„Der Freiheit zuliebe“ Über das Politische in den Darstellenden Künsten

 

 

Es ist nicht glaubwürdig, wenn wir einerseits vorgeben, politisch arbeiten zu wollen und soziale Missstände in anderen Arbeitsbereichen kritisieren, während wir selbst in neoliberalen Mustern agieren.“ (Bundesverband Freier Theater) Eine von zehn Arbeitsthesen widmet sich dem politischen Anspruch der im BuFT organisierten freien Theater. Sie diente als Einstieg in den Diskurs zur Veranstaltungsreihe „next.generation“, am 15. November 2014 während des 9. Festivals Politik im Freien Theater in Freiburg auf dem Fachforum „Der Freiheit zuliebe.“ Zwei Podien und ein Speeddating mit Künstlern des Festivals widmeten sich der Leitfrage „was das politische in den künstlerischen Arbeiten der freien Darstellenden Künste ausmachen könnte?“ Die Beiträge näherten sich aus der theoretischen, historischen und praktischen Perspektive dem Gegenstand.

 

 

Es sind nicht die politischen Inhalte, die dieses Theater politisch machen.“, sagt Nikolaus Müller-Schöll von der Universität Frankfurt am Main bereits im ersten Podiumsgespräch „Das Politische in Anfängen und Gegenwart der freien Darstellenden Künste“. Auch wenn dies später noch relativiert wird, stimmt es mit der Ansicht des Dramaturgen Henning Fülle überein, dass ein Theater, das nur politische Themen und Meinungen aufzeigt, heute nicht viel mehr, als „ein Predigen zu den Bekehrten“ ist. Politische Bildung auf der Bühne ist nicht mehr Ziel, Kern und Aufgabe des freien Theaters. Genauso muss das freie Theater Heute nicht mehr Politik machen, um für seine Anerkennung zu kämpfen - es ist längst selbst institutionalisiert. Das Politische zeigt sich vielmehr darin, auszuhandeln wo man selbst als Szene steht. Viele der eingeladenen Produktionen des Festivals erreichen Relevanz durch die Vermischung von Kunst und Aktivismus. „Esso Häuser Echo – Ein Nachruf“ von Sylvi Kretzschmar beschäftigt sich mit der Räumung der Esso Häuser in Hamburg St. Pauli. Der auftretende Megaphonchor besteht aus Betroffenen und Kretzschmar selbst entstammt der Protestbewegung gegen die Räumung. Moderator Jan Deck problematisiert in diesem Zusammenhang, dass es schwierig sei, eine Balance zwischen Authentizität und künstlerischer Umsetzung zu finden: „Das Interessante ist, den Widerspruch zwischen Aktivismus und Theater nicht zu lösen.“

 

 

 

Margarita Tsomou, die auf dem zweiten Podium des Fachforums, „Politisch(es) Theater Machen zwischen Agitation und Intervention – freie Darstellende Künste und politische Bewegungen“ von der „Konferenz Fantasies That Matter“ erzählt, die in Zusammenarbeit mit Kampnagel in Hamburg entstanden ist, findet die Politik ebenfalls nicht unbedingt im Thema, aber durchaus in der Wahl der Stoffe und im Umgang mit der Institution Theater: „Jeder Alltagsgegenstand kann ein politisches Thema sein.“ Projekte erzeugen, gerade wenn etablierte Theaterhäuser als Produzenten auftreten, Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, worüber man sich als Darstellender Künstler bewusst sein muss. Tsomou berichtet auch von einer kleinen „Freiheitsbeschaffungsmaßnahme“, in der sie auf eigene Kosten Sexarbeiterinnen einlud, ohne dies mit der künstlerischen Leitung von Kampnagel abgesprochen zu haben. Die Aktion bringe der Veranstaltung nicht nur Wahrhaftigkeit, nehme auch dem Publikum das Gefühl Teil einer von der Institution kalkulierten Provokation zu sein.

 

 

Freiräume werden in erster Linie erkämpft, sie sind nicht selbstverständlicher Teil der Kulturlandschaft und es gilt die permanente Rebellion als selbst-destruktives Verhaltensmuster zu pflegen. Muss die freie Szene deshalb der Freiheit zuliebe auf ihre Institutionalisierung verzichten? Eindeutig konnte diese Frage nicht geklärt werden. Fraglich ist, ob sie überhaupt beantwortet werden kann.