Was ist deine Grenze wert? transeuropa2009 - das 6. europäische Theater – und Performance Festival in Hildesheim

Ein Gespräch mit Maike Piechot, Lea Seibert und Martin Zepter vom Leitungsteam des Theater- und Performancefestivals transeuropa2009

"What´s your border worth?" Mit dieser Frage lädt transeuropa2009 junge Künstler aus der freien Szene Europas nach Hildesheim. Das Festival geht in diesem Jahr bereits in die 6. Auflage und präsentiert vom 14. bis 20. Mai junges innovatives Theater aus Belgien, Deutschland, Serbien und der Türkei. Dabei zeigen sich die studentischen Macher als wahre Akrobaten. Sie sitzen im Spagat zwischen Freier Szene und Hochschulanbindung, Bühnenstücken und Stadtrauminszenierung, Provinz und überregionaler Resonanz und trotzdem wirkt alles herzlich und entspannt.

Wie wird sich Hildesheim im Mai verändern? Wo trifft man auf das Festival wenn man durch die Straßen geht?

Hoffentlich überall. Neben dem Festivalzentrum gibt es mehrere Spielorte, zum Beispiel ist das Rathaus für unser Format Bürgersitzung angefragt. Gerade das Rahmenprogramm wird sich auch im Stadtraum ausbreiten. Eine Gruppe junger Theatermacher aus Hildesheim arbeitet gerade an einer theatralen Schnitzeljagd, bei der sich die Teilnehmer in kleinen Gruppen gegenseitig durch die Stadt verfolgen.

In der deutschen Festivallandschaft ist es häufig so, dass ein großer Ort besetzt wird, an dem alles stattfindet. Man versucht gewöhnlich den Rahmen möglichst eng zu halten und sucht sich eine spezielle Zielgruppe. Wir versuchen das in verschiedenen Punkten aufzubrechen, z.B. was die Räumlichkeiten angeht, aber auch was das Publikum betrifft. Wir wollen neben Studierenden und Fachpublikum auch Hildesheimer Besucher auf unserem Festival.


2003 war die Rose zentrales Symbol des Festivals, 2006 wurde durch eine enge Kooperation mit dem Stadttheater die Nähe zum Hildesheimer Publikum gesucht. Wie sieht diesmal die Verbindung zur Stadt aus?

Ein Festival für Hildesheim machen ist schwierig, aber wir versuchen es immer wieder.

Neben der Suche nach speziellen Räumen für unsere künstlerischen Eigenproduktionen, kooperieren wir organisatorisch mit verschiedenen lokalen Partnern und Vereinen. Unter anderem mit einem Kochkurs der VHS, der für das Catering zuständig sein wird. Außerdem bieten wir in diesem Jahr ein spezielles Vermittlungsprogramm für Schulen an.

Das erste transeuropa-Festival wollte mit seinem Programm "Einblicke in die Suche nach einer zeitgenössischen Theatersprache in West und Ost ermöglichen". Wie hat sich diese Zielsetzung inzwischen verschoben?

Bei den ersten Festivals wurde mit der Auswahl der Partnerländer eine Ost-West-Achse quer durch Europa gezogen. So kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ging es darum Ästhetiken aus Ost und West miteinander zu vergleichen. Heute macht diese Gegenüberstellung keinen Sinn mehr. Seit 2006 gibt es daher jeweils einen thematischen Schwerpunkt für das Festival, der die Länderauswahl bestimmt. Diesmal ist es die Grenzthematik. Alle Partnerländer weisen sich durch ihre Grenzkonflikte aus: Serbien ringt mit der Abspaltung des Kosovo, in Belgien gibt es unverminderte Streitigkeiten zwischen Wallonen und Flamen. Die Türkei spielt schon immer eine besondere Rolle zwischen Orient und Okzident und Deutschland befragt sein Grenzbewusstsein 20 Jahre nach dem Mauerfall.

"What’s your border worth?" ist das Titelthema des diesjährigen Festivals.

Was heißt das und wie kommt ihr auf die Fragestellung?

Das Thema "Grenzen" hat uns schnell interessiert, klingt uns aber zu negativ, weil man sofort an Beschränkungen denkt. Das Festival stellt nun an jeden Besucher die Frage

nach der persönlichen Bedeutung und dem Wert von individuellen, ästhetischen, kulturellen, territorialen Grenzen. Grenzen werden als etwas Verhandelbares gesehen und es geht darum einen persönlichen Bezug herzustellen

 

Das hört sich ziemlich politisch an. Will transeuropa2009 politisch sein? Soll politische Kunst gezeigt werden?

