„Größeres schaffen!“

Clair Howells im Gespräch mit Luise Gerlach über Theater, den öffentlichen Raum und die Vorteile eines eigenen Verbands.

 

www.theaterpolitik.de: Der Bundesverband Theater im öffentlichen Raum setzt sich für die Anerkennung von Theater im öffentlichen Raum als eigenständiges Genre ein. Warum die Betonung der Eigenständigkeit?

Clair Howells: Wir sind natürlich Teil der freien Theaterszene. Kunst, die draußen stattfindet, hat allerdings spezielle Bedingungen und Bedürfnisse. Unsere Arbeit ist sehr unmittelbar. Das Publikum ist breiter aufgestellt, alle sozialen Schichten sind vertreten. Im öffentlichen Raum können andere Themen, Formate und Formen vorkommen als in der klassischen Black Box. Es gibt nicht den geschützten Raum wie in einem geschlossenen Theater. Dadurch hat man mit Verkehr zu tun, mit verschiedenen Arten von Geräuschen, man macht selbst Geräusche, muss besondere Sicherheitsvorschriften beachten. Dafür können wir uns, je nach Ort, weiter ausbreiten.

 

Ein Problem für unsere Kunst ist, dass speziell in Deutschland die Anerkennung für unser Genre viel geringer ist als für die Indoor-Theaterszene. Dadurch ist auch die Fördersituation wesentlich schlechter. Das ist in Frankreich ganz anders. Aber auch dort gibt es einen eigenen Verband, was sich bewährt hat. In den letzten zehn Jahren, seit der Gründung unseres Verbands hat sich die Wahrnehmung unseres Genres schon deutlich verändert. Das Sonderprojekt Un-Orte, eine Zusammenarbeit mit dem Fonds darstellende Künste, das 2015 mit einem Symposium abgeschlossen wurde, war ein wichtiger Schritt für das Theater im öffentlichen Raum, um die Professionalität und die Vielseitigkeit des Genres zu zeigen. Dieses Projekt hat viele Künstler_innen aus der breiteren Szene zusammengebracht, nicht nur Verbandsmitglieder. Das ist eine gute Basis, wir haben gezeigt, was wir können.

 

Warum „Theater im öffentlichen Raum“ und nicht „Straßentheater“?

 

Darüber haben wir bei der Gründung lange diskutiert. Die Assoziationen zum Begriff „Straßentheater“ beschränken sich oft auf Gaukler, Feuerspucker etc., dabei hat unser Genre noch viel mehr zu bieten. Es hat außerdem den Ruf, nicht so professionell, nicht so ernsthaft zu sein. Davon wollen wir uns abgrenzen. Der Begriff „öffentlicher Raum“ signalisiert darüber hinaus, dass als Bühne nicht nur die Straße in Frage kommt, sondern auch andere Orte wie ehemalige Industriegebiete oder alte Fabriken mögliche Bühnen sein können. Der französische Begriff „arts de la rue“ hat schon von vornherein einen anderen Klang. Begriffe haben ja immer eine Geschichte und werden mit bestimmten Bedeutungen und Vorurteilen verbunden. Uns ist wichtig, die Professionalität und Vielfältigkeit zu unterstreichen, auch wenn es auf Deutsch etwas umständlicher klingt.

 

Ist Kunst im öffentlichen Raum immer gesellschaftspolitisch?

 

Ja, hundertprozentig. Das liegt an der Tatsache, dass wir Kunst da machen, wo Leute leben, spazieren oder einkaufen gehen. Wir bieten die Möglichkeit, dass sich Leute gemeinsam etwas anschauen können, und auch oft während der Aufführung miteinander kommunizieren. Das ist für mich sehr politisch; natürlich nicht im Sinne von Parteipolitik. Vor allen Dingen das gemeinsame Erlebnis, das gibt es anderswo immer weniger, wo Leute mit ihrem Laptop oder eigenem Fernseher in ihren Zimmern sitzen. Wenn man Theater im öffentlichen Raum sieht, erlebt man gleichzeitig auch andere Zuschauer, ob das zehn sind, Hunderte oder gar Tausende. Das ist etwas sehr besonderes.

 

Die Bandbreite eurer Mitglieder reicht von Großgruppen mit aufwändigen Produktionen über Kleingruppen und Solo-Künstler_innen, bis hin zu Festivalleiter_innen und Kulturmanager_innen. Was sind die gemeinsamen Ziele?

