Stadttheater vs. Freies Theater - Ein Bericht über eine Diskussion

Kategorie: Das freie Theater - Die Alternative
Veröffentlicht am Dienstag, 17. April 2012 21:54

Auf dem Podium: Matthias von Hartz, Bernd Stegemann, Mieke Matzke, Wolfgang Schneider, Henning Fülle

„Wir wollen nicht über Geld reden!" ruft Moderator Henning Fülle zu Beginn der Diskussion aus. Denn das scheint immer wieder der Punkt zu sein, auf den Diskussionen zu diesem Thema hinauslaufen. Worüber also soll dann geredet werden? Über Produktionsweisen? Über Ästhetiken? Über Programmatiken? Da man in dieser Runde im Burgtheater auf dem Kulturcampus der Universität Hildesheim nicht Äpfel mit Birnen vergleichen möchte, begeben sich die Experten auf die Suche nach den unterschiedlichen Qualitäten dieser beiden Pole der professionellen Theaterarbeit und versuchen eine Grundlage zu schaffen, auf der über Modelle der Umstrukturierung und Zusammenarbeit von Freier Szene und Stadttheater, besonders im Rahmen kulturpolitischer Entscheidungen weitergeredet werden kann.

Themenzentrierung vs. Theatralität

Gerade die unterschiedlichen inhaltlichen Spezifika dieser beiden Pole haben jeweils ihre Existenzberechtigung, da wird sich die Diskussionsrunde schnell einig. Man will weder auf die ursächlich sinnliche Faszination theatraler Darstellungsformen, noch auf die theatrale Behandlung lebenswirklicher Themen verzichten. Es geht also nicht um ein „entweder – oder". Im Zentrum professioneller Theaterarbeit muss vielmehr eine zeitgenössische Kunstproduktion stehen, welche die Zuschauer dort anspricht wo sie sind, in ihrer Stadt. Auch darüber sind sich alle einig. Was es also braucht sind neue strukturelle Formen, in denen diese neuen ästhetischen Inhalte entstehen können und wo das „Knirschen im Gebälk" am geringsten ist, wie Matthias von Hartz es formuliert. Strukturen, in denen die Freie Szene diese Kunstproduktion, welche sie seit Jahrzehnten betreibt, im größeren Rahmen, zu ihren eigenen Bedingungen, aber mit den finanziellen, strukturellen und ideellen Möglichkeiten des Stadttheaters umsetzen kann.

Künstlerische Autonomie vs. Sozialer Rettungsschirm

Wie passen von Hartz' Aussage, dass es eine „Grandiose Fehlleistung des Stadttheaters(ist), dass es bis heute nicht möglich ist als Kollektiv am Stadttheater zu arbeiten.", mit Stegemanns Lob der permanenten Adaptionsfähigkeit des Systems Stadttheater an die sich verändernden gesellschaftlichen Konstellationen zusammen? Was will die Freie Szene denn vom Stadttheater? Geht es vielleicht doch schlicht und einfach um Geld?

Nicht die Ästhetik, sondern die Flexibilität sei der entscheidende Punkt, erklärt Mieke Matzke. In der Freien Szene stehen das eigene künstlerische Schaffen und das Konzept, ja die gesamte programmatische Marke in einer permanenten Evaluation, wodurch – viel mehr als durch einen bloßen Intendantenwechsel - eine große Produktivität entstehe. Sich aus der institutionellen Realität zu lösen, unabhängig von subventionierten Projekten, das sei die zeitgenössische Aufgabe der Stadttheater, ergänzt von Hartz.

