Über einen neuen Trend - Theater ohne Bühne

Viele Künstler der Freien Szene kehren in den letzten Jahren der Bühne den Rücken. Sie bevorzugen die Inszenierung in theaterfernen Umgebungen und dehnen anscheinend die Aufführung über den Kunstraum hinaus. Aber ändert sich dadurch wirklich das Verhältnis zwischen Zuschauer, Darsteller und Welt? Verschwindet die Institution Theater, wenn sie sich unsichtbar macht?

Die Bühne ist der „natürliche Ort“ des Theaters. In der Versammlung von Künstlern und Zuschauern an einem verabredeten Ort und zu einer bestimmten Zeit liegt der kommunikative Kern der Darstellenden Kunst. So war es vor allem auch im bürgerlichen Verständnis verankert. Mit dem Festspiel-Gedanken gewann im späten 19. Jahrhundert die Idee des Feierlichen und Enthobenen der theatralen Zusammenkunft noch mehr Gewicht. Die Bühne sollte etwas radikal Anderes sein als der Alltag. Inbegriff dieses Verlangens ist bis heute Bayreuth, wo Richard Wagners Parsifal 1882 als „Bühnenweihfestspiel“ uraufgeführt wurde.


Mit den Avantgarden aber wurde der hehre Begriff der Theaterbühne erschüttert. Das Leben selbst wurde die bessere Bühne, man wollte kein Theater mehr, das „dem Bürger die Verdauung regelt“, wie Bertolt Brecht abschätzig meinte. Wenn Theaterkunst – wie alle andere Kunst auch – vor allem eine Lebensäußerung ist, dann durfte die Bühne kein Tempel mehr sein, sondern hatte sich dem Wirklichen zuzuwenden. Das schönste – und nicht weniger legendäre – Gegenbeispiel zum Grünen Hügel von Bayreuth waren zweifellos die Bauhausfeste, zuerst in Weimar, später dann in Dessau. Kunst, Spaß, Ironie und Modernität gingen hier eine bunte Aufführungs-Allianz ein.


Wirklichkeit statt Theater
Wenn heute kaum ein Festival mehr ohne sogenannte „ortsspezifische“ Kunstprojekte auskommt, wenn nicht-professionelle Akteure in szenischen Arrangements Einblicke in ihre Lebenswirklichkeit geben, dann ist das also gar nicht so neu. Heute könnte man sagen: Das Theater als Kunstort hat ausgedient, es lebe die Wirklichkeit als Ort von authentischer Inszenierung. Gruppen wie Rimini Protokoll, She She Pop oder Dorky Park haben vorgemacht, wie man das Theater mit der Realität des Sozialen impfen kann, um ihm neuen Schwung zu verleihen.


Dabei muss „das Institutionelle“ nicht notwendig das Gebäude meinen. Oft ist es eher die kuratorische und finanzielle Unterstützung. Matthias Lilienthal etwa, von 2003 bis 2012 Intendant des Berliner HAU Hebbel am Ufer, ersann 2002 mit dem Projekt x Wohnungen ein mittlerweile viel nachgeahmtes Ausschwärmen von Kunst in die Inszenierungen von Alltag. In Privaträumen zeigen beteiligte Künstler arrangierte Wirklichkeiten, denen der Kunstinteressierte als zahlender Gast beiwohnen darf. Oder die Theatergruppe Rimini Protokoll mit ihren Muezzin, Lastwagenfahrern und Wirtschaftsflüchtlingen, die per Radio, Internet, gelegentlich auch live die Kulturöffentlichkeit ansprechen.


Längst ist der öffentliche Raum, von Urbanisten ohnehin bereits kuratorisch belegt, auch zum theatralen Raum geadelt – nicht nur in Berlin, dessen urbanes Selbstverständnis verliebt ist in die Vorstellung, jede Straßenkreuzung, jedes Abbruchhaus, Fabriketagen, Kellerräume und Brachflächen seien die natürlichen Biotope für Kreative aller Art. Und wiederum war es Matthias Lilienthal, der 2012 ein wanderlustiges Publikum 24 Stunden lang durch die absonderlichsten Stätten der Berliner Stadtlandschaft schickte auf der Suche nach Unendlichem Spaß, einer Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman von David Foster Wallace.

Rettet den Elfenbeinturm
Doch erheben sich auch kritische Stimmen angesichts dieser Haltung, das Leben hemmungslos zur Quelle des Authentischen für mehr oder weniger extravagante Kunstprojekte zu machen. Die britische Kunstwissenschaftlerin Claire Bishop prägte dafür den Begriff der „ausgelagerten Performance“ (delegated performance), mit dem insbesondere namhafte Künstler und Kollektive das Authentische „aus zweiter Hand“ durch den Einsatz von Laien bedienten. Denn es geht dabei nicht nur um Fragen der Ästhetik, sondern oft auch um Fragen des Geldes: Laiendarsteller arbeiten gern auch umsonst und helfen somit dabei, Produktionsbudgets zu entlasten.


Ohnehin ist in solchen Ausbruchsbewegungen aus dem viel geschmähten Elfenbeinturm der Kunst und des Theaters auch eine Portion Sozialromantik enthalten. Andere Akteure, deren Kunstort unfreiwillig jahre-, bisweilen jahrzehntelang die Straße war, drängen sich in eben die Festungen der Hochkultur, die sich so sehr um Lebensnähe bemühen. Ein Beispiel sind die urbanen Tanzformen wie etwa der Hiphop, der nicht nur in Frankreich die eigene Aufwertung in der Übernahme von Kulturinstitutionen sucht. Derzeit sind mehrere nationale choreografische Zentren Leitern anvertraut, die aus dieser Stilrichtung kommen.

Zu den eigentlich untheatralen Orten zählen auch die Museen. Hier hat der Tanz mehr als das Theater einen Raum für sich erobert, allen voran Boris Charmatz oder Xavier Le Roy. Ob das Theater sich aber von seinem „natürlichen Ort“, der Bühne nämlich, tatsächlich lossagen kann und ob es das wirklich dauerhaft will, darf bezweifelt werden. Denn gleich wie man die Bühne auch nennt und ausgestaltet: Als Ort der Aufführung bleibt sie der Ausgangspunkt künstlerischer Begegnung – mag sie auch noch so unsichtbar, alltäglich oder provokant aufgeschlagen sein.

 

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August 2015