Hochmobil, kinderlos und immer zur Stelle! - Zur Arbeits- und Lebensorganisation Freier Darstellender Künstler

Die Frage nach der Heimat. Dem Haus. Dem Standbein. Der konstanten Variablen. Wo ist sie? Wo gehöre ich hin? Und wie überlebe ich dort? Alexander Pinto (Freier Kulturmanager- Berater) stellt auf dem 1. Bundeskongress der Freien Darstellenden Künstler in Stuttgart Anfang Dezember 2010 die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation freier Künstler als ein Dilemma dar. Das Dilemma heißt Multilokalität. Es ist Konflikt und Chance zugleich.

Der Vortrag von Alexander Pinto mag für die Mehrheit der Zuhörenden an diesem Vormittag keine großen Überraschungen gebracht haben. Per Handzeichen wurde festgestellt, dass die Mehrheit der Anwesenden an mehreren Orten lebt und arbeitet. Dies geht auch aus der Online-Befragung des Reports für Darstellende Künste hervor, die Pinto zitiert. 40% arbeiten vorwiegend an ihrem Wohnort. 7% arbeiten an einem anderen Ort und 50% arbeiten vorwiegend an mehreren anderen Orten. Das heißt, 57 % der Befragten arbeiten überwiegend an anderen Orten als dem Wohnort. Damit lautet das Schlagwort, das die Arbeits- und Lebenspraxis freier darstellender Künstler zusammenfasst: Multilokalität.

Multilokalität umschließt, so Pinto, berufsspezifische, aber auch freizeitinduzierte und/oder biografieabhängige Aufenthalte, die zeitlich befristet sind. Dass diese Lebensweise gerade unter Kulturschaffenden stark verbreitet ist, liegt in erster Linie an der strukturellen und finanziellen Differenz der Fördersysteme in Deutschland. Die Fördersysteme und deren finanzielle Ausstattung sind so unterschiedlich, dass man nur multilokal halbwegs existenzsichernd arbeiten kann, so Pinto. Daher ginge es um eine gezwungene Multilokalität.

Ob gezwungen oder freiwillig – dass diese Lebensform einige Probleme nach sich zieht, ist den Anwesenden sehr wohl bewusst. Denn, dass zeigt die Online-Befragung auch, 66% der Akteure geben an, keine Kinder zu haben und 30% nennen finanzielle und 26% „häufig wechselnde Arbeitsorte“ als Gründe dafür.

So sitzen an diesem Freitagvormittag eine Reihe von freischaffenden Künstlern im Theaterhaus in Stuttgart und werden mit schockierenden Ergebnissen ihrer Lebensumstände konfrontiert. Der Redner, Alexander Pinto, selbst freier Kulturmanager, sieht gerade die Vereinbarkeit von Beruf und Familie problematisch. „Weder können sie am Wohnort existenzsichernd ihrer Arbeit nachgehen, noch können sie diesen Nachteil durch eine multilokale Arbeitspraxis kompensieren. Als Ausweg bleibt für diese Gruppe nur das so genannte Multijobbing, also das Arbeiten in mehreren, meist nicht-künstlerischen Jobs zur Existenzsicherung.“

Nun ist Multilokalität jedoch kein Phänomen, das nur unter freischaffenden Künstlern auftritt. „Es ist“, so Pinto, „eine gesellschaftliche Tendenz. Es ist die zentrale Arbeits- und Lebensweise einer hoch mobilen und flexiblen Gesellschaft.“ und in dieser Entwicklung nimmt die Kultur und Kreativwirtschaft eine entscheidende Rolle ein. Denn, so lautet das Ergebnis einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, die Kultur- und Kreativwirtschaft ist mittlerweile die drittgrößte Wirtschaftsbranche gemessen am Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt.

Alexander Pinto betrachtet das Ergebnis mit Skepsis. Der Bereich bestehe zu 80% aus hochmobilen und flexiblen Klein- und Kleinstunternehmen und dabei ziehen vor allem die Großstädte und Metropolregionen Nutzen aus der Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Außerdem herrsche eine allgemeine Ratlosigkeit darüber, wie man in Zukunft mit dem so genannten Teilmarkt ‚Darstellende Kunst’ umgehen soll. In der Politik würde „Theater“ bisher immer nur als Stadt- und Staatstheater gedacht. Das freie Theater sei Trainingsplatz für den Theaternachwuchs und Testgelände für neue Räume. Doch eine substantielle inhaltliche, ästhetische und strukturelle Eigenständigkeit in der deutschen Theaterlandschaft würde dem freien Theater nicht wirklich zugestanden. Unter den Zuhörern im Saal macht sich Zustimmung breit. Es muss umgedacht werden, so viel steht fest. Einen innovativen Vorschlag formulierte Kirsten Haß bereits 2004, damals noch Geschäftsführerin des Landesverbandes Freier Theater Niedersachsen: „Es ist notwendig, Stärken und Schwächen der Strukturen sowohl von Stadt- und Staatstheatern als auch von Freiem Theater genau zu überprüfen und daraus die einzig mögliche Konsequenz zu ziehen: die Abschaffung beider Formen als Beschreibung von Finanzierungssystemen. Theatersubvention muss in diesem Land für beide Systeme völlig neu definiert werden.“

Diese Forderung unterstützt Alexander Pinto, in dem er Möglichkeiten und Potenziale des freien Theaters hervorhebt: „Gegenüber dem Stadttheater ist das Freie Theater mit seinen Produktionsweisen hochgradig anschlussfähig an eine marktorientierte und kreativwirtschaftlich beseelte Politik.“ In diesem Zusammenhang solle die Multilokalität, das Dilemma, in dem viele Freischaffende stecken, als Chance betrachtet werden, fordert Pinto. „War bis jetzt Multilokalität als notwendig zur Existenzsicherung definiert, könnte man unter der Maßgabe, dass Theatersubvention in diesem Land völlig neu gedacht werden muss, die Potenziale einer multilokalen Arbeits- und Lebensweise nutzbar machen. Denn Multilokalität bedeute auch Austausch mit Kollegen, mit neuem Publikum. Multilokalität bedeute neue Erfahrungen, Auseinandersetzung mit anderen Positionen, mit neuen Räumen, anderen Strukturen, neuen Sprachen und Kulturen.“ Unter lautem Beifall und zustimmenden Rufen erklärt Alexander Pinto sein Fazit: „Die darstellende Kunst in Deutschland ist nur zukunftsfähig, wenn sie es schafft neue Förderinstrumente und Systeme auf der Grundlage multilokaler komplementärer Kooperationen zu entwickeln und durchzusetzen." Er fordert die Kulturpolitik auf, diesbezüglich Reformen auf den Weg zu bringen. Denn solange nichts unternommen wird bleibt die Arbeits- und Lebenssituation freier Künstler prekär.