Welche Impulse braucht die freie Szene?

Das muss sie schon selbst entscheiden, die freie Szene. Anders als die Stadttheater ist sie in den letzten Jahren Teil eines sehr internationalen Netzwerks und eines elaborierten Kunstdiskurses geworden. Das bringt neue Vergleichsmöglichkeiten, Kriterien, Finanzierungsstrukturen, Herausforderungen mit sich. Eigene lokale Süppchen zu kochen, das ist selten noch eine Option.

Eine solche freie Szene braucht keine pädagogisch sinnvollen Impulse als Motivation oder Schulterklopfen. Sie braucht keine Kategorisierung, keine Jurys, kein best of, kein Theatertreffen. Sie selbst gibt Impulse: Dadurch, dass sie ihre prinzipielle strukturelle Freiheit nutzt, die Freiheit des Theaters als Medium zu erweitern, zu testen, zu strapazieren, zu überstrapazieren. Die Freiheit, immer wieder von Null anzufangen, vielleicht auch mal vom Text ausgehend, aber immer im Wissen: Alles was zur Hand ist, ist zur Hand. Die Freiheit, Strukturen, Hierarchien, Rollenzuschreibungen, Abläufe, Kollaborationen so zu erfinden, wie sie das jeweilige künstlerische Unterfangen braucht – und nicht umgekehrt.

Die freie Szene gibt Impulse, wie ein Theater aussehen kann, das nicht in bestimmten Denk- und Bühnenräumen gefangen ist. Sie gibt Impulse, die Grenzen zu anderen Genres nicht einfach so zu akzeptieren, wie es Antrags-, Markt- und Marketinglogiken wollen. Sie gibt Impulse, das Theatrale auch in Kunst, Musik, Literatur, Film, Theorie als Theater zu reklamieren. Sie gibt Impulse, Theater als Kunst anders zu denken. Und ab und zu auch mal alles auf eine Karte zu setzen.

Dabei gibt es keinen Grund für Berührungsängste mit den großen Häusern. Auch mit Strukturen kann man spielen. Auch ein Stadttheater kann man site-specific nutzen, doch Impulse, die mehr sind als Feigenblätter, entstehen meist außerhalb rigider Ablaufroutinen und großer Apparate. Es ist nicht die Aufgabe der freien Szene, kostengünstiges Nachwuchsrepertoire zu sein. Sie ist kein Sonderweg, wie die Theater- und Förderstruktur im deutschsprachigen Raum suggeriert. Sondern eine klare Alternative. In ihrer Kunst wie in ihren Arbeitsstrukturen.

Florian Malzacher ist Leitender Dramaturg/Kurator des Festivals steirischer herbst und ab 2013 Künstlerischer Leiter des Festivals Impulse.

Dieser Beitrag ist in der Theater Heute-Ausgabe vom November 2011 erschienen.