Echtes Schaf im falschen Pudel

Realität findet im Fernsehen statt, Theater in der Politik, und was man glauben kann,
weiß kaum noch einer. Dieses Dilemma hat sich das Festival »Politik im Freien Theater«
zum Thema erkoren. Es findet im November in Köln statt.

Vor Jahren musste in Köln ein echter, maskierter Bankräuber ohne Beute flüchten, weil der Kassierer vor ihm in schallendes Gelächter ausbrach. Was echt ist, entscheidet der Kölner nach eigenen Gesetzen. Er ist im Spiel mit den Rollen geübt wie kaum ein anderer Städtebewohner. Das liege an der fünften Jahreszeit, dem Karneval, heißt es. Theater ist weder politisch, noch automatisch Kunst, sondern zuerst Alltag. Das kann sich nun ändern, denn das Festival Politik im Freien Theater kommt im November nach Köln. Dafür sorgt die Bundeszentrale für politische Bildung, die seit 1988 alle drei Jahre politisch relevante Produktionen zusammen trommelt. Das ist gar nicht so einfach, da die Trennung zwischen Theater und Politik immer undurchsichtiger wird und sich die Politik zusehends der Formen des Theaters bedient: Parteitage werden raffiniert inszeniert, Reden "performt" und wer eine Wahl gewinnen will, muss glaubwürdig natürlich wirken, auch wenn jeder weiß, dass es gespielt ist. Und die Finanzmärkte reagierten jüngst sehr sensibel darauf, ob Äußerungen der Politik echt sind oder nur Behauptung.

Treffsicher stellte man nun das Festival unter das Motto "Echt!" und hat sich damit vorgenommen, die Wirklichkeit theatral unter die Lupe zu nehmen. Soul in der Stimme, Realität im Blick. Eröffnet wird der Reigen mit echten Jugendlichen aus Neukölln unter dem Titel "Hell on Earth". Die argentinische Choreografin Constanza Macras inszenierte mit geballtem Schwung Szenen aus der Welt pubertierender Jugendlicher, die im so genannten Berliner Problemkiez leben. Gemeinsam mit den Tänzern der Macrasgruppe "Dorky Park" gelingt dem bizarren Ensemble eine schrille Mischung aus Geschichten, Gesangseinlagen und Ensemblenummern. Drei herausgeputzte Girlies, die auf ihren Traumprinz zu warten scheinen, fegen mit beachtlichem Soul in der Stimme die ersehnten Jungs weg: "Ich hab keinen Bock mehr auf euch!". Daraufhin bauen die vier coolen türkischen Jungs lieber weiter an ihren Breakdance-Battles. Oder sie schlüpfen blitzschnell in die Gegenfraktion und werden zu ihren eigenen Müttern, indem sie sich mit bunten Tüchern verhüllen. Mit nicht zu verbergendem Grinsen machen sie sich über die Machoallüren der Männer lustig: "Die sind sexsüchtig, die wollen immer nur ficken, drei Mal am Tag!" Alle zu Klischees geronnenen Rollenbilder werden hier bedient und gleichzeitig konterkariert. Die 13-jährige Libanesin Fatma tritt mit selbstbewusster Jetzt-rede-ich-Geste an die Rampe: "Ich hasse Jungs und Männer. Die wollen alle nur eine Sache von uns. Besonders die Deutschen, eigentlich alle." Die mutigste Frauenpower kommt von der jüngsten Spielerin. Ausgerechnet sie trägt als einzige ein Kopftuch, womit nicht nur ein Klischee unterlaufen wäre, sondern auch der letzte Rest an kritischer Distanz beim Zuschauen dahin schmilzt. Wenn die Jugendlichen von ihren Sehnsüchten und Ängsten erzählen und in ausgefeilten Parcours-Nummern der Jungs ihr unglaubliches Können deutlich wird, vergisst man, wie komplex und raffiniert Macras dieses Gegenwartsgebäude aus Tönen, Gesten und Stilen abgemischt hat.

