Next Generation im Freien Theater - Ein Kommentar zum Fachforum „Generationenwechsel“ in Hannover

Von den Alpen bis ans Meer wird vom Generationenwechsel im Freien Theater gesprochen. Stichworte wie „Next Generation“ und „Generation Y“ sind immer wieder zu hören und zu lesen. Doch was hat es mit diesem Generationenwechsel auf sich? Woher kommt der Trend, darüber zu sprechen?

Die erste Generation der freien Theatermacher schreitet unweigerlich auf das Rentenalter zu – auch wenn einige das noch nicht wahrhaben wollen. Oft schon in den 1970er Jahren haben sie eigene Gruppengegründet, Ästhetiken in der Stadt und im Land etabliert und Förderer ans Haus gebunden. Viele haben ein reiches Erbe geschaffen, das weitergeführt werden soll. Es ist offensichtlich, dass etwas getan werden muss ob der alternden Freien Szene und ihrer Strukturen. Die Frage ist nur wie?

 

Zu diesem Thema lud der Bundesverband Freier Theater (BUFT) im Dezember 2014 im Rahmen von Fachforen zum Thema „Next Generation“ freie Theaterschaffende nach Hannover ein. Da waren Klagelieder zu hören von Hauseigentümern, die in Schleswig-Holstein keine Nachkommen akquirieren konnten, da es zu wenige Nachwuchskünstler gäbe. Andere Theaterleiter konstatierten, die Landesförderung sei personell an sie gebunden und deshalb wäre es so schwierig, neue Künstler ans Haus zu holen. Und immer wieder der Ruf: Das Publikum ist an uns gewöhnt. Wenn die jungen Nachwuchskünstler auf der Bühne stehen, kommen die Leute nicht mehr!

Um sich von einem erfahrenen Mann, der schon einige Generationenwechsel begleitete, ein paar weise Ratschläge einzuholen, hatte man Heiner Staggen, Vorstand des Bauernverbands Schleswig-Holstein, eingeladen. Dieser berichtete, dass der Bauernverband längst Gremien gebildet hätte, die den Generationenwechsel auf Höfen unterstützten. Dabei würde von Fall zu Fall überlegt, welche Traditionen beibehalten werden und wo Neuerungen von den Übernehmenden sinnvoll seien. Eine Mischung aus Neuem und Bewährten sei oft der richtige Mittelweg. Auch müsse eine Übernahme schrittweise passieren. In der Landwirtschaft seien dafür meist fünf Jahre vorgesehen, in denen Jung und Alt zusammenarbeiteten. Die Frage, die sich stellt: Könnte diese Methode auch bei Freien Theatern funktionieren?

Zum Glück waren in Hannover einige Theatermacher anwesend, die den Generationenwechsel bereits leben. Das Theater Chawwerusch im südpfälzischen Herxheim erkannte früh, dass es bald aussterben würde, wenn es sich nicht zügig um Nachwuchs kümmert. Die alte Riege um Monika Kleebauer engagierte zwei junge Schauspieler, die auf lange Sicht das Theater übernehmen sollen. Förderer aus Stadt und Land stellen für drei Jahre eine zusätzliche Finanzierung zur Verfügung, die in dieser Zeit den schrittweisen Übergabeprozess ermöglicht. Dabei suchen die jungen Nachwachsenden auch nach einer neuen künstlerischen Ausrichtung und versuchen, junges Publikum zu akquirieren. Dies könnte ein Weg sein, der als Vorbild für den Generationenwechsel fungiert und der Hofübergabe in der Landwirtschaft ähnelt! Ist es also an der Zeit, dass die Freie Szene aus anderen Arbeitsfeldern lernt?

Noch am selben Abend folgte die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur Dr. Gabriele Heinen-Kljajic der Einladung des BUFT und stand in Hannover für Fragen und Antworten zur Verfügung. Das Land sei bereit, ein Begleitprogramm für den Generationenwechsel zu finanzieren, so die Ministerin. Jedoch wachse der Topf der Freien Szene keineswegs. Die Gelder, die für solch ein Projekt ausgegeben würden, fielen dann an anderer Stelle weg. Eine Lösung, die die Umstrukturierung auf Kosten anderer vorsieht, ist wahrlich nicht die Beste.

Die Vordenker von einst sind nun an der Reihe, zu überlegen, wie sie ihr Erbe verwalten wollen. Ist es wichtig, feste Strukturen zu etablieren? Oder folgt jedes Theater seiner eigenen Nase und organisiert die personelle Weitergabe für sich? Frei nach dem Motto: Es hat bis jetzt doch immer alles irgendwie geklappt. Schließlich sind „wir“ das Freie Theater, immer Labor, gerne Experiment und vor vierzig Jahren hat uns auch niemand erklärt, wie Theater zu machen ist!

Junge Nachwuchskünstler, die bereit sind, in die Fußstapfen der ersten Generation zu treten, gibt es jedenfalls reichlich. Die Theater, die sich beschweren, dass es in ihrer Region keine jungen Künstler gäbe, sind gefragt, diese aus der großen deutschen Theaterlandschaft einzuladen. Ein attraktives Stipendienprogramm wie beispielsweise das Projekt „flausen“ am Theater Wrede in Oldenburg ist eine gute Möglichkeit. Diese Häuser sind nachgefragt bei jungen qualifizierten und auch noch dankbaren Theatermachern. Eine absolute Win-Win-Situation für Jung und Alt. Allenfalls ist es ratsam, sich rechtzeitig – also jetzt – Gedanken zu machen, wie es in Zukunft weitergeht. Wenn in Schleswig-Holstein die Theater schließen, weil die Leiter ihre Verantwortung nicht abgeben wollen, hätten nicht nur sie etwas verloren.