Erste Ergebnisse und Empfehlungen aus der Studie "Report Darstellende Künste"

Gefördert vom: Fonds Darstellende Künste

Erstellt vom: Zentrum für Kulturforschung (ZfKf)

Methodischer Hintergrund: In einer Online-Befragung des Fonds Darstellende Künste erhielten Theater- und Tanzschaffende in Deutschland über ein Codesystem Zugang zu einem 11-seitigen Fragebogen zur wirtschaftlichen, sozialen und arbeitsrechtlichen Lage. An der bundesweiten Fragebogenaktion beteiligten sich von Mai bis Oktober 2008 insgesamt 4.047 Theater- und Tanzschaffende. Um auch ältere Künstler ausreichend beteiligen zu können, wurde der Fragebogen zudem postalisch verschickt. Um offene inhaltliche Fragen der schriftlichen standardisierten Befragung vertiefend zu klären, wurden im Rahmen einer qualitativen Befragung des Fonds Darstellende Künste und der Landesverbände Freier Theater ab Januar 2009 mit mehr als 300 ausgewählten Theater- und Tanzschaffenden bundesweit qualitative Einzel- und Gruppeninterviews zu Themen der Künstlerbefragung geführt. Die Analyse des Rücklaufs der schriftlichen Befragung macht deutlich, dass dieser repräsentative Aussagen nur über die freie Theater- und Tanzszene erlaubt, da Künstler aus diesem Segment anteilig mit knapp 2.899 Fällen (72% der Gesamtstichprobe) gut vertreten sind. Zudem zeigt ein Abgleich der Versicherten in der Künstlersozialkasse (KSK) innerhalb der Stichprobe (n = 1970) mit den soziodemographischen Merkmalen der KSK-Versicherten in der Darstellenden Kunst insgesamt (Alter, Geschlecht, Einkommen, Berufsgruppen) weitgehend ein identisches Bild in der Verteilung. Für die abhängigen Beschäftigten kann dies bezogen auf die Theaterstatistik oder weiterer Daten zu sozial-versicherungspflichtigen Darstellenden Künstlern (IAB etc.) nicht festgestellt werden. Unterrepräsentiert sind bei den abhängig Beschäftigten in der Stichprobe vor allem ältere Künstler und Entscheidungsträger.

ZENTRALE ERGEBNISSE (Auswahl):

1. Mit Einführung der KSK vor 26 Jahren ist es gelungen, die soziale Sicherung der Freischaffenden, die gemäß der gesetzlichen Vorgaben Eingang finden in die KSK, vorbildlich zu verbessern. Diese sind nunmehr alle krankenversichert und in der gesetzlichen Rentenversicherung. Die bisherige Aufteilung der Theater- und Tanzschaffenden in freiberuflich oder sozialversicherungspflichtig Tätige ist jedoch nach den vorliegenden Daten für die aktuelle Praxis der Künstler nicht mehr relevant. Vielmehr existiert heute eine dritte Gruppe, die sowohl freiberuflich als auch über Zeitverträge, teilweise auch über nicht-künstlerische Tätigkeiten abhängig beschäftigt ist aufgrund des aktuellen bestehenden Angebots auf dem Arbeitsmarkt. Künstler entscheiden sich heute oftmals also nicht bewusst für eine Beschäftigungsform, sondern nehmen alle ihnen angebotenen Möglichkeiten an.


Dies führt jedoch dazu, dass diese Gruppe "zwischen den Welten", die nach den vorliegenden Daten und eigenen Berechnungen immerhin mindestens ein Fünftel der Theater- und Tanzschaffenden ausmacht, sozial nur unzureichend abgesichert ist, da sie aus dem Versicherungsschutz der KSK herausfällt und sich im Rahmen punktueller sozialversicherungspflichtiger "Jobs" nur unzureichend absichern kann.

Empfehlung:
Es sollten Ãœberlegungen angestellt werden, wie man die sozialen Sicherungssysteme für Künstler, hier speziell Theater- und Tanzschaffende, so reformiert, dass diese auch die mit Blick auf die Entwicklung von Zeitverträgen vermutlich wachsende Gruppe der Künstler, die sich in beiden Beschäftigungsformen bewegen muss, absichern.


2. Viele Theater- und Tanzschaffende, die bisher nicht über die KSK versichert sind, zeigen ein großes Interesse, dies künftig zu tun. 67% der zeitlich befristet abhängig Beschäftigten und 76% der Künstler, die freiberuflich und sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten nachgehen, äußern ein entsprechendes Interesse. Als Gründe für die bisher noch nicht zustande gekommene Versicherung in der KSK geben punktuell die jüngeren Künstler Unwissenheit bzw. Nichtinformiertheit an, das Gros die Problematik, dass sie nicht die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen: aufgrund a) ihrer Tätigkeit in beiden Beschäftigungsformen, welche zur Diskussion über grundsätzliche Weisungsgebundenheit der jeweiligen Berufsfelder führt, b) teilweise dem Nichtanerkennen bestimmter Berufsgruppen, wie Produktionsleiter als künstlerisches Berufsbild und c) zusätzlicher Einnahmen über nicht-künstlerische Tätigkeiten, die zunehmend zur finanziellen Grundabsicherung von Künstlern geleistet werden.

