Im Spiele ertragen sie sie noch: Von der (Un-)Möglichkeit auf der Bühne Politik und im Gerichtssaal Theater zu machen

Was tun, wenn der Schrecken der Realität uns blendet? Wenn Politik sich in ihrer Undurchsichtigkeit suhlt und der Bürger nicht mehr weiß, auf welcher Seite er denn jetzt stehen soll, welche die Richtige ist, und ob es überhaupt noch Seiten gibt. Dann brauchen wir jemanden, der uns einen Spiegel vorhält, der die halbdunklen Seiten, die grau schraffierten Schatten unserer Zivilgesellschaft erleuchtet und das Nachdenken wieder aktiviert. Das Nachdenken was da wo und wie gerade schief gelaufen ist.  Das International Institute of Political Murder (IIPM) Milo Raus versucht dies seit 2007 mit Theaterperformances, Aktionen, Filmen und Büchern. Im Spiel werden die Grundsätze der Realität thematisiert. Denn, das schrieb schon Schiller in seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“: „Im Spiele ertragen sie sie noch“.

 

“Das Theater des Schweizers Rau ist streng – auch mit sich selbst –, ernst und dezidiert unspektakulär. Man muss es streckenweise schlicht aushalten, was auch an den dunklen Themen liegt. Die hochkonzentrierte Stille im Publikum gibt ihm für diesmal Recht.” (Nachtkritik.de über „Das Kongo-Tribunal“). Sehr implizit ist die Moralkeule, die das IIPM schwingt.  Hier steht kein (inter)national bekannter Schauspieler auf einer von Blut und Schlagzeilen triefenden Bühne und schreit Anschuldigungen in den Raum, sondern „Experten“, Betroffene, Dabeigewesene. Die Arbeit des IIPM ist schlicht, heruntergebrochen und zeigt im Grunde nur das, was wir auch so schon einmal hätten sehen oder mitverfolgen können.

Gerichtsprozesse, undurchsichtig in ihren Begründungen, durchsichtig in den Urteilen

Oft sind es Gerichtsprozesse, die Milo Raus Aufmerksamkeit erwecken. Solche, die in der Realität nicht so abgelaufen sind, wie Recht und Verfassung es erfordern. Schauprozesse, wie der Prozess, den Russland gegen die Punk-Aktivistinnen von Pussy Riot führte, undurchsichtig in ihren Begründungen, durchsichtig in den Urteilen, wird er wieder aufgerollt. Wird mit dem einzigen freigesprochenen Mitglied,  Jekaterina Samuzewitsch, inszeniert und in Anspielung auf Lenins Schauprozesse der 1930er Jahre „Moskauer Prozesse“ genannt. Oder das Reenactment des Prozesses gegen den zum Tode verurteilten rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu, aber auch „Hate Radio“, die Inszenierung einer Rundfunksendung, basierend auf dem Radiosender RTLM, der mit seiner Stimmungsmache maßgeblich zum Völkermord in Ruanda beigetragen hat.

Theater als Verhandlungsort der Realität

Und nun „Das Kongo-Tribunal“, im Sommer letzten Jahres auch in den Sophiensälen in Berlin zu Gast und im kommenden Jahr in den Kinos. Wie politisch können solche Inszenierungen sein, die, so Milo Rau selbst, trotz genauer Arbeit mit Dokumenten nicht den Anspruch eines Dokumentartheaters stellen? Sehr. Das wird deutlich,  wenn eine Aufführung der „Moskauer Prozesse“ im Sacharow-Zentrum in Moskau von der russischen Polizei unterbrochen und dem Theatermacher zukünftig die Einreise nach Russland versagt wird. Und das, obwohl er nichts anderes machte, als einen in diesem Land stattgefundenen Prozess noch einmal zu verhandeln. Rein fiktiv natürlich, ohne rechtliche Grundlage und Konsequenzen. Justiztheater sozusagen. Ein zweites, denn was den Originalen vorgeworfen wird, ist, eben das zu sein: Theater, nicht Gericht. Und diese Aussage ist sehr politisch. Das Theater wird zum Verhandlungsort der Realität.

Kunst – ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit

Aktuell wird wieder verhandelt auf den Bühnen des IIPM. 2014 im Ost-Kongo selbst und zuletzt in den Berlin Hearings des „Kongo-Tribunals“. Der Verhandlungsgegenstand: Gründe und Hintergründe des schon lange andauernden Krieges in der ehemaligen Kolonie. Es ist kein Reenactment, sondern ein fiktionaler Prozess, der schon längst in der Realität hätte geführt werden sollen. In diesem Rahmen haben Menschenrechtler, international agierende Anwälte, Soziologen, Globalisierungskritiker und Politiker 15 Stunden lang die Verantwortlichkeit von EU, UNO, NGOs, Banken und großen Firmen verhandelt.
Am Ende steht neben der Beurteilung der am Anfang zur Diskussion gestellten Fragen auch die Forderung nach einem internationalen Gerichtshof für Wirtschaftsverbrechen. Die Verhandlungsteilnehmer erkennen, dass das, was hier unter dem Deckmantel des Theaters, der Kunst, stattgefunden hat, ein erster Schritt in Richtung echter Gerechtigkeit sein könne. Es dürfe nicht zu Ende sein, hier. Es müsse weitergehen, so Jean-Louis Gilissen, Vorsitzender des Tribunals. Was auch durch eine Schlussfolgerung klarer wird, auf die sich alle einigen können: Es ist kompliziert.


Über hundert Journalisten aus aller Welt waren angereist, nach Berlin und in den Ost-Kongo, um an diesem fiktionalen Prozess teilzunehmen, dem „größenwahnsinnigsten Kunstprojekt unserer Zeit“ (Radio France International). “Zum ersten Mal in der Geschichte wird hier die Frage nach der Verantwortung für Verbrechen gestellt.”, freute sich die Taz, in der Zeit schrieb man sogar: “Wo die Politik versagt, hilft nur die Kunst.” Und auch Dirk Pilz schließt in der Frankfurter Rundschau: „Das ist die Wirkung, die dieses Theater erzielt: Die Fiktion schürt das Verlangen nach Realität, das gespielte Gericht zielt auf wahre Gerechtigkeit.“


Milo Rau bekam 2015 den 1. Konstanzer Konzilspreis für Europäische Begegnung und Dialog der Stadt Konstanz verliehen, für besonderen Einsatz für ein Europa der Begegnung und einen substantiellen Beitrag zur Zukunftsdiskussion. Die Laudatio Adolf Muschgs ist lesenswert. Es ist kein Theaterpreis, den sich Rau jetzt ins Regal stellen kann, es ist ein Preis, der von einer Stadt ausgelobt wurde. Ja, Theater kann Politik sein.

http://www.the-congo-tribunal.com/