„Eine Zusammenarbeit von Freiem und Stadt- und Staatstheater kann funktionieren. Aber wir müssen es wollen.“

 

Ein Gespräch über die Entwicklung des Freien Theaters

Henning Fülle hat seine Dissertation über das Freie Theater verfasst. Diese wird im Theaterhaus Hildesheim als Ausgangspunkt für ein Gespräch über die mögliche Zukunft des Freien Theaters genommen. Auf der Bühne sitzen Martina von Bargen vom Landesverband Freier Theater in Niedersachsen (LaFT), Anika Kind vom Theaterhaus und Henning Fülle, die mit dem Moderator der "www.theaterpolitik.de"-Redaktion Thilo Grawe ins Gespräch kommen..

 

 

 

Freies Theater braucht mehr Sichtbarkeit

 

Moderator: Wie könnte eine Modernisierung des Theaters aussehen? Wenn man da ganz träumerisch rangeht, was sind mögliche Perspektiven, die eine Parallelität von Freiem und Stadt- und Staatstheater möglich machen oder Schnittmengen zwischen beiden zulassen?

 

 

Martina von Bargen vom LaFT: Ich glaube, dass neben der dringend notwendigen wachsenden Wertschätzung auch eine bessere Ausstattung mit Mitteln unabdingbar ist. Wir als LaFT träumen davon, die Konzeptionsförderung des Landes zu verdoppeln, weil es sowohl Häuser gibt mit der Aufgabe, Ort für spielende Gruppen zu sein, als auch Gruppen mit Konzepten, die Geld benötigen. Beide müssen sich um die gleiche Förderung streiten. Es wäre schön, wenn man zwei Geldtöpfe für die Förderung zur Verfügung hätte, die unterschiedliche Konzeptionen bedenken.

 

 

Anika Kind vom Theaterhaus: Ich sehe es auch als wichtigen Punkt, dass das freie Theater bekannt und sichtbar wird. Diese Sichtbarkeit wünschen sich auch viele Gruppen. Sie wünschen sich gesehen zu werden, sowohl von der Politik und der Förderung als auch natürlich vom Publikum.

 

 

Henning Fülle: Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es natürlich schön, wenn diese Parallelstruktur, also Stadttheater auf der einen Seite und freies Theater auf der anderen, überwunden wird. Aber natürlich nicht in dem Modus, dass das Stadt- und Staatstheater sich das vom freien Theater rauspickt, was es gebrauchen kann und der Rest fällt hinten runter. Ich glaube, dass das in der Tat eine Form von kulturpolitischem Diskurs wäre, dass man die beiden Systemstrukturen aufbricht und zu neuen Strukturen führt. Natürlich ist die Voraussetzung dafür, dass ein Prozess des Aufeinander-Zugehens, der Auseinandersetzung stattfindet. Dazu ist es wichtig, dass das freie Theater quasi aus dieser Bittsteller-Prekariatssituation rauskommt. Insofern ist natürlich jede Förderung, um dem freien Theater aufzuhelfen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, grundsätzlich richtig. Und dann müsste eine gemeinsame Arbeit aller Akteure stattfinden. Sie müssten sich an einen Tisch setzen und sich fragen „Was für eine Theaterform für welches Publikum brauchen wir? Wer kann das in welchen Strukturen am besten organisieren? Wie viele Ressourcen haben wir und wie kann man das vernünftig verteilen?“ Also, beispielsweise, warum soll es in einer alternden Gesellschaft nicht ein Theater für Alte geben?

 

 

Das Theater benötigt neue Strukturen

 

Zuschauerin: Ihr habt eben schon gesagt, dass das Stadttheater sich eventuell nur das aus dem freien Theater rauspickt, was sie für gut erachten. Wie ist da eure Erfahrung, zieht das freie Theater da dennoch irgendeinen Nutzen draus, zum Beispiel über die Bekanntheit, die es dadurch erlangen kann?