 

Gemeinsam ist uns, dass wir alle davon überzeugt sind, dass unser Genre eine wichtige Sparte in der Kunst ist. Ein wichtiges gemeinsames Ziel ist, dass unser Genre kulturpolitisch anerkannt wird und nicht als Stiefkind der freien Künste behandelt wird. Wir wissen, dass wir Größeres leisten können, wenn wir zusammen auftreten. Letzten Endes geht es natürlich auch um Geld, denn man braucht eine gewisse finanzielle Ausstattung, um gute Arbeit zu machen. Ich bin der Meinung, dass Kunst von öffentlichen Geldern gefördert werden muss. Aber der Horizont ist größer als das. Kultur ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft und ein von der UNESCO verbrieftes Recht. Um in diesem Bereich von Kultur zu arbeiten brauchen wir bestimmte Bedingungen. Das fängt nun mal an mit der Anerkennung und finanziellen Ressourcen.

 

Ebenso wichtig ist für uns der Austausch. Schon seit der Gründung organisieren wir jedes Jahr eine Wintertagung. Da geht es nicht nur um Geld, sondern auch um inhaltliche Fragen. Warum arbeiten wir im öffentlichen Raum? Wie beeinflusst der öffentliche Raum das, was wir machen? Was sind neue Formen? Was sind Inhalte unserer Arbeit? Was sind neue Möglichkeiten?

 

 

Die meisten eurer Mitglieder finanzieren Ihre Arbeit nicht mal teilweise über Projektförderungen, geschweige denn über institutionelle Förderung. Welche öffentlichen Förderbedingungen bedarf es, um Theater im öffentlichen Raum zu ermöglichen?

 

 

Für viele Gruppen im freien Theater generell ist es ein Problem, dass man mit der Förderung von einem Projekt zum nächsten geht. Viel Zeit und Energie gehen in die Antragsstellung und nur wenige Anträge haben Erfolg. Langfristige Möglichkeiten sind für Gruppen absolut nötig. In unserer Szene sind es noch weniger Gruppen, die institutionelle Förderung erhalten. Das ist kurzfristig nicht zu ändern, deswegen sind unsere ersten Schritte Sonderprojekte. Gerade arbeiten wir an einem Folgeprojekt für „Un-Orte“. Natürlich unterstützen wir Gruppen, die institutionelle Förderung zu beantragen.

 

 

Es gibt viele Baustellen für das Genre: Förderstrukturen, in denen Künste im öffentlichen Raum so gut wie nicht vorkommen; Festivals, deren Etats durch kommunale Finanzierungsschwierigkeiten knapper werden; die Etablierung von Theater im öffentlichen Raum als „eigenständiges Kunstgenre“. Wie kann ein Verband mit knapp hundert Mitgliedern und einem ehrenamtlichen Vorstand unter diesen Voraussetzungen erfolgreich agieren?

 

 

Tja, mit viel Arbeit! Es wäre toll, wenn wir den Sprung von der Ehrenamtlichkeit in ein eigenes Büro schaffen würden. Die Tatsache, dass wir alle über die ganze Bundesrepublik verteilt sind, macht es schwer, eine Geschäftsstelle zu koordinieren. Aber wir gehen kleine Schritte. Wir haben zur Zeit eine freie Mitarbeiterin, die bestimmte Aufgaben für uns übernimmt: Papierkram, Pressemitteilungen, Briefe an Festivals etc. Wichtige Teile unserer Arbeit sind jedoch auch Repräsentation und Networking, beispielsweise für den Erhalt der für unser Genre sehr wichtigen Kulturbörse „Performance“ in Paderborn. Da kann man nicht einfach jemanden dafür bezahlen, den Kontakt zu pflegen.  Und bestimmte Aufgaben fallen automatisch mir als Vorsitzende zu.

 

Der jetzige Vorstand arbeitet schon drei Jahre in dieser Konstellation und wir haben uns bestimmten Aufgabengebieten zugeteilt. Das funktioniert gut, aber natürlich hat jeder auch seine künstlerische Arbeit. Man kann nicht jeden Tag Verbandsarbeit machen.

 

 

Im März 2016 gründete der Bundesverband TiöR gemeinsam mit La Fédé aus Frankreich, FARS aus der Schweiz, sowie ACMUR aus Burkina Faso die „International Federation for Arts in Public Spaces“, kurz IFAPS. Was verspricht man sich von diesem internationalen Netzwerk?

