Die Darstellenden Künste im Spiegel der Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte der Länder und Städte in Deutschland. Eine Literaturrecherche.

Der Bericht der Bundesregierung zur "Kultur- und Kreativwirtschaft" in Deutschland (BMWi 2009) hat in einer 5-seitigen Branchenskizze zum "Markt für die darstellenden Künste" volkswirtschaftliche Eckwerte ermittelt: Der Teilmarkt beschäftigt ca. 40.300 oder 3,6 % der Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, davon ca. 52 % in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Die Zahl der Selbständigen und steuerpflichtigen Unternehmen wird auf ca. 19.500 beziffert. 2008 erwirtschaftete der Teilmarkt ein Umsatzvolumen von ca. 4,5 Mrd. Euro oder 3 % des Gesamtumsatzes der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland. Zwischen den Jahren 2003 und 2008 haben sich Umsatzvolumina, Zahl der Unternehmen sowie der Beschäftigten in den darstellenden Künsten in Deutschland mit Zuwächsen entwickelt. Im Zentrum der Analyse zum "Markt für die darstellenden Künste" stehen die "privatwirtschaftlich organisierten Betriebe, Unternehmen und Selbständigen bzw. Freiberufler, die sich ganz oder vorwiegend über den Markt finanzieren" (Bericht 2009: 94), die aber, so die Aussage im Bericht, in einem "intensiven Austauschverhältnis zum nicht-kommerziellen öffentlichen und intermediären Theatersektor" (BMWi 2009: 99) stehen.



Die Literaturrecherche "Die Darstellenden Künste im Spiegel der Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte der Länder und Städte in Deutschland" kommt diesbezüglich zu differenzierteren Befunden.
Sie wurde vom Fonds Darstellende Künste im Vorfeld des Internationalen Symposiums zur "Lage der Theater- und Tanzschaffenden im Kontext internationaler Mobilität" angeregt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen der Kultur- und Kreativwirtschaftsinitiative der Bundesregierung finanziert. Erste Ergebnisse wurden auf dem Branchenhearing "Markt für die darstellenden Künste" am 22. Januar 2009 in Bochum vorgetragen.

Ziel der Recherche ist, darzustellen, wie die darstellenden Künste in Deutschland aus kulturwirtschaftlicher Perspektive bislang widergespiegelt worden sind, welche Aussagen in den Berichten in Bezug auf Markt und Betriebsstrukturen, die Veränderungen der Beschäftigungsverhältnisse im Arbeitsmarkt sowie zu den Wechselbeziehungen und Austauschverhältnissen zum öffentlichen und gemeinnützigen Theatersektor getroffen werden. Die Recherche ist die erste bundesweite Auswertung der Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte von 13 Ländern sowie 8 Städten, konzentriert auf den Teilmarkt der darstellenden Künste in den jeweiligen Berichten. Hervorzuheben ist, dass ein umfassender Branchenreport um "Markt für die darstellenden Künste" in Deutschland bislang fehlt, der das komplexe Institutionen und Akteursgefüge in den Blick nimmt und analysiert. Auch der Bundesbericht konstatiert: "Wie sich die komplementären und konkurrierenden Beziehungen der drei Teilsektoren (CD: privatwirtschaftlich, öffentlich und gemeinnützig getragene Unternehmen und Selbständige in den darstellenden Künsten) auswirken, ist bislang noch kaum untersucht worden." (BMWi 2009: 99)

Von Ländern und Städten in Deutschland liegen (Stand April 2009) insgesamt 33 Berichte vor, Folgeberichte sind in dieser Zählung inbegriffen. Nicht in allen Berichten bzw. Initiativen zur Kultur- und Kreativwirtschaft der Länder und Städte werden die darstellenden Künste explizit behandelt. Im Konkreten st dies auf die geringe ‚kritische Masse’ des privatwirtschaftlichen Marktes der darstellenden Künste im Verhältnis zu den anderen kulturwirtschaftlichen Branchen zurück zu führen. Von Relevanz für die Literaturrecherche waren die Berichte von 11 Ländern und 5 Städten.
Die Bewertung der Berichtslage in Bezug auf die darstellenden Künste in Deutschland hat zu berücksichtigen, dass die Beauftragung der Berichte durch Wirtschaftsbehörden auf Ebene der Länder und Städte, zum Teil auch im ‚Tandem’ mit den Kulturbehörden, eine unterschiedliche konzeptionelle und politische Ausrichtung der Berichte zur Folge hat. Ãœber den Recherchezeitraum von ca. 15 Jahren ist in eutschland ein fließender Erkenntnisprozess in Bezug auf die Qualifizierung der definitorischen und empirischen Grundlagen sowie der politischen Handlungsstrategien zur Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland zu verfolgen, der von internationalen Entwicklungen beeinflusst ist.

