"Dogland" in Kreuzberg

Migrantentheater jenseits von Integrationsprojekten

Dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist, das ist wohl eher eine banale Feststellung. Das kann man gar nicht leugnen, und das ist auch gut so. Nicht so gut ist, wie im Allgemein damit umgegangen wird. Der Diskurs über Migranten und deren Integration bezieht sich oft nur auf Menschen mit Herkunft aus einem anderen Land, welche auf mannigfaltige Weisen integriert werden sollen. Doch in diesen Projekten und Initiativen findet man häufig nur Menschen mit Migrationshintergrund und keine die von hier, von der platten Scholle kommen. Dass zwischen beiden Seiten vermittelt werden muss spielt nur selten eine Rolle. Und da wundert man sich über das entstehen einer Parallelgesellschaft. Gesprochen wird über "die da" ohne genau zu wissen woher sie kommen, die meisten wahrscheinlich sowieso aus der Türkei. Der Diskurs erstreckt sich aber nun zumindest nicht mehr nur vom Gemüsehändler an der Ecke zu den Spitzbuben an der Tanke, sondern auch bis an die Gestade der Hochkultur.
So setzt das Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg, einem Viertel wo man unter Umständen mit Türkisch weiter kommt als mit Deutsch, ein neues Zeichen in der deutschen Theaterlandschaft. Unter der neuen Künstlerischen Leitung von Shermin Langhoff wurde es mit dem Ziel ein neues Theater für "postmigrantische künstlerische Suchbewegungen" zu sein, wiedereröffnet. Das Ballhaus Naunynstraße versteht sich nun als migrantisches oder postmigrantisches Theater und gibt Künstlern mit Migrationshintergrund eine Bühne.
Von November 2008 bis Januar 2009 fand das Festival mit dem malerischem Titel Dogland in dieser kleinen Insel der Migranten in Kreuzberg statt. Im Programm standen mehrere Premieren und Erstaufführungen von Stücken migrantischer und internationaler Autoren.

"Migrantenkunst ist hip wie nie zuvor, doch oft nur dann, wenn sie unsere Sehnsucht nach dem Exotischen oder dem Anderen erfüllt.", schreibt die künstlerische Leitung im Grußwort der Festivalzeitung. Auch wenn es gemeinsame Produktionen von Menschen mit Migrationshintergrund und "hiesigen" gibt, zeigt sich doch eine Tendenz auf, die das Theater eigentlich bekämpfen möchte: Es werden Alltagsgeschichten, die jeder von uns vielleicht schon das eine mal zu oft gehört hat, thematisiert. Leider werden hier die Stereotypen nur zu gut bedient. Warum sind es immer die gleichen Geschichten, welche die Vorurteile nähren? Die vom Türsteher an der Disko, der mit den tiefsinnigen Gedanken überrascht, zum Beispiel. Die Geschichten erzählen von der Parallelgesellschaft, und von dem Leben als Randgruppe. Hierdurch wird das Klischee bedient und auch durch einige Facetten erweitert, aber es eröffnet keinen neuen Ausblick auf ein Modell der Gesellschaft.

Warum werden nicht auch einmal die Geschichten von erfolgreichen Migranten erzählt? Es entsteht ein doppeltes Negativ-Bild: Das von "denen da", die es hier niemals schaffen können und sich auch keine Mühe geben, und das von einem kalten unfreundlichem Land. Wer lässt sich denn da schon gerne auf einen Dialog zwischen den Kulturen ein? "Wie lassen sich migrantische und entgrenzte Geschichten erzählen?" fragt sich das Theater. Nun wie alle anderen Geschichten auch. Vielleicht wäre auch die Frage "Wie lassen sich durch diese Geschichten Brücken bauen?" interessant. Die Schirmherrschaft für das Dogland Festival, welches in den drei Veranstaltungsmonaten mit aktuellen Stücken und Premieren aufwartete, hat der Deutsch-Türkische Regisseur Fatih Akin übernommen. Er setzt sich dafür ein, dass kulturelle Projekte dieser Art Förderung erfahren. Jedoch schafft das Festival nicht ganz, was ihm in seinen Filmen gelingt: eine Balance zwischen den Welten, ein interkultureller Dialog in dem beide Seite zu Wort kommen und in den Geschichten miteinander verwoben werden.
Das Ballhaus in der Naunynstraße setzt sich vorbildlich für die Belange der Gesellschaft ein. Es ist wichtig Menschen mit Migrationshintergrund eine Plattform für künstlerische Aktivität zu geben. Oder wie Langhoff sagt: "Ein Ort zur Förderung und Verstetigung der postmigrantischen Kulturproduktionen" bereitzustellen.
Aber das Theater ist kein Kuriositätenkabinett. Migranten die Theater machen und Deutsche die ihnen dabei zuschauen kann nicht das funktionierende Modell sein.
Migration ist ein Teil unserer Gesellschaft, es wird Zeit, dass sich auch die Theaterlandschaft dieser Fragen stellt und "die da" folglich nicht ihr eigenes Theater brauchen müssen, sondern Künstler sowie Geschichten mit Migrationshintergrund Einzug in die Spielpläne aller Theater erhalten.

Multikulturalität wirkt in deutschen Theatern oft noch wie ein Fremdwort, deswegen müssen Wege gefunden werden, sich auf einen ästhetischen interkulturellen Dialog jenseits des Exotismus einzulassen, und das moderne Theater wieder zu einem Spiegel der Gesellschaft zu machen, indem auch die Möglichkeit besteht im Dialog gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen und umzusetzen.