Empfehlung: Neben allgemeinen Ãœberlegungen zur Reformierung der bestehenden sozialen Sicherungssysteme sollten speziell auch gezielte Ãœberlegungen zum aktuellen Regelwerk der KSK angestellt werden, die die heutige Berufspraxis der Künstler angemessen berücksichtigen.


3. Das jährliche künstlerische Nettoeinkommen ist mit durchschnittlich etwa 11.500 € sehr niedrig angesiedelt, berücksichtigt man die vielfach zugrunde liegende akademische Ausbildung der Betroffenen. Das künstlerische Einkommen der Freiberufler liegt hier deutlich unter dem der abhängig Beschäftigten. Besonders niedrig ist es bei der Gruppe, die in beiden Beschäftigungsformen tätig ist, bzw. Freiberuflern, die nicht Eingang gefunden haben in die Künstlersozialkasse, letztere gehen besonders häufig zusätzlich nicht-künstlerischen Tätigkeiten nach. Auch betätigen sich freiberuflich tätige Künstler auch zunehmend im Bereich künstlerischer Nebentätigkeiten, wie Vorträge, Aufgaben im Bereich Film, Fernsehen und auch pädagogischen Vermittlungsaufgaben. Bei einem Zeitvergleich mit dem Künstlerreport 1973 wird deutlich, dass die freischaffenden Künstler 1973 ihre finanzielle Lage deutlich besser bewerteten als dies heute der Fall ist.

Empfehlung:
Es empfiehlt sich, eine grundsätzliche Analyse der Arbeitsmarktstruktur insbesondere in der freien Theater- und Tanzszene in Deutschland bezüglich möglicher Ãœberangebotsstrukturen, fehlender kulturpolitischer Richtlinien zur Budgetierung von Kunstprojekten und Möglichkeiten der alternativen Beschäftigung einer oftmals hochqualifizierten Berufsgruppe, insbesondere auch deren Einsatz in der künstlerischen Vermittlungsarbeit, der zunehmend mehr Bedeutung eingeräumt wird, durchzuführen. 3

4. Nach Angaben der für Produktionen (künstlerisch oder wirtschaftlich) verantwortlichen Freiberufler ist es sehr selten, dass Theater- oder Tanzprojekte ohne Hilfe von öffentlichen Mitteln realisiert werden. Unter den für Produktionen verantwortlichen KSK-Versicherten geben nur 20% an, dass sie schon einmal innerhalb der letzten drei Jahre Projekte ohne die Hilfe von öffentlichen Mitteln realisiert haben. Kommunen spielen bei der öffentlichen Förderung von Theater- und Tanzprojekten eine Schlüsselrolle. 60% der befragten für Produktionen verantwortlichen KSK-Versicherten geben an, dass sie innerhalb der letzten drei Jahre bei Produktionen auch von Kommunen unterstützt wurden. 51% sind dabei der Meinung, dass das Engagement der Kommunen in den letzten Jahren zurückgegangen ist, was nicht verwunderlich ist angesichts der angespannten finanziellen Haushaltslage vieler Kommunen.

Empfehlung:
Da es auch in Zukunft schwierig sein wird mit der Unterstützung der Kommunen bei angespannter Haushaltslage, sollten grundsätzliche Ãœberlegungen angestellt werden, wer eine lebendige Freie Theater- und Tanzszene langfristig finanziell unterstützen kann. Können hier andere Träger, wie das regionale Umfeld, das Land, der Bund oder private Sponsoren gefunden werden? Kann man kommunale oder regionale Fonds für die Förderung der freien Szene einrichten oder zumindest die Städte kulturpolitisch ermutigen, eine lebendige freie Szene auch künftig durch Einsparungen in anderen Bereichen zu erhalten?


5. Das Gros der Theater- und Tanzschaffenden ist hochqualifiziert. 51% der Freien weisen ein Hochschulstudium auf, 6% sogar zwei erfolgreich abgeschlossene Studiengänge, einen künstlerischen und einen nicht-künstlerischen. 48% der Freien sprechen eine, 39% sogar mehrere Fremdsprachen fließend. Anstrengungen in den letzten Jahren, die akademische künstlerische Ausbildung zu verbessern und weitere Studiengänge für künstlerische Berufe auszubauen, tragen insofern Früchte, als der Anteil der jungen Künstler mit einem künstlerischen Hochschulstudium in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen ist. Die Analyse zeigt jedoch, dass der Nachwuchs in der Tanz- und Theaterszene über praktische Anlaufstellen, wie die KSK, teilweise nur unzureichend informiert ist. Auch nimmt der Anteil der jungen Künstler in Interessensverbänden und Gewerkschaften der Tanz- und Theaterszene kontinuierlich ab.

Empfehlung:
Man sollte in der künstlerischen Ausbildung überprüfen, inwieweit ausreichend über soziale Sicherungssysteme, die Künstler betreffen, wie auch die Existenz weiterer Anlaufstellen, wie künstlerische Interessensverbände oder Gewerkschaften, informiert wird.


