transeuropa, ein Festival forscht. Das Bankett als Begegnungs-Raum für Theater-Machende

Theaterfestivals bringen temporäre Gemeinschaften hervor, die sich nicht nur im gemeinsamen Erleben eines oft dichtgedrängten Aufführungsprogramms realisieren, sondern auch und vor allem in den Zeiten zwischen dem eigentlichen Theater: auf dem Weg zur nächsten Spielstätte, beim Essen und Trinken im Festivalcafé oder während abendlicher Konzerte und Partys. Das Initiieren sowie Inszenieren solcher zeitlicher wie örtlicher Begegnungs-Räume liegt in der Hand der Festivalmachenden.

Die Kuration von transeuropa2012, dem studentischen Theater- und Performancefestival an der Universität Hildesheim, versuchte solche Begegnungs-Räume zu schaffen und zugleich innerhalb einer ästhetischen Praxis der Festivalforschung zu untersuchen und zu reflektieren. Am 16. Mai lud transeuropa2012 zum >>Bankett für Festivalforschung und diskutierte mit mehr als sechzig Teilnehmenden, darunter Kurator_innen, Dramatug_innen und junge Festivalmacher_innen, über gemeinschaftsstiftende Festival-Formate und kuratorische Strategien.


Mittwoch, 16. Mai. Ein Nebeneingang, abseits vom Festivalzentrum. Ein großes, helles Loft, weiß getüncht, nachdem man fünf Stockwerke hoch gestiegen ist. Die Teilnehmenden werden mit Aperitif empfangen und nehmen an acht sternförmig aufgestellten Tischen Platz. Zur Begrüßung stellt Hannah Pfurtscheller, künstlerische Leitung von transeuropa2012, den Ansatz der diesjährigen Festivalausgabe vor: unter dem Motto „get involved!" erforscht transeuropa2012 das Entstehen temporärer Festival-Gemeinschaften sowohl in den eingeladenen Produktionen und den Residenzprogrammen >>schlaraffen, >>home run, >>living room und >>partnership als auch in den einzelnen Formaten der Gesamtprogrammierung.

Auch das >>Bankett für Festivalforschung stellte ein solches Format dar und ermöglichte den Austausch über Festivals und ihre gemeinschaftsstiftenden Formate nicht im Rahmen eines Symposiums, das als wissenschaftlicher Diskursort spezifisches Wissen hervorbringt. Vielmehr steht der kommunikative Austausch beim gemeinsamen Essen sowie die produktiven Pausengespräche (ebensolcher Symposien) Pate für das Bankett-Format.

Als inhaltliche Garnierung und Beilage zum ersten Gang mit Suppe und Brot sprechen Franziska Werner und Mark Thomann von den Sophiensælen Berlin über das von ihnen im Sommer 2011 kuratierte Festival Berlin del Mar. Inspiriert von J.G. Ballards Roman Cocaine Nights gestalteten sie ein Ferienresort in Berlin Mitte: Festivalraum und –architektur werden zum Ferienclub, Künstler(gruppen) erarbeiten thematische Performances und „Reiseprospekte" laden die Festivalbesucher_innen in ein Festival-Setting, das sie als Feriengäste erleben.

Haiko Pfost (brut Wien) und Anne Schulz (Berliner Festspiele) entwerfen im Anschluss andere Gemeinschaften: Ihre für das Festival steirischer Herbst 2006 entwickelte Campshow Steiermark schickte Künstler_innen mit Camping-Caravans in die Steiermark. Dabei spannte sich ein Netz der befahrenen Routen über den peripheren Raum um Graz und verband den ländlichen Raum mit dem Festival.

Das Kunstcamp MS Dockville (kuratiert und vorgestellt von Dorothee Halbrock und Laura Raber) lädt Künstler_innen verschiedener Disziplinen im Vorfeld des Festivals ein gemeinsam den Festivalraum zu entwerfen und umzusetzten. Dabei stand 2011 die Frage nach einer gemeinschaftsstiftenden Architektur im Mittelpunkt der Konzeption.

Neben inhaltlicher Impulse in Form von Redebeiträgen, in denen Kurator_innen ihre Festivals unter gemeinschaftsstiftenden Aspekten vorstellten, verstand sich das >>Bankett für Festivalforschung auch als ein forschendes Format: unter welchen Umständen kommen Menschen ins Gespräch, wie lässt sich Begegnung und Austausch kuratieren?

Zwischengang. In Gruppen bis zu vier Personen machen sich die Teilnehmenden auf zu einem geführten Spaziergang durch Hildesheim. Mit Picknicktasche und –decke ausstaffiert, geht es auf verschiedenen Routen durch die Stadt. Die Bankettgäste werden in den unterschiedlichen Gruppen an einzelne Stationen geleitet, an denen sich kleine versteckte Botschaften als Gesprächsimpulse finden. Diese „Fußnoten" für den Austausch über die Kuration von Gemeinschaft stammen aus einem Text der Kulturwissenschaftlerin Gesa Ziemer, die ein Modell der Kuratorenschaft als Komplizenschaft vorstellt: in temporären Gruppen agierend, handeln Kurator_innen bei ihrer schöpferischen Tätigkeit oft in komplizitären Verflechtungen.

Der Spaziergang ermöglicht ein Gespräch in kleinen Gruppen und führt die Gäste als Kompliz_innen durch die Stadt.

Als Format hat das >>Bankett nicht nur einen Ort für den Austausch über gemeinschaftsstiftende Festivalstrategien geschaffen, sondern diese Strategien gleichzeitig erprobt und einen eigenen Begegnungs-Raum innerhalb des Festivals transeuropa2012 erschaffen. Kuratieren ist auch die Initiierung und Organisation von Öffentlichkeiten, das Schaffen bestimmter zeitlicher und örtlicher Räume des Austausches. Die Gestaltung eines solchen Raumes ist eine sowohl szenografische als auch inszenatorische und dramaturgische Aufgabe.

Rückkehr. Im Loft erwartet die Teilnehmenden ein virtuoses Violinentrio, das Vivaldi spielt. Die Tische sind zu einer langen Tafel umgebaut, die Tischdecke ist mit Texten vom >>Blog für Festivalforschung bedruckt, die Gäste nehmen Platz zum abendlichen Menü. Das Glas wird erhoben für Trinksprüche à la „meine Zutaten für meine persönlichen kuratorischen Strategien". Doch bald geht die Diskussion im Plenum über in Gesprächsrunden mit den Tischnachbarn, die Gespräche intensivieren sich im kleinen Rahmen. Die Gäste bleiben sitzen, der Abend klingt aus, man sieht sich wieder bei der Performanceparty >>schlaraffen.

Das Initiieren von Gemeinschaft, Begegnung und Austausch ist auch ein Fragen nach Setzungen und Entscheidungen. Wie viel Impuls geben wir als Initiierende, wie stark inszenieren wir das Gespräch und wie viel Freiraum lassen wir? Kuration braucht in diesem Fall die dramaturgische Simulation im Vorfeld und ist dann vor allem auch eines, wie eine Teilnehmerin anmerkt: Gastgeben. Ein >>Bankett für Festivalforschung bringt das auch im Format auf den Punkt. Und als forschendes Format können wir festhalten: Gemeinschaft stiften Begegnungs-Räume als Orte des Austausches.