Wenn Theater von der Bühne steigt und wie das Zentrum für politische Schönheit Aktionismus als Kunst inszeniert

Sie ermöglichen zwei toten Flüchtlingen eine angemessene Beerdigung in Berlin direkt vor dem Bundeskanzleramt. Sie erschaffen ein Projekt des Familienministeriums, in dem sie Kinder aus Kriegsgebieten an deutsche Familien vermitteln wollen, ohne dass das Familienministerium darüber Bescheid weiß. Sie setzen 25.000 für Informationen über illegale Machenschaften von Anteilseignern eines Rüstungskonzerns aus. Sie bringen die Mauerkreuze, die an die ermordeten Flüchtlinge aus der DDR erinnern sollen, an die EU-Außengrenze und drücken sie dort den gegenwärtigen Flüchtlingen in die Hand.

Das Zentrum für politische Schönheit bezeichnet sich selbst als eine „erweiterte Form von Theater: Kunst muss wehtun, reizen, Widerstand leisten“, aber was für eine Art von Theater ist das? Wer sind die Zuschauer? Wer sind die Darsteller? Was ist die Bühne?

2014 ist es in Broschüren und Werbespots zu sehen: Das Familienministerium möchte 55.000 syrische Kinder retten, indem sie diese aus Kriegsgebieten an vorläufige Pflegefamilien in Deutschland vermittelt. Nach zu lesen ist das alles auf der Internetseite www.kindertransporthilfe-des-bundes.de, auf welcher eine ausführliche Erklärung, fertige Anträge und Gesetzestexte für interessierte Familien bereitstehen, um diese von der Echtheit zu überzeugen. Innerhalb einer Woche bewerben sich 800 Familien. Das Familienministerium weiß nichts von diesem Projekt. Erst nach einiger Zeit und Überraschung auf der Seite der Regierung klärt sich, wer hinter dem Projekt steckt. Es ist eine Theateraufführung des Zentrums für politische Schönheit. Der einzige Auftritt neben Internet und Medien ist eine kleine Versammlung vor dem Familienministerium, wo stellvertretend von dankbaren Bürgern Geschenke angenommen werden. Eine Bühne ist nicht vorhanden. „Das Herzstück der gesamten Kampagne“ nennt das ZPS die Internetseite. Die Aufführung findet in den Medien statt. Die Akteure: 800 Familien, sechs Schauspieler, die die Anrufe entgegen nehmen, das Kanzleramt, natürlich die Organisatoren des Spektakels und die Presse, ohne welche das Projekt niemals so schnell bekannt geworden wäre. Die Medienlandschaft wird zur Bühne. Die wenigsten Zuschauer sind bei den Auftritten dabei, das Publikum rezipiert durch Zeitungen, Nachrichten und im Internet. Das wird vom ZPS unterstützt, indem sie etliche Links zu Zeitungsartikeln auf ihrer Seite haben, Zitate aus der Presse in ihr Layout integrieren, eigene Artikel schreiben, Interviews geben, vor ihren Projekten posen und im Internet durch die eigenen und weitere Internetseiten breite Präsenz zeigen. Der Leitspruch scheint hier zu sein: Auch wenn du nicht ins Theater gehst, das Theater kommt zu dir. Die Aufführung findet in der Öffentlichkeit statt und diese Öffentlichkeit schafft einen solchen Druck auf das Familienministerium, dass die Theatermacher ins Kanzleramt eingeladen wurden. Das ZPS nutzt symbolische Gesten, die sich für Schlagzeilen eignen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und so die Regierenden ins Verhältnis zu setzen zu dem, was möglich wäre. André Leipolt, Mitarbeiter im ZPS, schreibt in einem von ihm verfassten Artikel in der Zeitschrift 'Theater der Zeit': „Wir können Menschen nicht Entscheidungen abnehmen, wir können aber Kontexte schaffen, in denen Menschen zu Entscheidungsträgern werden.“

