"Das ist sinnvoll vertane Freizeit!"

Eine Tagung in Wolfenbüttel widmete sich der Bildungsarbeit Freier Theater

aus: die gazette II.2008 www.laft.de



Bildung hat Konjunktur. Theater, die für junge Zuschauer, vor allem aber auch mit aktiven Alten, bildungsfernen Jungs oder ›Menschen mit Migrationshintergrund‹ produzieren, setzen in Zeiten sozialer Desintegration ein Zeichen – und haben zusätzliche Argumente, wenn es daran geht, Sponsoren- oder Fördergelder einzuwerben. Dass nach Hamburg, Düsseldorf und Hannover ab der kommenden Spielzeit auch die Stadttheater in Frankfurt und Göttingen neue Sparten unter dem Label ›Junges Schauspiel‹ eröffnen, ist Teil dieser Entwicklung. Längst hat die kulturpolitische Forderung, (mehr) kulturelle Teilhabe zu organisieren, auch die Szene der Freien Theater erreicht. Deren Akteure sind mit kollektiven Produktionsformen vertraut und erweisen sich traditionell als flexibel genug für ein Engagement im Bildungssegment. Anlass genug, sich auf einer Fachtagung an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel unter dem Titel ›Bildung braucht Kunst! Freies Theater und Kulturelle Bildung‹ über "das Zusammenwirken Freier Theaterarbeit und kultureller wie ästhetischer Bildungsarbeit" auszutauschen. Unter einem breiten Spektrum finden sich zunächst jene Ansätze, die sich in ähnlicher Weise an den Stadtund Staatstheatern bereits bewährt haben: Kooperationspartnerschaften‹ mit Schulen, wie sie nun auch Katrin Brademann (Landeszentrum Spiel und Theater, Sachsen-Anhalt) unter dem Titel ›Klatsch!‹ im größeren Maßstab organisiert. Sonst vollzieht sich die Entwicklung eher umgekehrt: Erfahrene Theatermacher der Freien Szene bringen ihre langjährig erprobten Arbeitsweisen nun auch in Projekte am Stadttheater ein. Dies gilt beispielhaft für einen Grenzgänger wie Joachim von Burchard (Theater M 21, Göttingen), der aus Romanvorlagen oder eigens angefertigten Texten mit Schauspielern multimediale Aufführungen entwickelt und den es immer wieder reizt, als Regisseur mit den je unterschiedlichen Voraussetzungen und Anforderungen professioneller bzw. nichtprofessioneller Darsteller in unterschiedlichen Arbeitsstrukturen umzugehen. Oder für Martin Thamm (JUNGE AKTEURE, Bremen), der lange als freier Schauspieler gearbeitet hat und seine heutige ergebnisorientierte Vermittlungsarbeit als Leiter der moks-Theaterschule nicht im engen Sinne als Theaterpädagogik, sondern gleichsam als "ambitioniertes künstlerisches Tun" verstanden wissen will.



Den steten Wechsel zwischen freier Szene, Stadttheater und Arbeit mit Amateuren kennt auch Uli Jäckle (Theater Aspik, Hildesheim), der von Rostock bis Freiburg an Stadttheatern inszeniert hat und zugleich alljährlich in der Nähe Hildesheims das überregional beachtete ›derbe geile Volkstheater‹ in Heersum leitet, bei dem ein ganzes Dorf in den theatralen Ausnahmezustand versetzt wird. Wenn bis zu 250 Akteure, bestehend aus Alten und Kindern, Mitgliedern des örtlichen Fußballvereins und der Feuerwehr, Hausfrauen und Gemeindechor mit "ungebremstem Gestaltungswillen" für ein durch die Niedersächsische Landschaft wanderndes Publikum Stücke wie ›Bördianer Jones‹ oder ›Aste Rix in Astenbeck‹ in Szenen setzen, dann wird eingestandenermaßen keine ausgefeilte Schauspielkunst geboten, dafür aber um so mehr regionale Identität, Gemeinschaftssinn und ›Wärme‹ vermittelt. Die Zielsetzung des Spektakels wurde von einem der Beteiligten einmal begeistert auf den Punkt gebracht: "Das ist sinnvoll vertane Freizeit!"



