Wunschlos glücklich?

 

Ein Podiumsgespräch im Rahmen des IMPULSE-Festivals 2009 über Chancen und Grenzen kollektiver Arbeit in der Freien Szene

 

30.11.2009 Mülheim an der Ruhr. Unter dem Titel "Kollektive Kontroversen – Gemeinschaftliche Arbeitsformen im zeitgenössischen Theater" trafen im Rahmen des 15. IMPULSE Festivals die WDR-Journalistin Regina Völz, Künstler von andcompany&Co., kainkollektiv, Schauplatz International, raumlabor berlin und Theater Arbeit Duisburg aufeinander und diskutierten über die Entwicklung kollektiver Produktionen der Freien Szene im deutschsprachigen Raum. Veranstaltet wurde die Diskussion vom Klub für lokale Feldforschung, dem Freie-Szene-Festival IMPULSE und dem Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Ob es bei der Diskussion grundsätzlich um ästhetische oder kulturpolitische Fragen gehen sollte, blieb jedoch unklar. Nicht zuletzt lag dies an der unsicheren Moderation von Regina Völz, deren Fragen oft wenig konkret und anregend wirkten. So hangelte man sich knapp drei Stunden von einem Thema zum nächsten, was die Künstler-Kollektive, die die ganze Zeit stehen mussten, recht höflich über sich ergehen ließen. Während einige schnell zu Statisten des uninspirierten Frage-Antwort-Spiels wurden, gelang es anderen das Gespräch an sich zu bringen und von ihren persönlichen Ansichten und Wünschen zu erzählen.

Warum eigentlich im Kollektiv arbeiten? Die KünstlerInnen von Schauplatz International begründeten im Gespräch ihre Arbeitsweise mit der Möglichkeit, die künstlerische und finanzielle Verantwortung zu teilen und sich gleichberechtigt auszutauschen. Auch die Gruppe kainkollektiv betonte, dass gerade im Kollektiv jeder einzelne seine Qualitäten einbringen könne. "Wir haben angefangen Theater zu machen, um kollektiv arbeiten zu können", fügten andcompany&Co. hinzu und erläuterten, dass Theater immer schon kollektiv gewesen sei. Das Regietheater stelle eben nur eine temporäre Entwicklung innerhalb der Theaterpraxis dar. Einvernehmlich diskutierten die Anwesenden die Wichtigkeit eines steten Gegenwartsbezuges ihrer Arbeit sowie einer gemeinsamen themenbezogenen Recherche, die eine wechselseitige Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis zulasse. Ob es da keine Autoritätsprobleme gäbe, fragte Völz und wurde von Schauplatz International und kainkollektiv aufgeklärt: Das Kollektiv sei auf ein freundschaftliches Miteinander angewiesen. Die kontinuierliche Zusammenarbeit und die finanzielle Abhängigkeit voneinander führe zu einer engen Beziehung. Die betitelten Kontroversen der Veranstaltung würden zwischen und in den Kollektiven selbst also keine Rolle spielen, konstatierte Völz, als auf ihre Nachfrage hin, die KünstlerInnen darauf verwiesen, dass die Freundschaft zueinander ihre Gründungs- und Arbeitsmotivation sei. Doch inwieweit bedeutet das, dass eine besondere Zuneigung existentielle Voraussetzung für kollektive Arbeitsweisen sein muss?

"Uns leistet man sich"

Wunschlos glücklich sind die KünstlerInnen dennoch nicht. Die Sprache kam auf die Möglichkeit, im Stadt- und Staatstheater zu arbeiten. Leicht belustigt kritisierten andcompany&Co., dass man sich in Ansprechpartner unterteilen müsse, um mit dem Organisationsbetrieb der großen Bühnen kommunizieren zu können. Bedenke man die Gruppenstruktur eines Kollektivs, sei das stark gewöhnungsbedürftig. Auch der Versuch, als Kollektiv eine Intendantenstelle zu übernehmen, sei an unverständlichen "logistischen" Gründen gescheitert, so Schauplatz International. Weiterhin wurde bemängelt, dass die eingeladenen Off-Produktionen als erstes gestrichen würden, wenn die finanzielle Krise ein Theater erreiche. kainkollektiv verwies zudem darauf, dass die verkrusteten institutionellen Strukturen die künstlerische Arbeit stark beeinflussten und eben auch einschränkten. In den Anekdoten und Erzählungen der einzelnen Gruppen über die Zusammenarbeit mit Stadttheaterbetrieben wurde der Frust über die festgefahrenen Strukturen der Institutionen spürbar.

Zugleich formulierte andcompany&Co. den Wunsch, genau wie ein Stadttheaterbetrieb eine Produktion quasi im Repertoire in einer Stadt und über einen längeren Zeitraum spielen zu können, um so finanzielle Engpässe und den Produktionsdruck aufzufangen. Die Akteure von Schauplatz International forderten darauf aufbauend, erstens nach dem Vorbild von "südpol" in Luzern mehrere Produktionsorte für freie Gruppen und zweitens die langfristige Investition in Forschung. Die Förderstruktur im deutschsprachigen Raum erschwere die eigene kontinuierliche Arbeitsweise erheblich. Dass die Arbeitsbedingungen für Künstler in der Schweiz sehr viel komfortabler sind als in Deutschland, wurde nicht näher betrachtet, obwohl mit Schauplatz International ein größtenteils in der Schweiz produzierendes Kollektiv vertreten war. Theater Arbeit Duisburg ergänzte stattdessen, dass selbst die etwas langfristigere Finanzierung der eigenen Arbeit durch die Institution Stadttheater letztlich nur suboptimal sei. Eine Alternative zu Verbesserung der finanziellen Förderung biete die Einführung eines Künstlergrundeinkommens, sodass die einzelnen Kulturförderer sich die Gruppen und Produktionen der Freien Szene nicht mehr gönnerhaft "leisten" müsse, wie Schauplatz International zynisch anmerkte. Dabei geht es dieser Gruppe nicht anders als dem Großteil der KünstlerInnen, deren Schaffen erst durch die Grundvereinbarung mit der Gesellschaft, die sich die Kunst leisten will, bestehen kann.

Tom Stromberg, der zusammen mit Matthias von Hartz das IMPULSE-Festival leitet, fasste daraufhin die Diskussion wie folgt zusammen: Solange in Deutschland die Institutionen und nicht die Künstler selbst gefördert würden und weiterhin eine Politik der Repräsentation gefahren werde, blieben die Wünsche der anwesenden KünstlerInnen realitätsfern. So fand ein Gespräch ein Ende, das für alle Anwesenden durchaus ergiebiger und lebendiger hätte sein können. Die meisten Themen waren recht vorhersehbar und konnten eine oberflächliche Ebene nicht verlassen. Schade. Um eine Neuorientierung der Förderstrukturen im deutschsprachigen Raum zu ermöglichen, braucht es dennoch weitere öffentliche Diskussionen wie diese. Folgerichtig wurden in Köln wenige Tage später in einer weiteren Gesprächsrunde des Festivals die Impulse für die Zukunft des freien Theaters erörtert. Auf eine Zukunft dieses Diskurses darf man also hoffen.