Die Tänzer der Dorky-Park-Truppe lassen ihre teilweise abstrakten Bewegungsfolgen oder Gendertheorietexte einfließen und transponieren damit das bunte Treiben in einen allgemeinen Kontext. Kampf, Sehnsucht und Angst gelten hier als immer wiederkehrende normale Aggregatzustände des Lebens. "Hell on Earth" ist ein charmanter, gekonnt rotziger Beitrag voller freudiger Tabubrüche zum trockenen Debattentheater über Integration und Migration. Neukölln in Köln könnte ein erster Höhepunkt werden in dieser sinnvollen Neuauflage des Festivals. Seit 1988 versucht es alle drei Jahre, die politischen Dimensionen des Theaters auszuloten. Es erweiterte seither die Grenzen, weg vom reinen Sprechtheater hin zur performativen Installation. Neu in Köln, wo es zum ersten Mal stattfindet, ist nun ein internationaler Programmschwerpunkt, der den Blick von Estland über Indien bis nach Korea lenkt. Aus der direkten niederländischen Nachbarschaft kommt die Gruppe "Hotel Modern", die mit ihren Arbeiten in die Abgründe kollektiver Katastrophen leuchtet. Sie berührt mit ihrem Figurentheater sowohl ästhetisch als auch inhaltlich die Grenzen der Darstellbarkeit. Damit belebt sie gekonnt die Debatten über die Darstellung von Geschichte. Die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges baut sie dafür ebenso im Maßstab 1:20 nach wie das Vernichtungslager Auschwitz unter dem Titel "Kamp". Eine überraschende Dimension des Figurentheaters ist nicht nur die Anzahl der ungefähr 3000 kleinen, in Drillich gekleideten Lagerinsassen und Wächter, mit denen sie einen einzigen Tag im Lager nachstellt. Der Aufbau im Bühnenraum erinnert an große Modelleisenbahnen, durch die die drei Akteure krabbeln. Die subversive Wirkung von Pappköpfen. Mit einer Videokamera aufgenommen, kann man sie inmitten der Figuren auf einer Leinwand im Hintergrund beobachten und wird Zeuge, wenn vor den eigenen Augen schrecklichste Szenen versinnbildlicht werden. Man blickt in die starren Augen von unzähligen kleinen Pappköpfen und sieht auf das vermeintlich bekannte Geschehen ohne Abstand und völlig unvoreingenommen, vielleicht gerade weil die Form des Spiels eine vermeintliche Distanz der Betrachtung schafft. Wie Kinder beim Puppenspiel. Ohne Worte, ohne Gründe. Schon die beiden hier erwähnten Produktionen hätten Walter Benjamin Recht gegeben, der die halbe Kunst bereits darin sah, sie von Erklärungen frei zu halten. Insgesamt fast zwanzig Produktionen werden in Köln zu einem dichten Paket verbunden, das beweisen kann, wie produktiv und inspiriert die in- und ausländische freie Theaterszene aktuelle Fragen verhandelt. Die Programmleiter haben an alles gedacht, was ein Festival heute haben muss, von einem Zentrum im Hallmackenreuther über fünf theatrale Ortserkundigungen bis hin zu lohnenden Preisen, vergeben von einer Fachjury. Bei so viel Aufmerksamkeit für die Kölner wäre allerdings ein Publikumspreis konsequent gewesen. Auf wunderbare Weise hätte politisches, sprich demokratisches Handeln im Theater Niederschlag gefunden und das Theater hätte etwas von der Politik zurückbekommen.

Uwe Gössel ist Leiter des Internationalen Forums im Rahmen des Theatertreffens Berlin.

Der Artikel ist in der Ausgabe 11/2008 der Zeitschrift vorwaerts erschienen.

"ECHT! Politik im Freien Theater"