›Wärme vermitteln‹ – dieses Stichwort greift Christian Lagé gerne auf (anschlaege.de, Berlin), um zentrale Zielsetzungen seiner Arbeit zu markieren, die sich nicht im gewohnten Sinn mit Theaterpraxis, sondern "im weitesten Sinne mit Kommunikationsdesign befasst": ›anschlaege.de‹ liefern im Rahmen ihrer interdisziplinär angelegten Projekte zum einen grafische Erscheinungsbilder für Kulturinstitutionen (Kampnagel-Fabrik, Theater an der Parkaue u. a.), greifen "mit den Mitteln von Gestaltung" dabei zum anderen aber auch "direkt in Situationen und Debatten ein" – z. B., wenn sie sich für die Umnutzung von Plattenbauten in Berlin-Hellersdorf engagieren oder ein Projekt wie ›verbündungshaus fforst‹ betreuen, das 35 Studierenden der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ein interkulturelles Zusammenleben ermöglicht. Im Sommer 2008 konzipieren ›anschlaege.de‹ für das Maxim-Gorki-Theater eine ›Kirmes‹, bei der man sich zum Revolutionär weiterbilden lassen kann.



Subversives Potential hat auch das von Miriam Tscholl geleitete und vom Heimspielfond der Bundeskulturstiftung geförderte Projekt ›tacheles‹ am jungen schauspiel hannover. Jugendliche aus den Problemvierteln der Stadt werden hier dazu animiert, "Meinungsforschung an sich selbst" zu betreiben, für die eigenen Themen künstlerische Formen zu suchen (Musik, Video, Performance, Schreiben) und diese dann all denjenigen vorzuführen, denen sie schon immer mal die Meinung sagen wollten, z. B. Politikern und Lehrkräften, Vätern und Polizisten oder Mitgliedern des Rotary-Clubs. Dass die jugendlichen ›tacheles‹-Darsteller so ihr eigenes Publikum ›casten‹, hielt nicht zufällig auch Amelie Deuflhard (Kampnagel, Hamburg) für eine ausbaufähige Idee: Als Intendantin von Deutschlands größter freien Spiel- und Produktionsstätte ist sie im Zuge ihrer ›kuratorischen Suchbewegungen‹ stets neuen Formen performativer Praxis auf der Spur.



Bei der Betrachtung solcher ›partizipativer‹ Projekte darf derzeit natürlich die professionelle Theaterarbeit mit nichtprofessionellen Darstellern von ›Rimini Protokoll‹ nicht fehlen, deren Erfolg sich dramaturgisch innovativen Versuchsanordnungen und einem zielsicheren Casting verdankt: Ihre ›dokumentarische Inszenierung‹ von Schillers ›Wallenstein‹ in Mannheim beruhte bekanntermaßen auf der Idee, Motive der dramatischen Vorlage mit den Lebensgeschichten so genannter Alltagsexperten zu ›überschreiben‹. Dieses neue Verfahren spielt mit den alten Fragen des bürgerlichen Bildungsauftrags ("Was hat Schiller mit mir zu tun? Was habe ich mit Schiller zu tun?"), die jedoch nicht im gewohnten Rahmen einer beruhigend abgeschlossenen Aufführung abgehandelt werden. Ein zentraler Aspekt der Rimini-Regie ist vielmehr die "Arbeit am Nichtperfekten", so Jens Roselt (FU Berlin) in seinem Vortrag. Dass hier "Pannen oder auch das Versagen integrativer Bestandteil der Inszenierung" sind, bedeutet nicht nur für die nichtprofessionellen Darsteller eine "Gratwanderung", sondern auch für das Publikum, das beständig im Unklaren darüber gelassen wird, ob die Akteure wissen, "was sie tun bzw. was man mit ihnen tut" – und das insofern dazu aufgefordert ist, "Verantwortung für das Gesehene" zu übernehmen.