6. Unter den in der Stichprobe ermittelten abhängig Beschäftigten findet sich ein Anteil von 24%, der einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag hat und sich von Gast- bzw. Zeitvertrag zu Zeitvertrag "angelt". Diese Gruppe ist im besonderen Maße von der Verkürzung der Rahmenfrist für den Bezug von ALG I betroffen und diese Gruppe muss daher überproportional auf Sozialleistungen zurückgreifen. 25% haben in den letzten drei Jahren einmal, weitere 32% mehrfach Sozialleistungen bezogen.

Empfehlung:
Angesichts der hohen Qualifikation dieser Berufsgruppe sollten Ãœberlegungen angestellt werden, wie man diese Gruppe mit ihrem spezifischen Know-how in der Zeit zwischen zwei Engagements in anderen themenverwandten Bereichen einsetzen bzw. vermitteln kann, so dass diese nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind, z.B. in kunstnahen Bereichen, in denen schon 4
jetzt, wie dies die Analyse gezeigt hat, viele Künstler Nebeneinkünfte erzielen, z.B. bei Seminaren, pädagogischer Vermittlung, künstlerisch-kreativen Lerntätigkeiten oder bei Rundfunk und Film. Denkbar wäre das Einrichten einer entsprechenden Vermittlungsbörse für kunstnahe Nebentätigkeiten, insbesondere im breiten Feld der kulturellen Bildung, bei der ZAV oder den Fachverbänden.


7. Grundsätzlich kann beobachtet werden, dass die produktive künstlerisch-kreative Arbeitszeit bei den Künstlern im Vergleich zu den 70er Jahren deutlich nachgelassen hat zugunsten sowohl organisatorischer, administrativer Tätigkeitsbereiche, wie Akquise, Projektentwicklung etc., als auch der ergänzenden Ausübung von kunstnahen und nichtkünstlerischen Nebentätigkeiten.

Empfehlung:
Angesichts des hohen Qualifizierungsgrades in der Ausbildung ist es grundsätzlich zu bedauern, dass der Anteil der produktiven künstlerisch-kreativen Arbeitszeit bei Künstlern abnimmt. Zum einen sollte man auch hier die künstlerische Ausbildung kritisch prüfen, inwieweit diese die Künstler auf die heutige Arbeitssituation adäquat vorbereitet. Organisatorische und administrative Tätigkeitsbereiche, wie Akquise, Projektentwicklung etc., nehmen ggf. mehr Zeiträume bei den zu bewältigenden Aufgaben der Künstler ein, weil diese hier nicht geschult wurden. Zum anderen sollte kritisch geprüft werden, ob die zunehmend nichtkünstlerischen Aufgaben, die im Alltag der Freischaffenden Künstler anfallen, nicht über zentrale regionale Anlaufstellen mit administrativ geschultem Personal besser und auch kostengünstiger, zumindest nicht auf Basis niedriger Künstlerlöhne, geleistet werden können.


8. Grundsätzlich sind die Künstler im Vergleich zu früher, wenn man hier die Antworten mit dem Künstlerreport von 1973 vergleicht, unzufriedener: mit der wirtschaftlichen Lage, ihrer beruflichen Situation und auch ihrem Ansehen in unserer Gesellschaft. Diese Unzufriedenheit der Freien Tanz- und Theaterschaffenden bezieht sich sowohl auf die Bühnen der freien Tanz- und Theaterszene als auch der Stadt- und Staatstheater, wenn auch mit unterschiedlichen Kritikpunkten. Bei den Stadt- und Staatstheatern wird vor allem die unzeitgemäße Struktur, der zu große Verwaltungsapparat, damit einhergehend starre Strukturen, Hierarchie aber auch das starke Verdienstgefälle kritisiert, bei der freien Tanz- und Theaterszene die finanzielle Unsicherheit, die niedrigen Löhne, die fehlende Planungssicherheit und die fehlende soziale Absicherung. Speziell bezogen auf die Situation der Freien Theater fordern allein 65% der freien Künstler mehr Unterstützung durch Medien und Politik.

Empfehlung: Angesichts der verbreiteten Unzufriedenheit bei den freien Theater- und Tanzschaffenden sollten insbesondere die Interessensverbände Maßnahmen entwickeln, die vor allem helfen, das Ansehen der Künstler in der Gesellschaft wieder zu stärken. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung könnte eine stärkere Personalisierung der Künstler in der Öffentlichkeitsarbeit der Theater sein. Jugendstudien des ZfKf zeigen, dass junge Leute heute gerne Persönliches über Künstler erfahren, sich mit Personen identifizieren wollen und die Brücke einer persönlichen Begegnung mit den Künstlern sie motiviert, Theaterangebote auch wieder stärker nachzufragen. Mit einer solchen Strategie könnte sowohl das Ansehen der Tanz- und Theaterschaffenden in der Gesellschaft wieder gestärkt werden als auch die Nachfrage des jungen Publikums für Theater.


Dr. Susanne Keuchel, ZfKf, April 2009