Blicke in die Welt des Freien Theaters

Rezension zu: Freies Theater in Deutschland. Förderstrukturen und Perspektiven. Günter Jeschonnek (Hg.) für den Fonds Darstellende Künste in Kooperation mit der Kulturpolitischen Gesellschaft, Klartext, Essen 2007 Ein Buch über ästhetische Prozesse, Förderstrukturen und kulturpolitische Perspektiven

2006 initiierte der Fonds Darstellende Künste erstmals ein groß angelegtes Symposium, welches die Situation des Freien Theaters in Deutschland zum Thema machte. Über zweihundert Beteiligte – Künstler aller darstellenden Künste, Vertreter renommierter Förderinstitutionen, Stiftungen und Unternehmen sowie Kulturpolitiker aus Städten, Ländern und des Bundes – referierten und diskutierten drei Tage lang über Förderstrukturen und Perspektiven. Die Veranstaltung löste damit einen „Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung und Annerkennung der Leitungen des professionellen Theaters in Deutschland“ aus – wie Günter Jeschonnek, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste, in seiner Einführung zu diesem Buch über den Erfolg der Tagung resümiert.

Als vergleichbarer Meilenstein in der Geschichte der Freien Szene darf nun dieses Buch, welches hauptsächlich aus Beiträgen während des Symposiums hervorgegangen ist, gelten. Es ist ein Zeugnis des erstmaligen Zusammentreffens vieler wichtiger Akteure in dieser großen Runde. Durch seine einfache, kommentarlose Gegenüberstellung der Textauswahl versucht es die Vielzahl des „Nichtvereinbaren“ miteinander zu vereinen und ist damit Programm. Mehr Transparenz und Kommunikation, Netzwerk und Kooperation wird von allen Seiten immer wieder gefordert. Das Buch setzt die Dokumente, die großenteils in intensiver Zusammenarbeit der Teilnehmer entstanden sind, in Verbindung – schafft Verbündete. Es versammelt Untersuchungsergebnisse der Arbeitsgruppen, Vorträge, Studien und Dokumente der Diskussionen. Das sind kulturpolitische Positionen, Forderungskataloge an öffentliche und private Kulturförderinstitutionen, erarbeitet von den Arbeitsgruppen der Bundesländer, Standpunktbeschreibungen der unterschiedlichen Erscheinungsformen des Freien Theaters, sowie Studien zu öffentlichen und privaten Förderstrukturen.

Die Beiträge stammen, um einige Beispiele zu nennen, von Sven Schlötcke „Stehend in Bewegung. Polemik, s/w“, Isabell Lorey „Eigenverantwortung und Selbstausbeutung“, Wolfgang Schneider „Von Projekt zu Projekt – am Katzentisch der Kulturpolitik?“, Michael Freundt „Kunstproduktion als Grenzüberschreitung: Tanz in der freien Szene“ und Henning Fülle „Sprengung der Normative – oder: Warum man nicht länger von „Politik im Freien Theater“ sprechen sollte“.

Mit dieser Fülle an unterschiedlichsten Texten liest sich das Werk wie ein Studienbuch an Wissenswertem zum Freien Theater. In seiner leicht improvisierten Form richtet sich das Buch an alle, die sich mit Freiem Theater und vor allem seinen Förderstrukturen auseinandersetzen wollen, sollen und müssen. Es ist eine wertvolle Bestandsaufnahme, weil es für die Betroffenen, den künstlerisch und kulturpolitisch Verantwortlichen, viele wesentliche Informationen zusammenträgt. Damit eröffnet es in dieser Form erstmalig wichtige interne Vergleichsmöglichkeiten – z.B. für den Diskurs von Standards in der öffentlichen Kulturförderung. Es kann in Zukunft als Arbeitsgrundlage für eine, im Symposium vielfach geforderte, Verbesserung der allgemeinen Strukturen dienen. Dies ist der größte Verdienst dieses Buches und der erste Schritt in die richtige Richtung.

Denn leider es geht in den meisten Beiträgen über die Bestandsaufnahme noch nicht hinaus. Viele Autoren bleiben in ihren altbekannten, einseitigen Forderungen nach mehr Geld und besseren Arbeitsbedingungen stecken, ohne selbst hinreichende Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Darin bestätigt sich wieder einmal das ewige Vorurteil, welches der Freien Szene seit jeher anhängt. Und so wünscht man sich, dass aus der anfänglichen Initiative mehr erwächst – dass im hoffentlich nächsten Schritt (incl. Buch), wirkliche zukunftsweisende Perspektiven und Konzepte zur Sprache kommen und erste Handlungsergebnisse, die vielleicht aus dieser Publikation hervorgegangen sind, benannt werden können.


Auch das Redaktionsteam von www.theaterpolitik.de leistete durch die Dokumentation des Symposiums einen Beitrag zum Buch.