„Überall ein bisschen zu Hause“ - Gespräche zum interkulturellen Potenzial des Theaters

Nathalie Bloch widmet sich in ihrem dichten Interviewband „Internationales Theater und Inter-Kulturen. Theatermacher sprechen über ihre Arbeit“ dem großen Spannungsfeld interkultureller Theaterarbeit und zeigt, dass „niemand seine Identität verliert, wenn er sich dem Anderen öffnet“ (aus dem Gespräch mit Frie Leysen)

Ensembles auf Tournee, interkulturelle Festivals und ganz aktuelle Diskurse zum Flüchtlingstheater – in völlig verschiedenen Kontexten wächst Theater über die Aspekte der darstellenden Künste hinaus und bewegt sich in politischen Dimensionen. Zudem ist nicht nur beim Publikum das internationale Potenzial des Theaters zunehmend präsent: Auch die Kulturpolitik der EU wendet sich immer mehr transnationalen Projekten zu.
Genau mit dieser gesellschaftlichen Relevanz der interkulturellen Theaterarbeit beschäftigt sich die freie Theaterkritikerin Nathalie Bloch in ihrem Buch, das im Rahmen des geförderten Forschungsprojekts „Prozesse der Internationalisierung im Theater der Gegenwart“ 2014 veröffentlicht wurde.
Regisseur_innen, Intendant_innen, Autor_innen und Schauspieler_innen aus dem Dreiländereck Deutschland, Luxemburg und Belgien geben auf 184 Seiten Einblicke in ihre Arbeitsweise, internationale Inszenierungen und ihren Umgang mit dem kulturell „Anderen“.
Bereits die Struktur weist auf den großen Bogen hin, den das Buch zu spannen vermag. Jedem Kapitel ist so ein Zitat aus dem folgenden Interview vorangestellt, gefolgt von einer knappen Zusammenfassung, welche die Leser_innen mitunter mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert. Wer hätte gedacht, wie theaterpolitisch die A40 im Ruhrgebiet (Interview mit Johan Simons) oder das Parkhaus in Esch (Interview mit Charles Muller) sein könnten?
Was Franziska Schößler im Vorwort den „stereoskopischen Blick“ nennt, findet in diversen Interviews immer wieder unter verschiedenen Gesichtspunkten Erwähnung. Der Blick Anderer auf unsere Kultur könne so viel essenzieller sein als der europäische Blick, betont so beispielsweise Roberto Ciulli, seit Jahrzehnten künstlerischer Leiter des Theater an der Ruhr.
Doch wenn Nurkan Epulat vom Theater als dem „Ort des 20 Jahre nach vorne Schauens“ spricht, Frie Leysen über die Transplantation einer Inszenierung von einem Land in ein anderes oder der luxemburgische Intendant Frank Hoffmann von dem Gefühl, überall fremd und gleichzeitig ein bisschen zu Hause zu sein – ja, dann bekommt man einen Eindruck davon, wie unsagbar vielfältig die Kompetenzen von Theatermacher_innen stellenweise sein müssen. Vor allem aber auch, wie wichtig – und für die Theaterpolitik unabdingbar! – Menschen sind, die sich interkulturell engagieren.
Genauso, wie die Autorin Antworten gibt, wirft sie inhaltlich wiederum auch neue Fragen auf. Müssen Stücke in die Muttersprache übersetzt werden, um verstanden zu werden? (Wie) können Institutionen wie das Stadttheater mit der gegenwärtigen Situation umgehen? Ist die Einführung einer Quote für Menschen mit Migrationshintergrund in der Theaterarbeit längst überfällig oder grundlegend unsinnig? Kann – und soll? – Theater fürwahr „wie Fußball“ sein?
Tatsächlich zeigen die teilweise sehr divergenten Antworten der Theatermacher_innen keinesfalls eine einzig richtige Lösung auf, vielmehr offenbaren sie ganz unterschiedliche Möglichkeiten, geben eher Anregungen und Vorschläge und laden die Leser_innen auch nach der Lektüre noch zum Nachdenken ein. Stück für Stück lässt so jedes Interview ein Bild entstehen, das Leser_innen einen Einblick davon gibt, wie Theaterarbeit heutzutage mit Mehrsprachigkeit, Globalisierung und Interkulturalität umgeht.
Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der offene Fragenkatalog, den die Autorin individuell auf Biographie und Gesprächsverlauf jeweils gekonnt anpasst. Dennoch bleibt die eventuelle Befürchtung, dass dadurch ein recht diffuses und kaum vereinbares Bild entstehen könnte, absolut unbegründet. Zwar variiert die Länge der Interviews, doch kein Gespräch verliert sich in Details.
Dabei brilliert Bloch nicht nur durch einen unverblümten Umgangston und beherzte Zwischenfragen, ihre Kommentare bringen den Gegenstand des Gesprächs stets präzise formuliert auf den Punkt oder lenken die Aufmerksamkeit auf weitere, bislang nicht beleuchtete Aspekte.
Im diesem großen Themenbereich treffen sich doch alle Theatermacher_innen – teilweise in deutlichen Worten, manchmal zwischen den Zeilen – in einem der wichtigsten Punkte: Das interkulturelle Potenzial des Theaters ist immens.
Dieses Bild lässt sich ebenso gültig auf die Gesellschaft transportieren: In Deutschland zeugen sowohl Institutionen wie auch die freie Kunst von einem deutlichen Interesse an herkunftsübergreifenden Projekten. Denn letztendlich ist, wie Frank Hoffmann es im Interviewband treffend zusammenfasst, das Wertvolle unserer Kultur „ja gerade die Vielfalt, und wir sollten das nicht verwischen“.

Bloch, Natalie: Internationales Theater und Inter-Kulturen.
Theatermacher sprechen über ihre Arbeit
2014, 184 Seiten, 10 Abb., Broschur
ISBN 978-3-86525-378-1
Preis: 16,80 €