Das eigentliche Theater vs. das andere Theater

Zuallererst müsse aber dieses Bild aus den Köpfen der Gesellschaft und der Entscheidungsträger verschwinden, welches die Folgerung implizit habe, dass man für ein Anrecht auf Subventionen "echtes" Theater machen müsse, erklärt Matzke. Gerade die Struktur und Programmatik der Förderprogramme wie sie die Bundeskulturstiftung immer wieder initiiert, gehe davon aus, dass eine Freie Gruppe einige Jahre arbeite, dazu Nachwuchsförderungen erhalte und wenn sie es dann „geschafft" hat ans Stadttheater geht. Dass dieses vermeintliche Ziel sich jedoch überhaupt nicht mit der Strukturen, welche die Freie Theaterszene sich über Jahrzehnte erarbeitet haben, vereinbar sei, sehe niemand, so Matzke. Und von Hartz bestätigt dies: „Die einen werden so bezahlt, dass sie in dieser Gesellschaft normal bezahlt werden und die anderen machen irgendeinen Spaß für den man so ein Spaßgeld bekommt."

Standortsensibilisierung vs. Globalisierung

Das Stadttheater müsse beginnen, das wachsende Desinteresse an der konventionellen Kunstform Theater als Zeichen zur Umstrukturierung zu sehen, postuliert Wolfgang Schneider. Wie kann es sein, dass rund 150 deutschen Stadttheater seit Jahrhunderten nach der exakt gleichen Struktur funktionieren, wenn sie doch die kulturellen Herzstücke völlig unterschiedlicher Städte, Menschen und Umstände sein sollen? Für eine zeitgenössische, relevante Kunstproduktion reiche es nicht, die ästhetischen Mittel einem aktuellen Trend anzupassen. Die Theater müssen sich die Frage stellen, welche Rolle sie in der Stadt und deren Theaterlandschaft spielen wollen, können und müssen, erklärt Schneider. Das Stellen und Beantworten dieser Fragen darf dabei nicht allein auf kulturpolitischer, sondern muss unbedingt auch auf institutioneller Ebene stattfinden, da sind sich Schneider und von Hartz einig. Denn sonst folgen statt Veränderungen nur Schließungen. „Wuppertal ist überall!" ruft Schneider drohend in den Raum und erklärt weiter: „Es wird keine strukturelle Reform stattfinden, weil das System in der Hand von wenigen ist, die auch über die politische Macht verfügen. und (...)die werden auf Nummer Sicher gehen und auch die nächsten Jahre Intendanten berufen, die das Spiel weiterspielen." Der Mut zum Risiko muss also von der künstlerischen Leitung ausgehen. Diese muss Platz schaffen für Produktionen und Projekte, die auf entdeckerische Qualität und nicht Spielplan füllende Quantität abzielen, fordert die Expertenrunde.

Peripherie vs. Zentrum

Der Randbereich der themenzentrierten Arbeit habe sich bereits vielerorts zum Kerngeschäft der Theater gewandelt, behauptet Stegemann. Wo aber bleibt das originär Künstlerische der Kunstform Theater, wenn im Mittelpunkt nicht mehr der Spieler, sondern ein theatrales Readymade und die thematische Relevanz stehen? Auch wenn die Zahl der themenorientierten, in die Stadt gehenden, Angebote an den Stadttheatern wachse, geschehe dies fast Ausschließlich im Bereich der Theaterpädagogik und nicht in der eigentlichen Theaterarbeit, erwidert Schneider. Anstatt dieses Arbeitsfeld weiterhin als peripheres Phänomen zu betrachten, sollten die Theater für dessen Weiterentwicklung, Stärkung und Akzeptanz in die Pflicht genommen werden. Schneider fordert außerdem die Kenntnisnahme der vielfältigen, in Profession und Qualität sehr differenzierten, deutschen Theaterlandschaft, welche neben diversen Formen von Amateurgruppen auch die kleinen Tanz- und Theaterhäuser und das Systems der Landesbühnen umfasst. Diese sollten nicht weiter nebeneinander existieren, sondern miteinander in Verbindung gebracht werden. Da die Landesbühnen auch das Theater in der Fläche berücksichtigen und nicht nur die Stadttheater als elitäre Hochburgen der Theaterkunst verteidigen, fordert Schneider ein System von fünfundzwanzig Landesbühnen, welche als Herberge der Freien Szene diese Form der Theaterkunst über die Stadtgrenzen hinaus verbreiten.