Vor 16 Jahren hat Christoph Schlingensief mit seiner Aktion „Bitte liebt Österreich“ die Grenzen zwischen Politik und Theater ähnlich verwischt, sodass nicht mehr klar war, wer eigentlich Akteur war in dieser Aufführung.
Unter dem Banner mit der Aufschrift „Ausländer raus“ standen Bungalows, in welchen zwölf Asylbewerber rund um die Uhr gefilmt wurden und per live-stream im Internet angeschaut konnten. Ähnlich wie bei der damals aktuellen Serie Big Brother konnten sie vom Publikum rausgewählt werden und wurden angeblich direkt abgeschoben. Die ganze Aktion wurde dargestellt, als wäre sie von der FPÖ, einer rechtspopulistischen Partei, die Anfang 2000 in einer Koalition an die Regierungsspitze getreten war. In diesem politischen Theater wurde die Bühne in die realen Strukturen der Gesellschaft verschoben. Der Internetauftritt war ebenso Teil wie die Bungalows, und mit einer Pressewand wurden sogar die Medien, welche über die Aktion berichteten, Teil der Aufführung. Schlingensief kommentierte und wiederholte die empörten Zuschauer durch ein Megafon. Die gesamte Gesellschaft schien von der Inszenierung angesprochen zu werden, und genau das war das Thema dieser Aufführung: die Reaktion auf die Aktion. Die Rezeption auf die Aufführung. Wie verhält sich die Gesellschaft, wenn die nationalistischen Ideen „Ausländer raus“ durchgespielt werden? Publikum und Darsteller war jeder, der sich zu „Bitte liebt Österreich“ verhielt. Schlingensief versteckte sein Theater nicht in einem geschlossenen Raum, sondern warf es den Bürgern auf offener Straße vor die Füße, sodass es nicht ignoriert und als Kunst abgetan werden konnte.

Der Weg ist der Gleiche, aber das Ziel ein anderes. Schlingensief wie auch das ZPS treten in die Öffentlichkeit und initiieren dort Aufführungen, die sich vor dem 'Publikum' nicht als Theater ausgeben. Dadurch ist jedem unklar, in welchem Kontext sich die Aktionen befinden. Ist es im Kontext der Politik oder des Theaters zu bewerten? Welcher Maßstab passt? Die Unsicherheit schafft Neugier. Die Medien greifen die provozierenden Aktionen auf und verbreiten sie weiter. Die Öffentlichkeit zwingt die Gesellschaft, sich zu der Kritik zu verhalten. Danach müssen die Theaterschaffenden die Reaktionen abwarten und darauf wiederum gewitzt reagieren. Schlingensief benutzte die Aufmerksamkeit, um die Bürger zu kritisieren. Er konfrontierte die Bevölkerung mit sich selbst, während diese versuchte, sich von diesem Vorwurf freizumachen und dabei noch weiter hinein rutschte. Sein Ziel war es, den Einzelnen zur Selbstreflexion zu bewegen.
Das ZPS hingegen möchte Hoffnung schaffen. Philipp Ruch, Mitbegründer des ZPS, meint im Interview mit dem Spiegel Nr.48 von 19.11.2015 „Ich sehe es als meine Aufgabe und als Aufgabe des Zentrums, die Gleichgültigkeit meiner Generation zu durchbrechen.“ Laut jenem fühlen sich die Menschen machtlos gegenüber der Politik. Mit seinen Aktionen möchte er beweisen, dass es möglich ist, ohne Macht und Geld etwas zu bewegen. Das ZPS also geht mit gutem Beispiel voran und fordert immer wieder politische „Akte der Schönheit“. Die Galionsfigur Ruch fragt in seinem Manifest: „Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?“. Er sucht nach Ruhm und versucht das mit schönen Aktionen, die gute Schlagzeilen abgeben, zu erreichen. Anstatt Teil des Diskurses sein zu wollen, möchte er lieber ein Vorbild für seine Generation sein. Anstatt wie Schlingensief Kritik an der Gesellschaft zu üben, möchte das er ihnen vermitteln, sie könnten nur mit ein bisschen Mut und Engagement die Welt verändern. Schönes Theater macht das ZPS auf alle Fälle und in diesem Fall, hoffe ich, wird es auch als dieses abgetan.