Bundesforum 2017 - Teil IV - Für ein Bündnis der Freien Darstellenden Künste (4)

Ein Bundesforum als Road Map
Von Wolfgang Schneider

Die Conclusio ist klar: Ein Weiter so darf es nicht sein, auch wenn viele konstatieren, dass es schon anders geworden ist. Aber die Freie Darstellenden Künste sind als zweite Säule der deutschen Theaterlandschaft noch immer das fünfte Rad am Wagen der Kulturpolitik. Alle bekunden wieder und wieder, wie wichtig „die Freien“ seien. Und es werde ja genug getan. Aber genug ist nicht genug. 2018 muss es die Wende in der Förderung geben, mit klaren Forderungen!

Selbstverständnisse
Das Bundesforum ist die Plattform des Diskurses, ist das Netzwerk der Akteure, ist die konzertierte Aktion für Kulturpolitik, in der Kulturpolitik und als Kulturpolitik. Wenn kein konsistentes Konzept öffentlicher Kulturförderung für die Freien Darstellenden Künste vorhanden ist, dann ist es Aufgabe der Künstler_innen als Zivilgesellschaft, ein solches zu entwickeln. Selbstbewusstsein prägen die Selbstverständnisse, weil das Künstlerische Gesellschaftliches zum Gegenstand hat und damit von besonderer Relevanz ist.


Selbsterkenntnisse
Noch immer fehlt der Bericht zur Lage der Darstellenden Künste, um zusammen zu denken, was zusammen gehört, um zu dokumentierten, was ist und zu debattieren, was sein sollte: Stadt und Land, Hand in Hand, ein Tisch beim Bund, konkret und rund! Reimt sich und ist längst überfällig; denn die Kunst von Tanz und Theater entsteht schon lange nicht mehr nur lokal, sondern regional und international – und beides schließt sich keineswegs aus. Denn auch Außenkulturpolitik ist mittlerweile und selbstverständlich auch mit der Theaterinnenpolitik verbunden und das ist wiederum eine gute Voraussetzung für weltweite Theaterbeziehungen.


Ausdifferenzierungen
Es gibt Theaterförderung, aber wie sieht es aus mit einer Künstler_innenförderung, wo bleibt die Mobilitätsförderung und wann werden die Projekte der Koproduktionsförderung zum Programm? Da ist noch Luft nach oben, da darf gerne in der Kulturpolitik weiter gedacht werden, da sollte die Bandbreite der Fördermöglichkeiten sich an der Vielfalt der Erscheinungsformen Freier Darstellender Künste orientieren. Die Grenzen sind fließender, Formate werden immer wieder neu erfunden, Flexibilität muss auch als Kriterium der Kulturförderung gelten. Und ein für alle Mal: Theaterkunst ist auch Soziokultur, Soziokultur kann auch Theaterkunst sein; professionell kann auch Amateurtheater sein und die Deprofessionalisierung ein Element des Berufstheaters!


Desiderate
Warum gibt es neben der Produktionsförderung eigentlich keine Publikumsförderung? Ohne Publikum kein Theater! Und wenn die Statistiker immer mal wieder die Kosten für den einzelnen Sitzplatz berechnen, wäre ja auch mal die Förderung der Rezeption zu überlegen – weniger quantitativ als qualitativ. Deshalb gilt Partizipation auch als Programm und sollte als förderungswürdig einen größeren Stellenwert genießen. Überhaupt wäre ein Umdenken von der Angebotsorientierung hin zur Teilhabeermöglichung eine streitbare Variante von Kulturpolitik. Wichtig bei solchen Überlegungen ist immer der Grundkonsens einer diversen Theaterlandschaft und noch wichtiger erscheint es, die Dogmen der Sparten und Spezialitäten zu hinterfragen, um Bewegung ins Spiel zu bringen.


Positionierung
Das Bundesforum ist ein Anfang, das Bündnis ein Auftrag. Verbündete von Bundesverband Freier Darstellende Künste und Fonds Darstellende Künste sind Kommunen, Länder und Bund; verbandspolitische Kooperationspartner sind der Deutsche Städtetag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund und der Deutsche Landkreistag sowie sowieso KMK und BKM. Die Grundförderung ist föderal und subsidiär, die gesamtstaatliche Aufgabe der Freien Darstellenden Künste mit ihren in jeder Hinsicht künstlerischen und kulturpolitischen Grenzüberschreitungen ist evident und deshalb eine Angelegenheit des Bundes. Es braucht in der Bundesförderung mindestens zehn Millionen Euro Aufwuchs, Jahr für Jahr, für mehr soziale und ökonomische Gerechtigkeit für die Freien Darstellenden Künstler_innen. Ja, die Darstellenden Künste brauchen mehr Geld für mehr Menschen in Produktion und Publikum.


Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Vorsitzender des Fonds Darstellende Künste e.V. und der ASSITEJ e.V., dem deutschen Zentrum der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche  sowie Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Stiftung Universität Hildesheim