Kleinod der deutschen Festivallandschaft

 

Das Europäische Theater- und Performancefestival in Hildesheim steht für eine studentische Organisation mit professionellem Niveau

 

Dieses Jahr war es wieder so weit. Vom 14. bis 20. Mai 2009 fand zum sechsten Mal das Transeuropa-Festival statt, welches in Hildesheim seit 1994 alle drei Jahre jungen europäischen Theaterkünstlern ein Forum und den hiesigen Kulturwissenschaftlern aktuelle Tendenzen der internationalen Theaterszene bietet.

Das Festival wird vollständig von Studierenden der Universität Hildesheim organisiert und ist für diese ein wichtiger Erfahrungsraum für die eigene künstlerische und organisatorische Arbeit. Transeuropa versteht sich aber von Anfang an nicht nur als Bühne, sondern versucht darüber hinaus, über Koproduktionen eine Plattform zum Experimentieren im Arbeitsprozess vor Ort zu ermöglichen. Dementsprechend wurden dieses Jahr folgende drei Schwerpunkte gesetzt: Präsentation von innovativem Theater aus der Freien Szene, Kreation einer Netzwerkplattform für junge Künstler und Reflektion eines kontinental relevanten Themas: "What’s your border worth?" Diese Frage war nicht nur Ansatzpunkt für künstlerische Arbeiten, sondern ebenso von politischer und für einige der PerformerInnen sogar von alltäglicher Relevanz.

 

Das Festival finanziert sich aus unterschiedlichen Töpfen, lebt von privaten und öffentlichen Förderern oder Sponsoren sowie den Erlösen aus Ticketverkauf und Gastronomie. Damit ist der Erfolg jedes Mal sowohl abhängig vom Engagement und Interesse der regionalen Wirtschaft, der kommunalen und europäischen Politik, als auch von der lokalen Bürgergesellschaft. Nur so kann Transeuropa seinen für studentische Festivals hohen Anspruch, sämtliche Künstler für ihren Auftritt zu entlohnen, einhalten, und unter den gegebenen Bedingungen Theater- und Performanceschaffende mit innovativen Formaten einladen.

 

Als problematisch erweist sich aus Sicht von Aleksander Brkic von der Fakultät für Dramatische Künste in Belgrad, welcher dieses Jahr für eine Diskussionsrunde im Rahmen des Festivals zu Gast war, der dreijährige Zeitabstand zwischen zwei Terminen. Dies verhindere eine konstante, sich vertiefende Zusammenarbeit mit Künstlern und mache es schwierig, das Festival international zu etablieren. Dem hielt Bettina Kogler vom BrutTheater Wien entgegen, dass die Einsatzbereitschaft der Studenten das besondere Flair des Festivals ausmache und diese jedoch in kürzeren zeitlichen Abständen wahrscheinlich nicht erbracht werden könne. Diese Ansicht vertraten auch die diesjährigen künstlerischen Leiterinnen, Maike Piechot und Lea Seibert.

Erweist sich die in Hildesheim ansonsten als Stärke gesehene Interdisziplinarität, welche eine enge Vernetzung der Institute für Philosophie, Bildende Kunst, Kulturpolitik, Literatur, Medien und Theater sowie Musik und ihrer Studierenden schafft, also als Hindernis für die Etablierung eines regelmäßig stattfindenden Theaterfestivals von internationalem Ruf? Schließlich ist das kulturelle Angebot in Hildesheim groß, weil es aus sämtlichen künstlerischen Bereichen Impulse der Studierenden für übergreifende Zusammenarbeit gibt. Transeuropa ist ein Projekt unter vielen, die im Rahmen des Studiengangs Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis entstandenen sind und die auf eine große studentische Partizipation angewiesen sind. Zum Beispiel existiert auf Augenhöhe schließlich auch noch Prosanova, das ebenfalls im dreijährigen Rhythmus stattfindende Festival für junge Literatur. Beide stehen für studentische Organisation auf professionellem Niveau. Und möchte man seinen Status als "Kleinod" der deutschen Festivallandschaft abseits der Großstädte pflegen, sind die aktuellen Rahmenbedingungen sicher richtig. Denn bei einem alljährig stattfindenden Festival ist nicht nur die Gefahr des Qualitätsverlusts auf Grund von Zeitmangel groß, sondern auch der Burnout-Faktor der unter Leistungsdruck stehenden Kommilitonen. Um sich jedoch weiterhin behaupten zu können, ist es sicher nicht verkehrt, auf dem bereits eingeschlagenen Weg weiter voranzuschreiten. Das bedeutet, Vernetzung der Künstler voranzutreiben und gleichzeitig, wie bereits in diesem Jahr, mittels von Kooperationen mit anderen studentischen Theaterplattformen wie dem Festival of International Student Theatre (FIST) in Belgrad und Arena in Erlangen als Hildesheimer über den Tellerrand hinauszublicken und mit anderen dramatischen Positionen in Kontakt zu kommen. So sollten Hildesheimer Studierende als Theatervermittler, -rezipienten und -produzenten andernorts bekannt und dadurch Transeuropa für andere Kulturschaffende interessant gemacht werden.