Wie man das theatrale Rad neu erfindet

Kategorie: Das freie Theater - Die Alternative
Veröffentlicht am Dienstag, 12. Juni 2012 15:33
Geschrieben von Tabea Venrath

Abseits des großen Theatertreffens in Berlin ereignete sich in Hildesheim das Theater- und Performancefestival transeuropa2012. Da das Festival unter anderem Nachwuchsförderung zum Ziel hat, wurde im Festivalzentrum eine Podiumsdiskussion zu ebendiesem Thema veranstaltet. Die Debatte wurde von Professor Wolfgang Schneider moderiert. Vier aus dem deutschsprachigen Raum stammende Gäste unterschiedlicher Beschäftigungsbereiche waren geladen worden: Phillippe Bischof (Leiter Abteilung Kultur im Präsidialdepartement Basel-Stadt), Franziska Werner (Leitung Sophiensaele Berlin), Almut Wagner (Leitende Dramaturgin Schauspielhaus Düsseldorf) und Kristofer Gudmundsson, ein Mitglied des Hildesheimer Theaterkollektivs vorschlag:hammer.



Die Problematik: Stadttheater versus freie Szene
Gleich zu Beginn geht der Moderator auf den Fonds Doppelpass ein. Der Doppelpass, initiiert von der Kulturstiftung des Bundes, ist eine Förderung von Kooperationen zwischen freien Gruppen und festen Tanz- und Theaterhäusern. Die Förderung sieht ein zweijähriges Residenzprogramm vor. 17 Kooperationen werden ab der kommenden Spielzeit gefördert. Die Beteiligten einer dieser Kooperationen sind Gäste der Podiumsdiskussion: Almut Wagner und Kristofer Gudmundsson. Ab der kommenden Spielzeit wird das Theaterkollektiv vorschlag:hammer mit dem Schauspielhaus Düsseldorf zusammenarbeiten, dort neue Produktionen entwickeln und zeigen. Vor zwei Jahren, erklärt Almut Wagner, habe sie das erste Mal eine Produktion von vorschlag:hammer beim Körber Studio Junge Regie in Hamburg gesehen und sei seither begeistert von dem Kollektiv, sodass Ideen nach einer Zusammenarbeit entstanden seien, die mit dem Doppelpass nun möglich seien. Almut Wagner spricht davon, „das theatrale Rad neu zu erfinden" und beurteilt die Kooperation und das Residenzprogramm als sinnvoll, um die freie Szene und das Stadttheater einander näher zu bringen. Sie spricht von einer Chance für eine Umgestaltung und eine Erneuerung des Schauspielhauses, denn eine Gruppe wie vorschlag:hammer bringe neue und eigene Qualitäten nach Düsseldorf. Im besten Falle, so Professor Schneider, stelle der Fonds Doppelpass einen Synergie-Effekt für beide Gruppierungen dar, die sich ansonsten meist oppositionell gegenüber ständen.

Kristofer Gudmundsson spricht außerdem davon, dass die Mitglieder von vorschlag:hammer planen, durch Praktika Einblicke in die einzelnen künstlerischen Abteilungen des Schauspielhauses zu bekommen, um sich mit der Struktur der Institution und den Mitteln der Abteilungen vertraut zu machen. Es ginge darum, herauszufinden, wozu eine solche Institution im Stande sei. Nach dem zweijährigen Residenzprogramm werde sich sicherlich nicht alles ändern, aber der „Freigeist von außen" könne einen Anstoß für Veränderungen sein. Allerdings könne die Innovation nicht nur eine Frage für Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker sein, sondern betreffe letztlich die Theaterschaffenden, die aktiv daran arbeiten müssten.

Die Perspektive: „Wir haben einen langen Atem"
Nach diesem ausführlichen Blick auf die Zukunft einer neuartigen Theater-Symbiose, richtet der Moderator seine Fragen an Franziska Werner, die künstlerische Leitung der Sophiensaele in Berlin, einer Produktionsstätte für freies Theater. Als Initiator der Festivals „Freischwimmer" und „Tanztage", werde auch der Nachwuchs der freien Szene so bewusst gefördert. Berlin sei generell eine von der jungen Theaterszene durchsetzter Stadtraum, man könne fast überall Nachwuchs finden. Wichtig bei der Förderung junger Gruppen erklärt Werner, sei der Zeitfaktor: Man müsse sich ausreichend mit den Gruppen auseinandersetzen. Sie postuliert, dass auf den jungen Gruppen ein immenser Erfolgsdruck laste. Die jungen Gruppen sollten sich von möglichen Misserfolgen allerdings nicht hemmen lassen. Schnelle Erfolge, die Presse und Publikum favorisierten, seien in den Sophiensaelen nach hinten gestellt. Das Credo der sei stets, einen langen Atem zu bewahren und den Nachwuchs nicht fallen zu lassen, weshalb die Schritte in der Nachwuchsförderung langfristig und nachhaltig greifen müssten. Eine gute Kommunikation mit den Theatergruppen sei grundlegend. Auch die Kommunikation mit Presse und Publikum müsse man suchen, um Erwartungen und Missverständnisse dieser Menschen an die Produktionen junger Künstler zu glätten.