Was ist den in Wolfenbüttel vorgestellten Projekten wie den handelnden Personen gemeinsam? Sie alle bewegen sich bei ihrer Arbeit mit nichtprofessionellen Darstellern im weiten Feld zwischen ästhetisch ambitionierter Kunstproduktion und kultureller Bildung, alle haben damit die unauflösbare Ambivalenz zwischen der ›Autonomie‹ der Kunst einerseits und sozialem ›Engagement‹ andererseits zur Voraussetzung. Einigkeit besteht unter den Theatermachern darüber, dass sie ihr künstlerisches Tun nicht wie auch immer gearteten Bildungszielen unterordnen und es damit funktionalisieren lassen wollen. Zustimmung findet daher die Kritik von Ingrid Hentschel (FH Bielefeld), die im gegenwärtigen kulturpolitischen Diskurs das Theater allzu oft unter den Gesichtspunkten von ›soft skills‹ und ›Schlüsselqualifikationen‹ als gesellschaftliches Allheilmittel und Servicedienstleitung gefordert sieht; damit werde der kaum messbare ›geheime Besitz‹ ästhetischer Erfahrung marginalisiert.



So tut es – einerseits – gut, bei so manchem gestandenen Theaterpraktiker der freien Szene herauszuhören, dass es ihm bei seiner Arbeit z. B. mit Jugendlichen weniger um das Erreichen mehr oder weniger allgemeiner ›Bildungsziele‹ geht als um die konkrete Frage, welche Art der Unterstützung und der Ansprache die Spieler benötigen, um sich gegenseitig anzuregen und Spielfreude zu entwickeln. Was reizt, ist der produktive Umgang mit den (vermeintlichen) spielerischen Defiziten nichtprofessioneller Darsteller, der Versuch ihre besonderen darstellerischen Qualitäten, ihre Lebensgeschichten und ihre ungetrübte Lust an der Selbstpräsentation künstlerisch fruchtba zu machen. Andererseits ist damit nicht die Frage vom Tisch, welche Arbeitskonstellationen, Texte, Genres, Spielweisen, Produktionsräume etc. die viel beschworenen Bildungsprozesse begünstigen und welche eher nicht. Mit Blick auf die einzelnen Projekte wäre daher noch genauer zu untersuchen gewesen, wie die Beteiligten sich auf ihren Stoff oder Gegenstand bzw. die jeweilige Theaterform verständigt haben, inwiefern es mit den Mitteln des Theaters gelungen ist, Erkenntnisse über die Wirklichkeit zu gewinnen oder medial vorgeprägte Selbst- und Rollenbilder nicht nur aufzugreifen und zu bestätigen, sondern auch spielerisch zu über winden und zu durchbrechen – oder auch, inwiefern die vorgestellten Angebote sich nachhaltig an eine bestimmte gesellschaftliche Zielgruppe richten. Denn all dies sind nicht zuletzt Aspekte und Beurteilungskriterien, die sich zunehmend auch in veränderten Förderrichtlinien der öffentlichen Hand bemerkbar machen, wie Günther Jeschonnek (Fonds darstellende Künste, Berlin) berichtete.



Unstrittig ist, dass die Nicht-Profis von den neuen Projekten, die Kunst und Soziales verbinden, in vieler Hinsicht profitieren – doch kann man dies immer leichter behaupten, als es wirklich einzulösen oder nachzuweisen ist. Es ist, wie Wolfgang Sting (Universität Hamburg) skeptisch formulierte, "nicht überall, wo Vermittlung draufsteht, auch kulturelle Bildung drin." Stattdessen mag es durchaus vorkommen, dass Bildungsprozesse gerade dort stattfinden, wo sie gar nicht intendiert sind. Und doch gelten die Begriffe der Vermittlung, der Partizipation, der kulturellen oder ästhetischen Bildung nicht zu Unrecht als durchweg positiv besetzte Etikette. Denn zum einen verbergen sich dahinter Eigenschaften und Kompetenzen wie Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen, Teamfähigkeit, Integrationsfähigkeit, Verantwortungsfähigkeit, die – wie jeder inzwischen weiß â€“ tatsächlich willkommene Nebeneffekte gelungener Theaterarbeit sein können. Zum anderen spannende Formate und Spielweisen, dies war in Wolfenbüttel erneut zu erfahren.