Meta-Theaterpädagogik vs. Spielpläne füllen

Förderprogramme wie der Heimspielfond, Wanderlust oder Doppelpass, betrachten jeweils nur ausgewählte Themenfelder und lassen in ihrer Kurzfristigkeit keine direkte, spontane Auseinandersetzung und Recherche zu den wirklich lokalen, relevanten Themen zu, erklärt das Podium. Bereits bestehende Arbeitsstrukturen und Kooperationen der geförderten Gruppen würden überhaupt nicht berücksichtigt, so Matzke. Die Vertreter der Freien Szene kreiden hier einstimmig die Bundeskulturstiftung an, Lobbyarbeit zu betreiben, da die Programme so konzipiert sind, dass die Freien Gruppen es überhaupt nur schaffen können große Fördermittel zu kriegen, wenn sie über die Stadttheater arbeiten. Schneider geht hier noch weiter und begründet diese Lobbyarbeit mit der Zusammensetzung des Beirats der Bundeskulturstiftung. Da sei es auch kein Wunder, dass die Mittel der ersten beiden Fonds ausschließlich an die Stadttheater gingen, obwohl doch deren Programmatiken „Standortsensibilisierung" und „internationale Vernetzung" eigentlich zu den originären Aufgaben des Stadttheaters gehören. Es könne nicht angehen, „(...)dass gewissermaßen interessante, schöne Dinge so mehr oder weniger zufällig passieren. (...)Theaterförderung muss an dieser Stelle auch an bestimmte Bedingungen geknüpft werden. Und das eben nicht nur über die Intendantenauswahl, sondern tatsächlich auch über einen bestimmten Auftrag", so Schneider.

Reformverweigerung vs. Zahn der Zeit

Einen klaren Feind, der den Innovationen des deutschen Theatersystems im Wege stehe und als Sündenbock angeklagt werden könne, gibt es allerdings nicht, erklärt von Hartz. „Der grundsätzliche Feind ist Reformverweigerung und Besitzstandwahrung." Diese seien in Person von „(...) Feuilleton, Bühnenverein, Kulturpolitik (und) feigen Intendanten, die nur ihre Freunde vorschieben" gleichermaßen vertreten. Von Hartz fordert daher eine grundsätzliche Umverteilung der Förderungsmittel und eine strukturelle Öffnung der Stadt- und Staatstheater, welche die Produktionsbedingungen der Freien Szene akzeptiere und ermögliche. Diese Reform müsse von innen heraus passieren, in dem einzelne Gruppen oder Künstler versuchen sich durchzukämpfen, nicht aus Konkurrenz durch große freie Institutionen wie das HAU oder Kampnagel. „Wir können nicht schlechte Arbeitsbedingungen in der Freien Szene verteidigen, weil wir wollen, dass die am Schauspielhaus jemand besser macht." Auch Matzke behauptet nicht, für sich und die Freie Szene, das Zukunftsmodell des deutschen Theaters gefunden zu haben. Sie plädiert vielmehr für eine Änderung der Bewertungen und ein gleichwertiges Nebeneinanderstellen dieser unterschiedlichen Modelle. „Institutionen überholen sich auch mal. Nur das Stadttheater anscheinend nicht.", resümiert von Hartz.

Letztlich redet das Podium doch wieder über Geld und Fülle resümiert, man komme zu der „Einigkeit, dass eine Form der Aktualisierung der künstlerischen Praxis nötig, damit das Stadt-und Staatstheater nicht dabei ist seine Legitimation durch Zuschauerzuspruch zu verlieren." In welcher Form diese Aktualisierung stattfinden muss und welche Rolle die Freie Szene, die Kulturpolitik und das Stadttheater selber dabei spielen werden, dazu liefert diese Expertenrunde vielfältige Ideen, jetzt ist es an den Machern, diese Vorschläge in die Tat umzusetzen.