Theater machen ist immer politisch, denn Menschen kommen zusammen und verhandeln etwas, interagieren. Ein europäisches Festival ist auch immer politisch. Also: ja, wir sind politisch. Aber nicht explizit. Es geht nicht darum eine Meinung zu vertreten, ein linkes oder rechtes Festival zu machen, sondern darum, einen Diskussionsraum zu öffnen.

Das Theaterkollektiv Turbo Pascal arbeitet gerade an der schon erwähnten Bürgersitzung, die wir als ein sehr politisches Format verstehen. Dabei handelt es sich um ein inszeniertes Reflektionsformat wo Europapolitik, Theater und Publikum aufeinander treffen. Ausgangspunkt sind Vorträge, Gespräche und Diskussionen im Rahmen einer festlichen Versammlung, wahrscheinlich im Rathaus. Gemeinsam übt man sich in Abstimmungen und Wortmeldungen, es geht ganz direkt um Partizipation.

Höhepunkte im Programm sind die internationalen Koproduktionen. Was kommt dieses Mal auf uns zu?

Wir haben zwei Formate entwickelt, in denen Künstlergruppen extra für transeuropa produzieren werden. Unser studentisches Format heißt inter//space, dabei arbeiten Studierende aus Hildesheim und Belgrad zusammen. Das Koproduktionsformat borderzone_09 ermöglicht einer belgischen und einer deutschen Gruppe einen Arbeitsaufenthalt im Vorlauf des Festivals. Aus Belgien kommen Bas Devos, Jeroen Vander Ven und Michiel Soete, aus Deutschland die Gruppe Less Mess, die sich um die Choreographin Efrat Stempler und den Dramaturgen Martin Stiefermann formiert. Ihre Projekte beschäftigen sich mit dem Zwischenraum – dem Raum, der bei der Etablierung von Grenzen entsteht. Während Gruppen vor Ort in Hildesheim arbeiten, sind sie in einer gemeinsamen europäischen Wohngemeinschaft untergebracht. Das führt hoffentlich nicht zum Streit über den Abwasch, sondern zum künstlerischen Austausch und gegenseitiger Inspiration über Nationalgrenzen hinweg.

Das Festival wird ausschließlich von Studierenden geplant und durchgeführt. Wie kann man das neben dem strengen Stundenplan eines Bachelor-Studiums schaffen?

Das Leitungsteam besteht aus Absolventen und Diplomstudierenden, aber der Großteil des Gesamtteams sind tatsächlich Bachelor-Studierende. Das funktioniert nur - und wird auch in Zukunft nur dann funktionieren - wenn transeuropa mit einem Lehrangebot der Universität verknüpft ist. Durch die Mitarbeit am Festival und in den begleitenden theoretischen Seminaren können also Studienleistungen erbracht werden. Ohne eine enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Medien und Theater könnte es transeuropa in dieser Form nicht geben.

Wie verortet sich das transeuropa-Festival zwischen anderen studentisch organisierten Festivals?

Wir wollen nicht prätentiös klingen, aber wir sind – entschuldigung - das professionellste, beste europäische Festival, unter den studentisch organisierten in Deutschland. Im Gegensatz zu den meisten studentischen Festivals ist transeuropa nicht da, um den Studierenden Produktionen zu zeigen. Vielmehr soll das Festivalmachen erforscht werden. Immerhin werden hier Kulturvermittler ausgebildet. Die Vorbereitungen des Leitungsteam haben bereits vor zwei Jahren begonnen, mit konzeptioneller Arbeit, Finanzanträgen und Reisen in die Partnerländer.

Das Leitungsteam hat dann auch während des letzten Semesters die Ãœbung für das Großteam durchgeführt, mit etwa 20 Studierenden. In der Ãœbung ging es darum wie man ein Festival macht: um einen Ãœberblick wie die Anderen Festivals machen, was wir gut daran finden, wie mit dem Thema oder mit dem Rahmenprogramm umgegangen wird. transeuropa ist ein Festival, wo wir Konzepte ausprobieren können. Also ein forschendes Festival in vielerlei Hinsicht.

Und die Tatsache, dass die meisten Festivalmacher noch studieren, kann auch ein Vorteil sein. Das sind alles hochmotivierte junge Leute, die ein sehr fachspezifisches Interesse haben. Sie gestalten in diesem Projekt aktiv an Punkten mit, die man im Berufsleben erst nach mehreren Jahren erreicht. Weshalb sie sich völlig verausgaben und das bringt schon eine sehr intensive Atmosphäre zustande.


Das Gespräch führte Margret Schütz, www.laft.de