Der Wert der Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte in Bezug auf die darstellenden Künste ist, dass sie das komplexe institutionelle Gefüge der darstellenden Künste in der Vielfalt seiner Produktions- und Organisationsformen sowie wirtschaftlichen Relevanz seiner Subjekte, d.h. der privatwirtschaftlich, öffentlich und gemeinnützig orientierten Unternehmen bzw. Akteure, in eine größere öffentliche und politische Wahrnehmung gebracht haben. Sie haben die Aufmerksamkeit vor allem gelenkt auf die Veränderungen im Arbeitsmarkt der darstellenden Künste sowie auf die endogenen und wirtschaftlichen Effekte, die die darstellenden Künste auf unterschiedlichen Ebenen induzieren, wobei diese in den Berichten außerordentlich heterogen benannt und nur zum Teil quantifiziert werden können. Sie verdeutlichen auch räumliche Konzentrationspunkte der darstellenden Künste in Deutschland.

Zugleich wird deutlich, dass die darstellenden Künste einer kulturwirtschaftlichen ‚Helicopter’-Perspektive schwerer zu unterwerfen sind als andere kulturwirtschaftliche Branchen. Kulturwirtschaftliche Analysen erfassen die komplexen Prozesse und institutionellen Strukturen in den darstellenden Künsten nur bedingt. Dazu geben die Ergebnisse der Literaturrecherche eine Reihe von Begründungen.

Drei Viertel der Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte beziehen den öffentlichen Staats- und Stadttheaterbetrieb mit Exkursen, Daten zur öffentlichen Finanzierung, Verweisen auf Verflechtungen und Austauschbeziehungen mit ein, obwohl die zu Grunde gelegte Definition der Kulturwirtschaft in den Berichten dazu im Widerspruch steht. Die in Deutschland seit Jahren wachsende freie Theater- und Tanzszene erfährt in den Berichten indirekt eine Widerspiegelung über die Verschiebung der Relationen zwischen abhängiger zu Gunsten von selbständiger Beschäftigung im gesamten Kulturarbeitsmarkt. Verweise auf die tatsächliche ökonomische und soziale Lage der darstellenden Künstler finden sich nur verdeckt. Die Abbildung von Wertschöpfungsketten im Bereich der darstellenden Künste ist offensichtlich schwerer zu leisten, als in anderen kulturwirtschaftlichen Branchen. Nur zwei Berichte benennen Wertschöpfungsketten im Bereich der darstellenden Künste. In nur wenigen Berichten werden Nachfrageaspekte (z.B. Zugang und Förderung von kultureller Bildung) in Bezug auf die darstellenden Künste thematisiert. Die Bedeutung der staatlichen und kommunalen Verantwortung für die darstellenden Künste in Deutschland ist als politische ‚Botschaft’ in der Mehrzahl der Berichte zu erkennen. Konkrete politische Handlungsempfehlungen bzw. -konzepte richten sich jedoch in nur vier Berichten explizit auf die darstellenden Künste.

Aus einer vorrangig unter kulturwirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgenommenen Bewertung der darstellenden Künste kann daher durchaus eine Gefahr gesehen werden: wenn nämlich die zu berücksichtigende Differenz zwischen den privatwirtschaftlich orientierten und den öffentlich finanzierten Einrichtungen und Projekten, sowie den vielen Mischformen, die es im Markt der darstellenden Künste gibt, für die Entwicklung politischer Handlungskonzepte verschwindet.

Deutlich wird im Ergebnis der Analyse, dass die primäre Funktion der Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte nicht darin liegt, die soziale und wirtschaftliche Situation der darstellenden Künstler im Detail zu analysieren und zu bewerten, um Voraussetzungen für politische Handlungskonzepte zu schaffen. Das war und wird auch in Zukunft nicht Auftrag von Kultur- und Kreativwirtschaftsberichten in Deutschland sein. Deshalb ist für die darstellenden Künste in Deutschland das vom Fonds Darstellende Künste e.V. gemeinsam mit dem ITI initiierte Modellprojekt zur "Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland" so außerordentlich bedeutsam.

Im Ergebnis der Literaturrecherche werden Empfehlungen gegeben, die hier nur verkürzt benannt werden können:

- Interesse und Unterstützung aus verschiedenen Politikbereichen einfordern, da wegen der Verflechtung der Branchen und der Erwerbsbiografien der Akteure aufeinander bezogene Instrumente erforderlich sind, um die Rahmenbedingungen für die Arbeit der ‚Kreativen’ im Bereich der darstellenden Künste zu verbessern.
- Perspektiven für die darstellenden Künstler und Unternehmen für die ‚nachwachsende Generation’ aufzeigen und gestalten.
- Förderung der Nachfrage noch stärker in den Blick nehmen, wofür politische Initiativen zur Förderung der kulturellen Bildung von besonderer Bedeutung sind.
- Qualifizierung der Forschungen zur Lage der darstellenden Künstler.

Dr. Cornelia Dümcke, 27.04.2009

 

Information zur Autorin: Kulturökonomin und Projektentwicklerin, Culture Concepts, Berlin.
(www.cultureconcepts.de)


Die Langversion des Berichts der Autorin erscheint erstmalig in der Publikation zur komplexen Gesamtstudie und des Symposiums (Veröffentlichung Ende 2009).
Der BMWi-Bericht 2009 ist abrufbereit unter www.bmwi.de