„Wir springen auf keinen Migrationshype auf“ / Türkisch-Deutsches Theater lebt gesellschaftliches Zusammenleben

Kategorie: Das freie Theater - Die Alternative
Veröffentlicht am Dienstag, 01. Mai 2012 14:18
Geschrieben von Insa Lange

Für das Türkisch-Deutsche Theater in Hildesheim ist kulturelle Vielfalt normal. Seit über 20 Jahren spielt Neclâ Eberle-Erdógan im Türkisch-Deutschen Theater mit – neben ihrer Arbeit im Mehrgenerationenhaus Hildesheim. „In erster Linie ist Theater eine Möglichkeit für mich meine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Hier kann ich über meine Ansichten und Einstellungen in Bezug auf das Zusammenleben in der Gesellschaft nachdenken und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedensten Menschen finden", sagt die türkischstämmige Deutsche.

Das Türkisch-Deutsche Theater wird seit 1990 von Studierenden der Universität Hildesheim und Bürgern aus der Region Hildesheim geleitet. „Wir springen auf keinen Migrationshype auf", erklärt Isabel Schwenk, die mit Markus Wenzel seit 2011 das Theater leitet. Beide studieren an der Universität Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis sowie Szenische Künste.

Wie reagieren Theaterhäuser auf Zuwanderung und kulturelle Vielfalt? „Publikum, Produktionen und Personal müssen widerspiegeln, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Vorbild können freie Bühnen sein – wie zum Beispiel das Türkisch-Deutsch Theater", sagt Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und Autor von „Theater und Migration. Herausforderungen an Theaterpraxis und Kulturpolitik".

„Wir inszenieren das Vergessen und nähern uns unter anderem dem Türkei-Armenien-Konflikt an", kündigt Markus Wenzel die nächsten Inszenierungen am 21. April und 31. Mai an. „Vergessen ist eine akzeptierte kulturelle Praxis. Gerne werden die Gründe vergessen, warum Türken nach Deutschland migrieren. Im Theater wird Integration praktiziert und hinterfragt", so Wenzel.

Studie InterKulturBarometer

Wie beeinflussen Kunst und Kultur die Integration? Die Studie InterKulturBarometer hat erstmals in Deutschland verlässliche Zahlen über die kulturellen und künstlerischen Prozesse einer durch Migration beeinflussten Gesellschaft geliefert.

Prof. Dr. Susanne Keuchel, Direktorin des Zentrums für Kulturforschung und Honorarprofessorin der Universität Hildesheim, hat die Studie durchgeführt und legt damit eine empirische Grundlage für die kulturpolitische Analyse von Migrationsprozessen. Gefördert wurde das InterKulturBarometer vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Ländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Wissenschaftler des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und der Universität Erlangen-Nürnberg haben die Studie wissenschaftlich begleitet. 2.800 Menschen ab einem Alter von 14 Jahren mit und ohne Migrationshintergrund wurden befragt (Erste Ergebnisse der Studie).

Das Türkisch-Deutsche Theater in Hildesheim

Das Türkisch-Deutsche Theater wird seit 1990 von Studierenden der Universität Hildesheim und Bürgern aus der Region Hildesheim geleitet. Damals wollten sie einen Raum schaffen, um künstlerisch „über das Verhältnis von Einheimischen und Fremden" nachzudenken, indem sie die „Probleme und Möglichkeiten des Zusammenlebens" darstellten, so der Gründer und Regisseur Sebastian Nübling. Während in den Anfangsjahren Integration direkt auf der Bühne behandelt wurde, findet sie inzwischen ganz praktisch hinter der Bühne statt.

„Wir sind hier extrem gemischt: Männer, Frauen, Ältere, Jüngere, unterschiedliche Berufsgruppen und eben auch Herkunftsländer", sagt Pia Kröll. Die 21-jährige Studentin der Universität Hildesheim gehört zu den 20- bis 65-jährigen Schauspielern, die unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe mitbringen. „Aus der Freude am Theater spielen haben sich enge Freundschaften gebildet."

„Die Qualität des Türkisch-Deutschen Theaters liegt in der offenen Struktur und der Motivation der Spieler. Dadurch ist es möglich, dass sich das Theater jedes Jahr von selbst neu findet und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet, ohne sich in vorhandene Strukturen pressen zu müssen. Jeder der will kann dabei sein. Die bunte Mischung macht's", so Kulturwissenschaftsstudentin Schwenk.