreografin 1997 eine Einladung zum 34. Berliner Theatertreffen und machte die Sophiensæle quasi über Nacht berühmt. Ursprünglich nur an den Probenräumen interessiert, war den Künstlern sofort klar, dass das Gebäude mit dem maroden Charme der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden musste. Die Idee war ein Produktionshaus zu gründen, in dem eine kleine feste Gruppe kontinuierlich eigene Aufführungen erarbeiten und zeigen konnte, sowie ausgewählte, internationale Gastspiele stattfinden sollten. Von Anfang an war das Ziel spartenübergreifend an der Schnittstelle von Theater, Tanz, Performance, aber auch Musik und Bildender Kunst zu arbeiten. Den anfänglichen Geldmangel machten die Veranstalter damit wett, dass sie ihre Räume an große Institutionen, wie z.B. die Berliner Festspiele vermieteten.

Die ästhetische Grenze zwischen der Freien Szene und den institutionellen Theatern hat sich in den letzten Jahren immer stärker aufgelöst, wenn nicht gar durchmischt. Regisseure der Freien Szene, wie z.B. Christiane Pohle, Nicolas Stemann, Sebastian Nübling oder die Gruppe Rimini Protokoll switchen inzwischen selbstverständlich und selbstbewusst zwischen freien und städtischen Institution hin und her. Die freien Institutionen, wie eben die Sophiensæle oder das Hebbel am Ufer sind sogar so weit etabliert und anerkannt, dass z.B. das HAU 2003 unter der künstlerischen Leitung von Matthias Lilienthal in der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum „Theater des Jahres“ gekürt wurde.

 Amelie Deuflhard stellt jedoch auch fest, dass Berlin seine inzwischen herausragende Position als internationaler Produktionsort auch bestimmten Rahmenbedingungen zu verdanken hat. Eine davon sei die Anziehungskraft Berlins auf junge Kreative, und darüber hinaus spiele auch das anregende kreative Umfeld eine entscheidende Rolle, „genauso wie die viel zitierte Tatsache der günstigen Lebenshaltungskosten.“ Die wichtigste sei jedoch die die Gründung des Hauptstadtkulturfonds auf Initiative des Rats für die Künste im Jahr 1999.

Durch die finanziell immer bessere Lage, die Sophiensæle können im Jahr 2007 eine Zuwendung von 700.000 € erwarten, konnten sie über lange Zeit ihre herausragende Stellung halten. Das Programm wurde immer vielfältiger und vielschichtiger. Durch das Erfinden von Festivals wie „Freischwimmer“ oder „100° Berlin“, durch Gastspiele des Theatertreffens oder Performance-Plattformen wie „Lisa meets Sophie“ im Jubiläumsjahr behauptet Sophie, wie Jochen Sandig die Sæle zärtlich nennt, seinen Ruf. Er und Sasha Waltz, die schon 1999 an die Schaubühne wechselten, aber dennoch im Hintergrund weiter als Gesellschafter fungieren und nach wie vor die Richtlinie der Sophiensæle angeben, haben inzwischen das Radialsystem gegründet. Dabei handelt es sich um ein umgebautes Industriedenkmal an der Schnittstelle zwischen den zentralen Berliner Bezirken Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg direkt an der Spree. Die Philosophie dieses Zentrums ist der Dialog der Künste: Musik, Tanz, Bildende Kunst und Neue Medien gehen neue Verbindungen miteinander ein. Neue Formen und Konzepte für innovatives Musiktheater, szenische Konzerte, zeitgenössischen Tanz und Ausstellungen werden entwickelt und realisiert: Interdisziplinarität statt Spartentrennung. Im Zentrum aller Aktivitäten steht die Idee einer Akademie als Wissensforum, um eine neue Künstlergeneration in der Praxis auszubilden. 2.500 qm frei finanzierte Fläche für Produktion und Ausbildung, für Künstler und Publikum. Sie überließen die Sophiensæle Amelie Deuflhard, ebenfalls Gesellschafterin, die sie sieben Jahre erfolgreich und marktführend leitete. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Andere haben imitiert, was Amelie Deuflhard vorgemacht hat und was am ehesten mit Vernetzung benannt werden kann. Sie wird versuchen 2007 Ihre Arbeit an der Kampnagel Fabrik in Hamburg fortzuführen.

 In Berlin entsteht seit ca. fünf Jahren, der leeren Kassen und ständigen Diskussionen um Schließungen diverser Theater zum Trotz, im Schatten von HAU und den Sophiensælen eine neue Freie Szene: der Theaterdiscounter, das German Theatre Abroad, das Theater Textmarker und zuletzt das Ballhaus Ost. Die Sophiensæle werden es also in Zukunft schwer haben. Andere werden kommen, müssen kommen. Amelie Deuflhard hinterlässt ihrer Nachfolgerin einen 10-Jahres-Vertrag und ein finanziell abgesichertes Haus. Ob das reicht, um erfolgreich auf dem Markt bestehen zu können und weiterhin spannendes Theater zu bieten, wird sich zeigen. Die neuen Gruppierungen sind spannend weil sie eben das alles nicht haben und weil sie neu sind und weil sie jung sind. Wir dürfen also gespannt sein, ob die junge, alte Sophie ihre Erfahrungen zu nutzen weiß, oder ob die Kraft der Jugend stärker ist auf der Suche nach einer immer neuen Ästhetik und in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Innovation und Produktivität.

 

Spielräume produzieren – Sophiensæle

Herausgegeben von Amelie Deuflhard

144 Seiten, 48 Farb- und 42 s/w-Abbildungen

Theater der Zeit Verlag