Phillippe Bischof, der sich in Basel mit der kulturpolitischen Perspektive auf Nachwuchsförderung beschäftigt, unterstreicht, dass Infrastrukturen bereitgestellt werden müssen, die entscheiden, wie gefördert werden soll. Infrastrukturen bestimmten letztlich, wie offen der Zugang von der freien Szene und des Nachwuchses in bestehende Stadttheaterstrukturen, sowie die in die Liga der Professionalität seien. Bischof merkt an, dass sich das Stadttheater auf jeden Fall mehr öffnen sollte. Außerdem beschreibt er einen paradoxen Vorgang als „seltsames Phänomen", wenn freie Gruppen, die ohne die Unterstützung eines Stadttheaters sehr erfolgreich wurden, später von diesen „eingekauft" wurden.

Almut Wagner beängstigt, dass junge Leute für den Theaterbetrieb direkt aus den Schulen abgeholt würden und dann der Druck sehr groß sei, im Markt zu bleiben. Es sei wichtig, dass man als junge Theatergruppe auch nur Projekte annehme, die einem wirklich am Herzen lägen und Professor Schneider beschreibt, dass Produktionen aus der freien Szene dem Stadttheater oft additiv angehangen würden, stattdessen integrativ ins Stadttheater integriert werden würden.

Ein anderes Thema in der Diskussion war der Wunsch nach Augenhöhe: Beginnend bei der Frage, ob Mitglieder freier Theatergruppen genau so professionell sein könnten, wie ausgebildete Schauspieler und gipfelnd in der finanziellen Problematik. Frau Werner postuliert, dass das Hauptproblem in der Unterscheidung von der freien Szene und dem Stadttheater darin bestehe, dass die finanzielle Ausstattung für ersteres deutlich niedriger sei. Außerdem dürfe das Stadttheater die freie Szene nicht missbrauchen, als Nachwuchskatalysator herzuhalten.

Das Publikum: Der große Traum ist die Durchmischung
Ein ganz anderer Punkt, der in der Nachwuchsförderung aber auch nicht zu vernachlässigen wäre, sei das Publikum. Kristofer Gudmundsson stellt die Frage in den Raum, was ein Publikum des Stadttheaters mit dem Durchschnittsalter von 60 plus von den Produktionen von vorschlag:hammer halten möge und wie die Reaktionen aussehen könnten. Man könne durch Nachgespräche Kontakt zum Publikum herstellen und die Angst vor neuen ästhetischen Formaten so mindern, indem man Verständnis füreinander aufbringe. Werner sieht das ähnlich und thematisiert die oft fehlende Seherfahrung des Publikums und die Schwierigkeit ein Publikum an eine Theatergruppe heranzuführen und kontinuierlich zu binden.

Wagner kommentiert, dass sich durch vorschlag:hammer die Zusammensetzung des (Abonnement-)Publikums sicher nicht gravierend ändere. Herr Bischof spricht aus Erfahrung, dass die Zusammensetzung des Publikums extrem abhängig davon sei, welche Veranstaltungen vom Stadttheater angeboten würden. Er wünsche sich für die Zukunft ein mehr durchmischtes Publikum.

Der Moderator schließt diese Diskussion mit dem Ausblick, dass der Nachwuchs ja auch von einem Publikum angenommen werden müsse, deshalb Interventionen Richtung Publikum einen wichtigen Schritt darstellten.

Der Schweizer Kulturpolitiker fasst noch einmal die kulturpolitische Sicht auf die Nachwuchsförderung zusammen: Produktionsmittel sollen besser ausgestattet werden, auch wenn solche Budget-Schritte an Grenze zur Utopie stünden. Wenn die Etats aber nicht erhöht werden könnten, um Produktionsmittel besser ausstatten zu können, sollten allerdings neue Systeme zur Förderung gefunden werden, um tendenziell prekäre Arbeitssituationen bei den Nachwuchskünstlern zu vermeiden! Insbesondere gut über ihren Förder-Gegenstand informierte Förderungsgremien seien für die Instruktion von kulturpolitischer Infrastruktur essentiell. Nachhaltigkeit sei ein permanentes Ziel und die Entwicklungskette von Förderungen müsse deshalb gut geplant werden und dem Nachwuchs mit sinnvollen aufeinander aufbauenden Schritten helfen. Junge Gruppen dürften keinesfalls von ihren Förderern einfach fallengelassen werden. Er kritisiert die Kurzlebigkeit einiger Förderprogramme, insbesondere die von Stiftungen, die zum Risiko für junge Theatergruppen werden könnten, wenn diese Fördersummen plötzlich aussetzten.

Das Credo: Kommunikation ist alles
Mit einem erneuten Blick nach Düsseldorf, fragt Professor Schneider nach der Konkurrenz zwischen dem Forum Freies Theater (FFT) und dem Schauspielhaus. Wagner betrachtet beide Institutionen als Gewinn für die Stadt. Wenn die Theaterszene lebendig sei, könnten viele Theaterangebote als durchaus positiv angesehen werden und könnten ein Qualitätsmerkmal für die Stadt darstellen. Die Institutionen näherten sich an, für gewisse Veranstaltungen müssten punktuell Verabredungen mit der anderen Institution getroffen werden, damit diese nicht zur Konkurrenzveranstaltung würden. Wagner, die selbst über die Arbeit an Festivals zum Theater gekommen ist, betrachtet Festivals als ideale Instrumente, die dem Nachwuchs neue Perspektiven geben können. Sie sieht in den Formaten ein großes Potenzial, auch wenn sie etwaige Kritikpunkte verstehen könne. Festivals würden außerdem neue Zusammensetzungen von Publikum und Presse begünstigen. Die zentrale Frage aller Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler sei allerdings: Was kommt nach dem Festival?