 

 

LaFT: Die Idee hinter einer Zusammenarbeit ist ja super. Was die Kollegen berichten, ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Es gibt extrem gelungene Kooperationen. Erstmal ist schon mal ein wichtiger Startpunkt, treffen wir uns wirklich auf Augenhöhe, gehen wir hier wirklich miteinander eine Kooperation ein? Lernen wir voneinander, sind wir offen füreinander? So sollte es sich idealerweise abspielen, dann läuft das auch sehr gut und dann gibt es bereichernde, fruchtbare Ergebnisse, die für alle Beteiligten Sinn haben. Es gibt aber auch immer noch das Problem, dass so eine Kooperation ausgenutzt wird, um Offenheit zu dokumentieren und zu zeigen. Da gibt es dann auch Berichte von Kolleginnen, dass leider der Name nirgends genannt wird, weil es in so einem System untergeht und es sehr schwierig ist zu beachten „Wie heißt denn diese freie Gruppe?“ Also sowohl als auch – die Idee ist super, dass es diese Programme überhaupt gibt finde ich toll, aber die Praxisberichte fallen eben sehr unterschiedlich aus.

 

 

Theaterhaus: Ich glaube, das liegt auch sehr daran, dass diese Öffnung von so einer Theatermaschinerie, also so einem großen Stadt- und Staatstheater, einfach nicht mit einem Fingerschnips erledigt ist. Da gibt es natürlich sicher Kooperationen, wo das auch sehr einfach funktioniert, aber sobald es dann wieder um so einen Imagemoment, so eine Sichtbarkeit geht, wird es dann auch manchmal wirklich schwierig.

 

 

Fülle: Die Kooperation zwischen Stadt- und Staatstheater wird ja extra finanziert. Die wird ja nicht aus dem Budget der Stadt- und Staatstheater finanziert, sondern die kriegen extra Kohle dafür.

 

 

Theaterhaus: Das ist eigentlich auch sehr risikoarm.

 

Fülle: Genau. Es gibt dann tatsächlich auch sowas wie Mitnahmeeffekte, von wegen „Okay, dann suchen wir uns jetzt eine freie Gruppe, machen mit denen irgendwas, kassieren die 150.000 Euro, die wir da pro Spielzeit kriegen. Aber die dürfen natürlich unsere Abläufe nicht stören, Technikerstunden, Bauproben, all diese Geschichten.“ Das sind absurde Vorgänge, die da stattfinden. Das freie Theater hat ein ästhetisch und dramaturgisch komplett anderes Produktionsprinzip, das mit dem Apparat und der Organisation des Ensembletheaters nicht einhergeht. Da gibt es Strukturen, die unterbrochen oder verändert werden müssen – es geht ja nicht immer gleich um Abschaffung, das ist gar nicht die Frage, sondern es müssen Schneisen reingeschlagen werden. Dann kann eine Zusammenarbeit von Freiem und Stadt- und Staatstheater funktionieren. Aber wir müssen es wollen. Und das Stadt- und Staatstheater muss es vor allen Dingen wollen.

 

 

Zuschauerin: Also wäre es eigentlich noch besser, wenn die Initiative vom Haus selber ausgeht?

 

Fülle: Ja, unbedingt! Frank Baumbauer zum Beispiel ist da tatsächlich so eine Art Pionier, der als Theaterintendant solche innovativen Ideen diskursiven Theaters mit sozialen Brennpunkten entwickelt, aber kriegt das auch nur dadurch gebacken, dass er dafür die Bundesmittel anzapft. Also ganz merkwürdige Vorgänge, wo man sich wünschen würde, dass das sozusagen tatsächlich als künstlerisches Anliegen entwickelt wird, durchgesetzt wird und dann quasi auch dazu führt, dass an so einem Haus auch die Strukturen und die Finanzierungsmöglichkeiten freigeschossen werden, um solche Dinge zu machen.

 

 

Freies Theater fordert Herzblut – und Professionalität

 

Moderator: Wie muss man eigentlich ausgebildet sein für diese Modernisierung der Theaterlandschaft? Wie kann Karriere aussehen, um dafür gewappnet zu sein, in der Freien Szene oder welcher Theaterlandschaft auch immer, zu bestehen? Was sind denn da so Rüstzeuge, die man an die Hand bekommen sollte?

 

 

Theaterhaus: Ich glaube, man braucht das Selbstbewusstsein, für sich und seine Sache einzustehen. Und sich sowohl der Politik als auch einem Publikum verkaufen zu können.

