„Ein Gespenst geht um in Europa …“ - Ein kapitalismuskritisches Festival im Berliner HAU

Mit dem Festival „Marx’ Gespenster“ knüpft das HAU Hebbel am Ufer an die Aktualität der Analyse und Kritik des Gesellschaftstheoretikers Karl Marx an und versucht, unterschiedlichen Artikulationen gegen heutige Herrschaftsreformen auf die Spur zu kommen, aber auch Auswege aufzuzeigen. Gesamtpolitische Aspekte aber vor allem auch Reflexionen von Künstler_innen, die in ihrer Praxis tagtäglichen Formen der Selbstausbeutung und Aufforderung zur Selbstoptimierung unterworfen sind, sollen im Zentrum stehen.

 

Die gespenstische Aktualität von Marxismus und den Fragen der sozialen Ungleichheit im Hinblick auf eine Zeit, geprägt von Katastrophen und Konflikten, gaben den Anreiz zur Entstehung des zehntägigen Festivals. Die unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten wollen den aktuellen Formen des (Anti-)Kapitalismus auf die Spur kommen und somit mögliche Widerstandspotenziale und Erkenntnisse für heute freilegen.

Es soll sich dabei zunächst aber nur um Bestandsaufnahmen handeln. „Wir wollen keine einfachen Lösungen anbieten, die kapitalistische Konsumgesellschaft beruht ja gerade auf der Illusion, für jedes Problem die angeblich passende Lösung auf den Markt zu bringen. Wir wollen erst mal sehen, was überhaupt los ist“, kündigt HAU-Kuratorin Aenne Quinones an.

Natürlich kann Theater ein wirkungsvolles Instrument sein, wenn es darum geht Widersprüche und Fragestellungen offen zu legen, aber wurde diese Ebene des Diskurses über die Marx‘schen Theorien nicht schon oft Gegenstand der Erörterung und sind wir deshalb über eine Bestandsaufnahme nicht schon längst hinaus? Ok, dann eben keine Lösungsvorschläge, sondern neue Denkweisen und Handlungshorizonte eröffnen: „Es geht darum zu verstehen, wie wir das geworden sind, was wir heute sind und welche wichtigen Werkzeuge uns aus der Geschichte für die Analyse gegenwärtiger sozialer und politischer Konstellationen zur Verfügung gestellt werden“, so Annemie Vanackere und das Team des HAU im Programmheft des Festivals.

Scheitern als Chance

Wenn wir als Produzenten Gefahr laufen, zu Subjekten unserer eigenen zu Produktion werden, dann gilt es dieses natürlich unbedingt zu verhindern, und so lassen Fabian Hinrichs und Schorsch Kamerun in der HAU-Produktion „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück“, ihrem musik-theatralen Eigenversuch jede Menge Spielraum und versuchen somit bewusst jegliche Erwartungshaltungen zu unterlaufen. „Wir steuern in unserer Spielform eher Umwege an“, sagen die beiden erfolgreichen Künstler. Die Performance beginnt mit einer gut 45minütigen musikalischen Einlage, bei der der Gesang Kameruns akustisch teilweise überhaupt nicht zu verstehen ist, aber zum Glück liegt ja der Songtext im Programmheft bei, sodass jeder dem Inhalt folgen kann – oder auch nicht. Im nachfolgenden Teil des Abends bekommen wir von Hinrichs einen Monolog präsentiert, der größtenteils aus unzusammenhängenden Worten und Satzfetzen besteht, hin und wieder Hilferufe dazwischen gepackt. „Die Aufgabe ist aber, nicht zu intern eindeutig zu sein –finden wir.“

Ganz anders zeigte sich die Arbeit „!Geld?“ von Patrick Wengenroth. Zusammen mit Schüler_innen einer achten Klasse der Hector-Peterson-Schule in Berlin-Kreuzberg, begibt sich der Schauspieler und Regisseur auf Recherchereise. Bei der Präsentation der Ergebnisse im HAU3 bekommt das Publikum von den Schüler_innen sowohl Zitate prominenter Persönlichkeiten und Nachahmungen beliebter TV-Formate, als auch persönliche Geschichten aus dem Alltag einzelner Schüler_innen zu hören. Viel herzliches Gelächter der zuschauenden Familien aber auch von den Darstellenden auf der Bühne, dominieren den Abend. Die thematische Einbettung des Projekts in das kapitalismuskritische Festival wird an diesem Premierenabend außen vor gelassen. Dennoch bleiben rückblickend vor allem solche Szenen in Erinnerung: Zwei Schülerinnen sitzen auf der Bühne und erzählen heimlich grinsend, aber überraschend authentisch, von ihrem gestrigen Tag. Auf den Punkt gebracht erfahren wir jeden Handlungsschritt der sich gestern zugetragen haben soll, von der Idee zu Kaisers zu gehen und Chips zu kaufen bis hin zur Umsetzung in die Tat usw. Der gesamte Tagesablauf stützt sich auf die Möglichkeit Geld auszugeben, auch wenn es nicht mehr als fünf Euro am Tag sein können und auch wenn man eigentlich nichts davon braucht. Chips, Eistee, Slush, Kaisers, Aldi, Mall of Berlin – völlig egal wo und was, Hauptsache ausgehen und konsumieren. Selbst fürs Nichtstun oder gerade dann, braucht man es, Geld.

Begleitend zeigt das Festival zwei Installationen. Was passiert mit Wissensformen, die nicht länger einem bestehenden politischen System zugeordnet werden können? In der Filmmontage „marxism today (prologue)” befragt der britische Künstler Phil Collins zu dem Thema drei ehemalige DDR-Lehrer_innen marxistisch-leninistischer Theorien. Die drei Frauen reagieren mit unterschiedlichen Graden an Anpassungsfähigkeit auf die politischen Veränderungen in ihrem Leben. Neben den Interviews zeigt der Film auch seltenes Archivmaterial. So kann man sich den Ausschnitt einer damaligen Unterrichtstunde, von originalen DDR-Schulbänken aus ansehen. „Gibt es in Westdeutschland noch Ausbeutung?“, fragt der Lehrer seine Klasse. Die Ansichten der Schüler_innen, auf diese zur Diskussion gestellte Frage, gehen auseinander. „Aber wer hat nun recht?“ Der Lehrer beginnt den Schüler_innen noch einmal ausführlich das Prinzip des Kapitalismus zu erklären und am Ende steht fest: „Ausbeutung gibt es in Westdeutschland nach wie vor.“

Das Festival macht deutlich, wie aktuell die Kritik von Marx ist. Heute, nach sieben Jahren Finanzkrise, in deren Zentrum gespenstische Vermögen und Schulden und eine Bedrohung der Demokratie in Griechenland stehen, oder angesichts der aktuellen Not der Flüchtlinge, die auch als fatale Folge eines unkontrollierten und immer subtiler agierenden Kapitalismus verstanden werden muss, scheint die Analyse und Kritik Karl Marx' erneut an Relevanz zu gewinnen. (aus der Festivalpublikation) In den Spielstätten des Berliner HAU verleihen in diesen zwei Wochen verschiedene Künstler_innen, in insgesamt 17 unterschiedlichen Darbietungen, dem instinktiven Wunsch nach Demokratie und sozialer Freiheit Ausdruck. Ob gewollt oder nicht, hier macht Theater Politik.