Mehr Geld für weniger Projekte?

Die Auswirkungen der Honoraruntergrenze auf die finanzielle Situation im freien Theater

 

Faire Arbeitsbedingungen und Honoraruntergrenzen, die Ausweitung der Konzeptionsförderung,

Verstetigung und Ausbau der Investitionsmittel – das sind die Forderungen der Arbeitsgruppe

Theaterhäuser des Landesverbandes Freier Theater Niedersachsen (LaFT). Unter dem Motto „Wir

beflügeln Niedersachsen“ verteilten die LaFT-Geschäftsstelle sowie Vertreter*innen der

Theaterhäuser am 14. Juni 2017 das aktuelle Positionspapier des LaFT am Rande des

Niedersächsischen Landtagsplenums. Hintergrund der Forderungen sind die prekären

Arbeitsbedingungen, die wegen der derzeitigen finanziellen Lage in den freien Darstellenden

Künsten herrschen.

Die Verantwortung, diese Arbeitsbedingungen zu verändern, sieht der LaFT

auch auf Seiten der Förderer, denn „[d]ort wo öffentliches Geld in Kunst und Kultur fließt, wo ein

System aus Förderungen und Ausbildungen besteht […] tragen Geldgeber*innen nicht nur

Mitverantwortung für die Qualität und Breite des Angebots, sondern auch für die Situation der

Menschen, die dieses Angebot produzieren.“

 

Die Honoraruntergrenze

 

Seit 2015 gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn, der momentan bei 8,84 Euro pro Stunde liegt.

Auch in den Darstellenden Künsten wird die Forderung nach fairer Bezahlung immer lauter. Seit

dem 1. Januar 2017 liegt die Empfehlung einer Honoraruntergrenze des Bundesverbandes Freier

Darstellender Künste (BFDK) bei 2.300€ für Berufsgruppen mit Versicherungspflicht in der

Künstlersozialkasse (KSK) bzw. bei 2.660€ im Monat für Berufsgruppen, bei denen eine soziale

Absicherung über die KSK nicht möglich ist.

Obwohl eine angemessene Bezahlung selbstverständlich sein sollte, ruft die Einführung der

Honoraruntergrenze auch Bedenken hervor. Im Positionspapier des LaFT heißt es hierzu: „Wir als

Landesverband stützen diese Empfehlung – allerdings unter der Prämisse, dass die künstlerische

Vielfalt und das flächendeckende Angebot im Land darunter nicht leiden dürfen.“

Wie gehen die Förderer mit diesen Forderungen um? Werden weniger freier Projekte gefördert,

wenn die Kosten für einzelne Projekte steigen? Wird es Einsteigern erschwert, sich zu etablieren,

wenn die Anzahl geförderter Projekte abnimmt? Oder können die steigenden Kosten durch einen

Anstieg der Fördermittel ausgeglichen werden?

 

Eine Bestandsaufnahme

 

Die Forderung nach einer Honoraruntergrenze besteht nun seit zwei Jahren. Und ihr Einfluss auf die

Kulturverwaltungen der Bundesländer und Kommunen ist spürbar. In Hannover verweist bereits das

Antragsformular der Projektförderung auf die Honoraruntergrenze und empfiehlt eine Einhaltung.

In München hat die Stadt eine Mehrbedarfsermittlung zur Einhaltung der Honoraruntergrenze in

Auftrag gegeben. Betrachtet man die Förderentscheidungen im Jahr 2017, ist jedoch eingetreten,

was der BFDK vermeiden wollte: es werden weniger Projekte gefördert. Waren es 2016 in Berlin

37 Einzelprojekte, sind es 2017 nur noch 30. Die Hansestadt Hamburg fördert 2017/18 insgesamt

33 Projekte, während es 2015/16 noch 39 waren. Diese Entwicklung ist eindeutig auf die

Einhaltung der Honoraruntergrenze zurückzuführen. So heißt es in der Jury-Entscheidung 2017 der

Stadt Hamburg: „Die Jury hat sich wie im Vorjahr an der vom Dachverband für die freien

darstellenden Künste ausgesprochenen Empfehlung für eine Honoraruntergrenze für freischaffende

Künstlerinnen und Künstler orientiert. Dadurch steigen im Durchschnitt die Antragssummen und

entsprechenden Förderbeträge der Einzelprojekte; die Anzahl der Gesamtbewilligungen ist

allerdings zurückgegangen.“

 

Zukünftige Entwicklungen

 

Es bedarf also einer kontinuierlichen Aufstockung der Fördermittel. Das Land Berlin hatte hierfür

bereits eine Summe von insgesamt 1,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Und auch in

Hamburg steigt die Summe für die Projektförderung in den Jahren 2017 und 2018 um jeweils

60.000 Euro. Am 16. Juni 2017 wurde der Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen zwischen

der CDU und der FDP veröffentlicht. Dieser sieht vor, den Kulturhaushalt des Landes bis 2022 um

50 Prozent anzuheben, um den Kulturschaffenden eine bessere Planungssicherheit zu ermöglichen.

 

Weitere Forderungen

 

Die Forderung von fairen Löhnen ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Aspekt im Rahmen der

Verbesserung von Strukturen in der Freien Szene. Das Bemühen darum, die Anzahl geförderter

Projekte beizubehalten, birgt das Risiko, Quantität vor Qualität zu fordern. Hiermit soll nicht die

künstlerische Qualität beurteilt werden, sondern die Qualität der Produktions- und

Aufführungsbedingungen. Mehr Geld für weniger Projekte könnte bedeuten, dass Künstler*innen

nicht nur angemessen bezahlt werden, sondern auch mehr Zeit für die Produktionsprozesse haben.

Nachhaltige Strukturen könnten etabliert werden, indem mehr Kunstschaffende die Möglichkeit

erhalten, mit einzelnen Produktionen auf Gastspieltour zu gehen.

Solange die Fördermittel nicht dem tatsächlichen Bedarf entsprechen, muss womöglich für einen

kurzen Zeitraum eine Abnahme der Anzahl von Projektförderungen in Kauf genommen werden, um

eine Veränderung des Systems zu ermöglichen. Prekäre Arbeitsbedingungen sind jedenfalls, auch

zugunsten der Kunst, nicht aufrechterhalten zu erhalten.