Autonomie und Selbstausbeutung

Ein Bericht vom Symposium "Freies Theater und Ökonomie", das vom 12. bis 14. Dezember 2008 im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main stattfand.

Die künstlerischen Arbeiten der Freien Theater waren und sind häufig mit Gesellschaftskritik und der Kritik an ökonomischer Ungerechtigkeit verbunden. Aus den neuen sozialen Bewegungen der 1960er Jahre entstanden, lag in den Stücken der Freien Theaterszene oft die Situation der Unterprivilegierten im Fokus: "Die Kritik der politischen Ökonomie wurde praktiziert, indem man kritische Theaterstücke spielte." So sagte es Jan Deck vom Landesverband der Freien Theater in Hessen. In seiner Eröffnungsrede des Symposiums fragte er: "Sind solche politischen Positionen aber nicht zynisch angesichts der Tatsache, dass die Freie Theaterszene durch ihr eigenes Arbeiten ständig auch selbst die Strukturen reproduziert, die sie öffentlich kritisiert?"

Freie Theaterschaffende beuten sich selbst aus: Sie arbeiten am Existenzminimum und halten sich meist nur durch Nebentätigkeiten über Wasser, oft zu Lasten ihrer künstlerischen Arbeit. Freie Theatergruppen formierten sich als bewusstes Gegenmodell zu den unflexiblen Strukturen des Stadt- und Staatstheaters, um neue Konzepte des gemeinsamen unabhängigen Arbeitens auszuprobieren. Doch die Flexibilität, die man einst von den Arbeitsbedingungen forderte, schlägt nun als zynische Forderung an die einzelnen Künstler zurück: Eine bekannte, noch längst nicht überwundene Problematik.

"Freies Theater zwischen Autonomie und Selbstausbeutung": Alexander Opitz und Katrin Tiedemann befassen sich in ihrem Podiumsgespräch mit der zentralen Bindung zwischen Freiem Theater und Ökonomie – den Förderstrukturen. Opitz stellt Statistiken vor, um die Notwendigkeit von Fördererhöhungen deutlich zu machen: So erreichten Freie Theater in Baden-Württemberg jährlich 800.000 Zuschauer - halb so viele wie die Stadt- und Staatstheater, und das bei nur 0,29 % anteiliger Förderung. Im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters erreichten Freie Theater, so Opitz, sogar ein doppelt so großes Publikum wie Stadt- und Staatstheater.

Opitz und Tiedemann kritisieren dieses Ungleichgewicht: Um der Selbstausbeutung entgegen zu wirken, so Opitz, müsse auf Seiten der Förderer und der Künstler ein Bewusstsein für angemessene Bezahlung geschaffen werden. Das gemeinsame Festlegen von Mindestgagen kann den fördernden Institutionen Orientierung bieten und Künstlerinnen und Künstler davor schützen sich unter Wert zu verkaufen. Antragssummen, betont Katrin Tiedemann, müssen von den Förderern ernst genommen und nicht herunter gerechnet werden. Ähnlich frappant sei die Streichung der sogenannten Eigenmittel aus den Finanzierungsplänen, denn diese bestehen meist nur aus unbaren Entgelten, sprich unbezahlter Arbeitszeit. Beim Land Baden-Württemberg müssen bei Antragsstellung bereits keine Eigenmittel mehr eingebracht werden.

"Was macht die Freien Theater unfrei?" Diese Frage wurde im Lauf des Symposiums immer wieder mit dem Wort "Finanzierung" beantwortet. Im Bereich der Kulturellen Bildung beispielsweise, wo Freie Kulturschaffende ein wichtiges Standbein bilden, muss darauf geachtet werden, dass den Künstlern auch weiterhin die Wahl bleibt, ob sie soziokulturelle Arbeit leisten oder künstlerisch avancierte Projekte durchführen wollen: Wenn immer mehr Fördermittel in die Kulturelle Bildung fließen, ist diese Entscheidungsfreiheit gefährdet. So wurde auch im Tischgespräch zur kulturellen Bildung gleich zwischen jenen Künstlern unterschieden, die nur aus finanzieller Not in der Kulturellen Bildung tätig sind - und solchen, die es aus Leidenschaft und Ãœberzeugung tun.

Das Symposium schloss mit konkreten Forderungen: Enthusiasmus und Idealismus der Freien Kulturschaffenden sollen nicht eingedämmt werden - aber auch keine Basis sein für die Akzeptanz von selbstausbeuterischer Arbeit. "Wir freien Künstler", sagt Jan Deck abschliessend, "sollten es nicht einfach hinnehmen, dass wir zur Avantgarde der Prekarisierung, zur Speerspitze der Zerschlagung sozialer Sicherungssysteme gemacht werden. Wir müssen verstärkt unsere eigene ökonomische Basis reflektieren. Und uns Gedanken machen, wie wir Nachhaltigkeit schaffen, ohne unflexibel zu werden. Wie wir Sicherheiten schaffen, ohne neue Abhängigkeiten zu produzieren. Wenn es in 30, 40 Jahren noch Freies Theater geben soll, dann brauchen wir ein flexibles und ausdifferenziertes Fördersystem, neue Modelle sozialer Sicherung und Produktionsbedingungen, die langfristiges Arbeiten ermöglichen."