 

 

Die Erfahrung, die wir jeweils in unseren Ländern gemacht haben ist, dass wir als Verband viel effektiver arbeiten können. Wir haben in dieser Form mehr Gewicht, als wenn sich jeder einzelne an bestimmte Stellen wendet. Wichtig ist uns, der IFAPS ein Verband ist, in dem nicht einzelne KünstlerInnen oder Gruppen Mitglied sein können, sondern nur Verbände, die die Szene in ihrem jeweiligen Land vertreten.

 

 

Langfristig wollen wir zusammenbringen, was die Gemeinsamkeiten des öffentlichen Raumes in den jeweiligen Ländern sind und wir eine Charta des öffentlichen Raums schreiben. Dazu müssen wir Symposien und Tagungen organisieren, um miteinander im Gespräch zu sein. Da wir gerade erst anfangen, sind wir momentan damit beschäftigt, mit den Verbänden aus anderen Ländern zu sprechen, zum Beispiel aus England, Spanien, Chile, Italien und Kanada. Wir rechnen mit acht bis zehn Mitgliedsländern Ende des Jahres.

 

 

Jedes Land hat drei Delegierte und wir versuchen, uns so oft wie möglich zu treffen. Das machen wir meistens auf Festivals, wo Theater im öffentlichen Raum stattfindet, oder zum Beispiel der Fresh Street Konferenz in Spanien. Ende letzten Jahres war ich in Paris und wir haben uns und unsere Vorhaben dem Kultusministerium vorgestellt, um finanzielle Unterstützung für die Start Up Zeit zu bekommen. Damit wollen wir Kommunikationsmöglichkeiten und Informationsplattformen aufbauen. 

 

 

Wo steht das Theater im öffentlichen Raum 2026?

 

 

Das ist natürlich noch da, aber ich glaube, es wird sich ändern. Schon seit einiger Zeit wandelt sich der öffentliche Raum unheimlich. Wir erleben es gerade in Frankreich mit dem anhaltenden Ausnahmezustand und den Verboten, mit vielen Leuten auf einem Platz zu sein. Das ist hoffentlich bald vorbei. Aber wenn es in der Richtung weiter geht, wird sich einiges für uns verändern.

 

 

Man hat in Paris allerdings auch wieder die Bedeutung des öffentlichen Raumes gesehen. Wo gingen die Menschen hin, um ihre Trauer und Wut zum Ausdruck zu bringen? Auf die Straße! Der öffentliche Raum wird immer ein Ort sein, wo Menschen in Kommunikation treten und sich zum Ausdruck bringen wollen. Von daher sollten wir nicht schüchtern sein und nach drinnen ausweichen. Aber die Formen und Themen werden sich ändern. Zur Zeit entstehen viele biografische und stadtgeschichtliche Projekte.

 

 

Weitere – und sehr problematische – Veränderungen sind die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumes und die Kommerzialisierung der Kultur. Es ist mein Traum, dass unsere Kunst trotzdem bleibt und dass sie öffentliche Unterstützung erhält. Vielleicht ist das sehr utopisch, aber das ist mein Prinzip. Ich finde das wichtig und wir müssen was dafür tun. Wir werden harte Zeiten erleben, wir haben harte Zeiten, daher ist ein Verband umso wichtiger, um uns gegenseitig zu unterstützen, Mut zu machen, dem Genre ein Gewicht zu geben, ein Referenzpunkt zu sein und immer wieder spiegeln zu können, was wir tun.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Clair Howells ist Schauspielerin, Gründungsmitglied und Co-Direktorin vom „Theater Titanick“, mit Sitz in Münster und Leipzig. Ihre Schauspielausbildung erhielt sie in der Scuola Internazionale di Teatro (Rom) sowie bei Philippe Gaulier (Paris). Seit 1990 geht sie mit den Produktionen des Theater Titanick weltweit auf Tour. Clair Howells leitet Workshops für Amateure im Rahmen von Titanick-Produktionen, übernimmt Lehraufträge am Institut für Theaterpädagogik der Fachhochschule Osnabrück (Lingen/Ems) und hielt weltweit Seminare an Universitäten. Seit 2011 leitet sie Ausbildungsmodule am FAI AR in Marseille (Frankreich) und ist Kuratorin des Theaterfestivals FLURSTÜCKE in Münster. Clair Howells gehört zu den Mitbegründern des Bundesverbandes Theater im Öffentlichen Raum und ist seit 2012 Vorsitzende. Seit März 2015 ist sie zudem Vorsitzende des neu gegründeten IFAPS (International Federation of Arts in Public Spaces).

 

 

 

www.theater-im-oeffentlichen-raum.de.