 

 

LaFT: Es ist nach wie vor auch aus meiner Betrachtung ein Anliegen, dass in einem Projekt Herzblut drinsteckt und es authentisch ist, da muss eine Entschiedenheit und ein Wille wahrnehmbar sein und ich glaube, dann kann man auch und gerade im freien Theater viele Dinge anstoßen, umsetzen, realisieren. Neben der Persönlichkeitsstruktur finde ich es auch wichtig, zu lernen, wie man Anträge schreibt. Das ist dann so ein praktisches Werkzeug, das man vielleicht auf dem Weg mitnimmt.

 

 

Theaterhaus: Wichtig ist auch das Offensein für andere Bereiche, andere Sparten, die nicht sofort mit dem eigenen Tun einhergehen, aber es bereichern können. Also ein Umgang mit neuen Impulsen von außen.

 

 

Fülle: Ich halte die Entwicklung einer professionellen Arbeitsteilung im freien Theater eigentlich für eine Errungenschaft. Auch wenn damit das egalitäre Prinzip des Kollektivs ausgehebelt wird. Die Entwicklung von Produktionsbüros und die Professionalisierung von bestimmten Bereichen wie der Dramaturgie, Marketing und Verwaltung sind wichtige Voraussetzungen, um künstlerische Projekte nach vorne zu bringen. Andererseits ist ein Ausprobieren von extremer Bedeutung. Künstlerisch experimentieren. Dafür braucht man Platz. Deshalb sind die technische Basis und die Räume in Studiensystemen, wie das Burgtheater in Hildesheim, von so großer und wichtiger Bedeutung.

 

 

Theaterhaus: Ich meine, dass man noch viel solidarischer, stärker, lauter auftreten müsste. Kannst du da nochmal kurz etwas zum Stand der Dinge sagen? Zum anderen, hast du Ideen, was da noch passieren sollte?

 

Fülle: Ich weiß, dass jemand, der künstlerisch unterwegs ist, sich als Funktionär nicht wirklich eignet.

 

LaFT: Also ob er sich nicht eignet, weiß ich nicht. Es ist eben meist nicht der Schwerpunkt des Interesses. Die künstlerische Arbeit ist dann ja schon anspruchsvoll und ausfüllend genug. Ich finde es manchmal extrem wichtig, jemanden aus der Praxis dabei zu haben, wir arbeiten ja zum Beispiel mit einem ehrenamtlichen Vorstand. Die Aktiven bringen sich da ein und machen auch eine Reflexion, ob wir richtig unterwegs sind, ob das wirklich die Themen sind, die sie bearbeitet haben wollen. Aber in aller Regel geben sie diese Aufgabe sehr gerne der Interessensvertretung ab.

 

 

Fülle: Klar muss es da eine vertrauensvolle Zusammenarbeit geben, man muss Feedback bekommen und sowas, aber diese Differenzierung von arbeitsteiligen Funktionen finde ich richtig. Jeder soll gucken, wo kann ich am besten meinen Beitrag leisten.

 

Theaterhaus: Auch wir haben ja basisdemokratisch angefangen und immer alles mit allen abgestimmt. Und jetzt gibt es einen Vorstand und die wirklich Aktiven sind wir, die Mitarbeiter, die nach außen vertreten. Was ich wichtig finde, ist, dass es bei den Künstlern auch eine Sensibilität für den kulturpolitischen Bereich gibt. Dass sie sehen, was da für sie geleistet wird. Was ich aber an einer Arbeitsteilung auch sinnvoll finde, ist, dass man hinsichtlich auf Förderung und Politik auch ein Gesicht hat, dass man mit bestimmten Schwerpunkten assoziieren kann. Dass man weiß, an wen man sich wenden kann.

 

Fülle: Was total wichtig ist in diesem kulturpolitischen Feld, dass man weiß, worüber man redet. Dass man die Verhältnisse kennt, in denen man sich bewegt und handelt. Insofern ist dieser ganze Kulturpolitik-Studiengang, aber natürlich auch die ganze ästhetische Praxis so wichtig. Um rauszukriegen: Wo bin ich? Was kann ich? Was will ich? Wo soll es hingehen? Und auch: Wer sind die anderen? Die anderen, die uns möglicherweise im Wege stehen, die uns ausbremsen. Es sind ja keine Feinde, die machen ja auch Theater. Aber die machen es anders und wollen es anders. Also das Feld sollte man kennen, man sollte wissen, worüber wir eigentlich reden.